Die digitale Familie

Innovation und Nostalgie stehen bei Eike Christian Radtke etwa einen Meter voneinander entfernt auf dem Regal. Der Plattenspieler kommt aus der Vergangenheit. Ein schwarzes Kästchen, aus dem ein grünes Licht leuchtet, sieht aus, als käme es aus der Zukunft. Beide Geräte spielen Musik. Sie hängen sogar an denselben Lautsprechern. Aus welcher Quelle die Klänge kommen sollen, ob aus der Zukunft oder der Vergangenheit, wählt Radtke auf seinem iPad aus.

Mit Musik und Hi-Fi-Anlagen beschäftigt sich der 33-jährige Vertriebsmanager seit seiner Jugend. Er hat die Einführung des MP3-Standards miterlebt, ist CD und Schallplatte aber lange treu geblieben. Musik als Dateien über Funk zu versenden und zu empfangen, dem stand er lange skeptisch gegenüber.

Vor ein paar Jahren hat ihn jedoch die zunehmende Klangqualität überzeugt: Das Gerät mit dem grünen Licht ist von der Firma Naim, die schon hochwertige Musikanlagen produziert hat, bevor es das Internet gab – aber relativ früh netzwerkfähige Geräte entwickelt hat. Die Anlage verbindet sich per WLAN mit anderen Komponenten der Musikanlage und dem Internet. Einzig die Lautsprecher sind noch per Kabel angebunden. Radtke beobachtet aber, dass auch hier Premiumhersteller auf Funk zu setzen beginnen – obwohl lange galt: Je dicker das Kabel, desto besser.

Radtke und seine Frau entdecken nun immer mehr digitale Musikquellen: Auf dem hauseigenen WLAN-Server liegen massenweise Musikdateien, in der Onlinebibliothek des Streaming-Anbieters Spotify ist die Auswahl noch größer. Gesteuert wird alles per App auf Handy oder iPad. Nur um Quadrophenia von The Who aus Vinyl auf den Plattenteller zu legen – dafür wird Radtke immer gern vom Sofa aufstehen.

Die vernetzte WG

Wenn Anton Letzer aufräumt, möchte er sich stimulieren und drückt ein kleines Feld auf seinem Smartphone. Sofort wird das Licht in seinem Zimmer blau. Ist er mit der Hausarbeit fertig und will sich entspannen, lässt er das Licht auf einen Orangeton wechseln. Drei Glühbirnen erhellen Letzers WG-Zimmer, eine an der Decke, zwei weitere in Schreibtisch- und Nachttischlampe. Sie sehen aus wie gewöhnliche Energiesparlampen – aber sie sind smart.

Das System ist nur eines von vielen technischen Problemlösern und Spielereien, die allgemein unter dem Begriff Smart Home firmieren. Es funktioniert so: Die Birnen sind per Funk mit einem runden Gerät von der Größe einer Untertasse verbunden, das bridge genannt wird, also Brücke. Es liegt bei Letzer auf einem Schrank im Flur. Per WLAN ist es mit einem etwas größeren Kästchen verbunden, dem allgemeinen Internetzugang.

Dadurch kann Letzer (24) von überallher seine Lampen einschalten und mit dem Programm diverse Lichtprogramme abrufen. Er tut das zu Hause aber gelegentlich auch aus dem Hörsaal – zum Beispiel, um seine Mitbewohner zu erschrecken, wenn in dem leeren Zimmer auf einmal die Lampen an- und ausgehen.

Letzer studiert Biotechnologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und wohnt im Stadtteil Hamm mit zwei Freunden in einer typischen Studentenwohngemeinschaft: drei Zimmer, in der Küche steht ein Sofa, im Flur stehen ein paar leere Bierflaschen. Seit einigen Jahren schreibt er in seiner Freizeit mit Freunden ein Blog, in dem es um technische Neuheiten geht. So ist er auch auf die intelligenten Lampen gestoßen. Nachdem er sie getestet hatte, kaufte er sie sich für sein Zimmer. Das passiert ihm mit anderen Geräten oder Programmen, die er ausprobiert, eher selten. Eine Software, die über seine Fitness Buch führte, und eine fernsteuerbare Kaffeemaschine habe er als Spielzeug empfunden. Letzer sagt: "Da kommt der Punkt, an dem es nicht mehr spannend ist."

Hingegen empfindet Letzer das Licht als Bereicherung. Die Lampen helfen ihm auch beim Aufwachen, weil sie zur voreingestellten Zeit langsam gelbliches Licht ausstrahlen – wie ein Sonnenaufgang. Zum Lernen sei das warme, gemütliche Licht aber schlecht geeignet. Da brauche er Blau.

Nach und nach hat Letzer den Lampen sogar einige Eigenschaften selbst beigebracht – mithilfe der App If this than that (deutsch: wenn dies, dann das). Eine Zeit lang hatte er sie so eingestellt, dass die Birnen anfingen zu blinken, wenn er eine E-Mail bekam. Regnet es, was die App weiß, weil sie es aus dem Internet abruft, wird das Licht bläulicher. Dazu hätte Letzer zwar auch bloß aus dem Fenster schauen müssen, aber er probiert halt gern aus, was möglich ist.

Abgesehen vom Licht, hat sich nur noch eine zweite Smart-Home-Technik in der WG durchgesetzt: Die drei jungen Männer haben ihren Fernseher, der in der Küche an der Wand hängt, aufgemotzt. Weil das Gerät selbst nicht WLAN-fähig ist, wird es durch eine Art USB-Stick ans Netz gebracht. So können sie den Fernseher über ihre Smartphones und Laptops steuern. Auch das fing als technische Spielerei an, hat sich aber als alltagstauglich erwiesen.

Spielfilme und Serien, die über das Portal Netflix aus dem Internet geladen werden, kann so jeder vom Handy auf den Bildschirm holen. Das Gleiche funktioniert auch mit YouTube-Videos. Außerdem hat die WG eine gemeinsame Netzwerk-Festplatte, sodass jeder auf die Filme und Musikvideos der anderen zugreifen und sie abspielen kann. Normalerweise müsste dazu jemand seinen Laptop per Kabel an den Fernseher anschließen. Und auf Partys kann jeder Gast, wenn er sich ins WLAN der WG einklinkt, Musikvideos auf eine Liste setzen, die dann nach und nach auf dem Fernseher laufen.