Willkommen zur größten Show der Welt! Zumindest war sie das vor 50 Jahren. Ich weiß es, denn ich war dabei, auf der Weltausstellung 1964/65 in New York City. Ich kann mich noch gut an die Aufregung des siebenjährigen Jungen, der ich damals war, beim Anblick der riesigen Raketen im "Space Park" erinnern. Als Neuankömmling aus England war der Tagesausflug der Familie Barbrook eine meiner ersten Begegnungen mit der so wundersamen wie wunderbaren Kultur des Landes, das für die nächsten zwölf Monate meine Heimat sein würde. Mein Vater Alec trat ein Forschungssemester an der politikwissenschaftlichen Fakultät des Massachusetts Institute of Technology an, die – wie ich später zu meiner Belustigung erfahren sollte – von der CIA finanziert wurde. Da hinter solchen Finanzierungen die Absicht stand, uns Europäer für die amerikanische Sache einzunehmen, war es nur angemessen, wenn wir einen Teil der Stipendiengelder für unseren Familienausflug zur "1964/65 New York World’s Fair" im Flushing-Meadows-Park ausgaben.

Wie um die Ambitionen der Messemacher zu symbolisieren, stand im Zentrum des Ausstellungsgeländes eine Edelstahlskulptur des Planeten Erde von 43 Metern Höhe, Unisphere genannt. Rings um diese eindrucksvolle symbolische Konstruktion, die auch heute noch den Park schmückt, erstreckte sich ein Komplex von Pavillons, deren Kosten staatliche Institutionen, Privatunternehmen, befreundete Länder und Glaubensgemeinschaften trugen. Von einem Pavillon zum nächsten wandernd, konnten die Barbrooks und alle anderen Besucher der Weltausstellung ein Musical über die Wunder der Chemie sehen, eine Disneyfahrt durch die Evolution des irdischen Lebens unternehmen, in einem nachgebauten belgischen Dorf zu Mittag essen, in einem Pop-Art-Riesenrad durch die Lüfte kreisen, ein mondförmiges Kuppeldach anstarren und zu den Füßen von neun lebensgroßen Dinosaurier-Nachbildungen stehen. Das Beste vom Besten aus sämtlichen Winkeln der Erde wurde hier dargeboten.

Vor allem sollten die Besucher, die in Massen in die Ausstellung strömten, die einzigartigen technologischen Fähigkeiten des amerikanischen Imperiums bewundern. In den staatlichen wie in den Firmenpavillons wurden die bisherigen Errungenschaften als Verheißung künftiger Innovationen inszeniert. Die Mercury- und Gemini-Raketen, die mich als kleiner Junge schwer beeindruckten, waren die Vorläufer jener Spaceliner, die eines Tages Urlaubsreisende zum Mond bringen würden. General Electric demonstrierte dem Publikum eine Kernfusion, wie sie in naher Zukunft für praktisch kostenlose Elektrizität in allen Betrieben und Haushalten sorgen würde. IBM stellte seinen neuen Großrechner namens System/360 vor und brüstete sich damit, dieser Computer sei ein Prototyp von Maschinen, die schlussfolgern könnten wie Menschen: Den Begriff "künstliche Intelligenz" hatte man schon zehn Jahre zuvor geprägt.

Die patriotische Botschaft dieser sagenhaften Ausstellungsobjekte war unmissverständlich. Die Vereinigten Staaten waren die Hightech-Zukunft der Menschheit. Von dieser utopischen Prophezeiung beflügelt, würden sich die Völker der Welt nunmehr begeistert der amerikanischen Lebensart verschreiben. Binnen weniger Jahrzehnte würden wir ins Weltall zu reisen, Strom verbrauchen, ohne an die Kosten denken zu müssen, und Robotersklaven kaufen, die jedes unserer Bedürfnisse befriedigen. Science-Fiction war im Begriff, Alltagswirklichkeit zu werden.

Wie die meisten kleinen Jungs in der damaligen Zeit gierte ich nach den heldenhaften Abenteuern der Astronauten und Kosmonauten, die beim Wettlauf ins All zwischen den USA und der UdSSR miteinander konkurrierten. Auch ich träumte davon, mit John Glenn zu den Sternen zu fliegen – und Walentina Tereschkowa in der Schwerelosigkeit zu umarmen! Doch leider hatte man mich, wie fast alle Ausstellungsbesucher, über die wahre Bestimmung der gigantischen Raketen in die Irre geführt. Statt als erste Version eines Raumschiffs waren sie zu einem sehr viel diabolischeren Zweck konstruiert worden: dem Massenmord an Millionen von Zivilisten. Diese computergesteuerten Raketen waren imstande, eine Atombombe an ihr Ziel zu bringen, die eine ganze russische Stadt und ihre unglückseligen Bewohner auslöschen konnte.

Es überrascht nicht, dass die Ausstellungsmacher kein Interesse daran hatten, ihre Besucher mit einer unmittelbar drohenden atomaren Apokalypse zu erschrecken, zumal auch der Gegner im Kalten Krieg über diese entsetzlichen Waffen verfügte. Also verschleierte man die militärischen Ursprünge der Interkontinentalraketen, Atomreaktoren und Großrechner und verpasste ihnen ein neues Image als Vorläufer von Weltraumtourismus, kostenloser Energie und denkenden Maschinen.