Komfortabel und mit einem Vorsprung von beinahe zehn Prozentpunkten hatte der sozialdemokratische Kandidat Victor Ponta die erste Runde der Präsidentschaftswahl gewonnen. Das war auch kein Wunder, denn das Land war mit Plakaten überzogen worden, die dem Volk erklärten, dass allein Ponta die Gehälter und Renten erhöhen, dass allein Ponta die Steuern senken, den globalen Temperaturanstieg und das Herabstürzen von Meteoriten beenden würde. Wochenlang konnte man Ponta dabei zusehen, wie er in Klöstern vor Ikonen niederkniete und Reliquien küsste, um allen zu beweisen, dass er ein echter Rumäne und ein guter orthodoxer Christ sei. Und das alles nur, weil sein Gegenkandidat, dem niemand eine Chance einräumte, das Pech hatte, ein Deutscher zu sein.

Als Ponta dann am Abend des 16. November nach dem zweiten Urnengang vor die Reporter trat und den Sieg des Deutschen anerkannte, befiel mich dasselbe Gefühl der Unwirklichkeit, das mich letzten Sommer im Restaurant einer Pension in den Westkarpaten befallen hatte, als ich im Fernsehen die sieben Treffer sah, die einer nach dem anderen im Tor der Brasilianer einschlugen und zunehmend meinen Eindruck verstärkten, einen Traum zu erleben. Dann sah ich eine Karikatur, in der Angela Merkel mit siegreich erhobenen Armen den Platz der gewaltigen Christusstatue einnahm, die Rio beherrscht.

Denn Klaus Johannis, der Kandidat der Rechtskonservativen, hatte nicht bloß auf wundersame Weise die zehn Prozent aufgeholt, die ihm fehlten, sondern zehn weitere Prozentpunkte hinzugewonnen. Niemand hat einen solchen Triumph vorhersehen können. Auch heute noch versuchen die politischen Analysten das Unerklärliche zu erklären, aber die Sache bleibt hermetisch wie ein Vers von Mallarmé.

Ja, die drei Millionen Menschen umfassende rumänische Diaspora hatte sich empört, weil Ponta ihr Wahlrecht eingeschränkt hatte, indem er im Ausland nur ein paar Wahllokale hatte einrichten lassen, wo man in schier endlosen Schlangen anstehen musste. Ja, die Stimmung gegen Ponta, den man als lügenhaften Plagiator und Schutzpatron der Korruption ansah, ist auf Facebook lawinenartig angewachsen. Ja, da gab es auch den wirtschaftlichen Niedergang, der die Unzufriedenheit der Wähler verstärkte, aber die Rechnung geht nicht wirklich auf, wenn wir nicht noch ein unerwartetes und unvorhersehbares Kriterium in Betracht ziehen, das zweifellos entscheidend zum Sieg des deutschstämmigen Johannis beigetragen hat. Es handelt sich um den Mythos des Deutschen und Deutschlands in der rumänischen Kultur – inklusive der "volkstümlichen", jener "der Straße".

Johannis gehört zur alten sächsischen Bevölkerung, die im 12. Jahrhundert nach Siebenbürgen kam und zusammen mit den Banater Schwaben die deutschsprachige Bevölkerung Rumäniens bildete, nemţi werden sie genannt. Die Deutschen sind den Rumänen folglich bestens bekannt, man hat jahrhundertelang zusammengelebt, ohne sich zu vermischen (was gab es für einen Krach in der Familie meines Vaters, die in einem Banater Dorf mit gemischter Bevölkerung lebte, als Vater eine Deutsche mit nach Hause brachte und diese heiraten wollte!). Dafür aber auch ohne Konflikte. Im Unterschied zum Bild anderer ethnischer Minderheiten, denen gegenüber sich die Rumänen feindlich und chauvinistisch verhalten haben, war das der Deutschen stets positiv, wenngleich es mitunter auch von einem ironischen Grinsen begleitet wurde: Der Deutsche ist arbeitsam, ehrlich, verlässlich, pünktlich (in Dörfern mit gemischter Bevölkerung wurden die Deutschen für neun Uhr vormittags ins Rathaus einbestellt und die Rumänen für acht Uhr, damit alle gleichzeitig ankommen), und aus diesen Gründen hielt man sie für seltsam imaginäre Wunderwesen.