DIE ZEIT: Frau Nahles, nach einem Jahr in der Regierung liegt die SPD in der Wählergunst nur bei 25 Prozent. Muss Ihre Partei in diesem Jahr wieder linker werden?

Andrea Nahles: Wieso sollte sie das?

ZEIT: Weil viele in Ihrer Partei das fordern. Die frühere SPD-Ministerpräsidentin Heide Simonis hat in einem Interview mit der ZEIT gesagt: "Wir haben eigentlich ein großes Wählerpotenzial, das eine eher linke SPD-Politik unterstützen würde, aber diesen Leuten bieten wir zu wenig."

Nahles: Wir haben den Mindestlohn durchgesetzt, die Rente ab 63, die Frauenquote und vieles mehr. Ich sehe nicht, dass wir zu wenig bieten würden.

ZEIT: Links wäre es, sich für eine höhere Vermögensteuer einzusetzen.

Nahles: Die Vermögensteuer ist prinzipiell eine richtige Idee. Man muss sich aber auch mal fragen, warum wir dafür so wenig Applaus bekommen und ob uns die Leute dafür wirklich wählen.

ZEIT: Wie lautet Ihre Antwort?

Nahles: Ich habe darauf keine schnelle Antwort. Für die Mehrheit der Menschen im Land scheint es kaum Bedeutung zu haben, ob es eine Vermögensteuer gibt oder nicht. Es kommt ihnen nicht auf das Instrument an, sehr wohl aber auf die Frage, ob sich eigene Leistung lohnt. Ich nehme wahr, dass es die Leute beschäftigt, wenn Kapitaleinkünfte geringer besteuert werden als viele Löhne oder Gehälter. Die pauschale Abgeltungssteuer von 25 Prozent empfinden viele als ungerecht. Da müssen wir Sozialdemokraten ran.

ZEIT: Woran noch?

Nahles: Wir erleben einen Riesenwandel in der Arbeitswelt, da geht es um ein Kernthema der SPD. Unsere ganze Arbeitsmarktpolitik ist sehr stark von der Logik der Massenarbeitslosigkeit geprägt: Entweder war man drin in der Arbeitswelt, dann war man glücklich. Oder man war arbeitslos und draußen. Also ging es immer darum, möglichst viele Leute in Arbeit zu bekommen. Das aber haben wir jetzt erreicht. Arbeitslosigkeit ist für die Betroffenen immer ein Problem, und wir kümmern uns um Perspektiven, aber insgesamt steht der Arbeitsmarkt so gut da, dass wir eine völlig neue Logik erleben. Auf einmal geht es für viele Menschen darum, wieder Zeit aus der Arbeit herauszulösen: Zeit für die Familie zum Beispiel. Oder für Weiterbildung. Oder auch einfach nur Zeit für sich selbst. Das stellt uns politisch vor völlig neue Herausforderungen.

ZEIT: Vor welche?

Nahles: Dass in einer Beziehung beide Vollzeit arbeiten, Mann und Frau, ist über die Jahre die Zielvorstellung, ja geradezu die Idealisierung der SPD gewesen. Mittlerweile begegne ich aber immer mehr Menschen, die sich sorgen, dass die Arbeit alles andere in ihrem Leben erschlägt. Die würden gern Teilzeit arbeiten oder auch mal von zu Hause aus. Die wünschen sich mehr Flexibilität. Und darauf muss eine Partei wie die SPD Antworten geben. Wie wollen wir als Arbeiterpartei unsere Rolle in der modernen Arbeitswelt definieren? Darum geht es. Übrigens ist das linke Politik! Weil es nämlich bei den Menschen ansetzt und einen Fortschritt beschreibt, den wir nicht nur formulieren, sondern auch gestalten müssen.

ZEIT: Was stellen Sie sich konkret vor?

Nahles: Wir sollten die Arbeit gleichmäßiger über den Lebensverlauf und zwischen den Geschlechtern aufteilen. Viele Familien leiden doch darunter, dass sich bei den 30- bis 45-Jährigen so viel ballt: Diese Frauen und Männer sollen gleichzeitig Karriere machen, Kinder großziehen und die finanzielle Basis für ihre spätere Rente legen. Wieso entzerren wir das nicht? Mit einer Familienarbeitszeit von 32 Stunden in der Woche, wie Manuela Schwesig sie vorgeschlagen hat, hätten Mütter und Väter die Möglichkeit, weniger zu arbeiten, wenn die Kinder klein sind – und später, wenn die Kinder aus dem Haus sind, würden die Eltern entsprechend mehr arbeiten.