Wir schreiben das Jahr 2065. Ein lauer Wind streicht durch die Straßen Wiens und trägt das Surren der Elektroautos bis in die voll besetzten Schanigärten. An einem milden Jännernachmittag wie diesem sitzt es sich recht angenehm im Freien. Der ältere Herr im beigen Kaschmirmantel hat sich trotzdem einen Platz unter einem der glimmenden Heizschirme gesucht. Fast zwei Stunden lang hat er die Kindergruppe, für die er als Leihopa arbeitet, durch die Ausstellung 300 Jahre Kaiser Joseph II. im Schloss Schönbrunn begleitet, jetzt braucht er dringend einen Kaffee. Schon beim ersten Schluck verzieht er das Gesicht. "Koffeinfrei", brummt er, "etwas anderes gibt’s ja nicht mehr."

"Sie sollten froh sein", meint ein Mann am Nebentisch, "seit die Kaffee-Richtlinie in Kraft ist, gehen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich zurück. Steht da in der Zeitung." Er klappt den Tabletcomputer zusammen und schiebt ihn in den dafür vorgesehenen Spalt in der Tischplatte.

Der Ältere schüttelt nur den Kopf: "Lebenserwartung steigern, das kommt auch nie aus der Mode. Aber für mich mit 90 ..."

"Gratuliere. Ich werde heuer 50 und mache grade mein Sabbatical-Studium in Gerontologie. Im Herbst soll ich das Department für Generational Fairness bei der Central European Bank übernehmen."

"Flotte 50", wiederholt der Ältere, "dann sind Sie also 2015 geboren. Damals hat das alles angefangen mit den Allergenen und Inhaltsstoffen ..."

Nein, dieser Dialog stammt nicht aus einem utopischen Roman, sondern lässt sich aus den Ergebnisse der Arena Analyse 2015 ableiten. Diese Expertenbefragung wird seit 2006 jedes Jahr vom Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Partners in Zusammenarbeit mit der ZEIT durchgeführt. Sie soll künftige Trends aufspüren, vor allem solche, die außerhalb der fachspezifischen Zirkel noch wenig Beachtung finden. Die Arena Analyse 2015 widmet sich diesmal gezielt dem Miteinander und Nebeneinander der Generationen. Insgesamt wurden Tiefeninterviews und schriftliche Beiträge von 81 Expertinnen und Experten ausgewertet.

Wie geht also der Kaffeehaus-Dialog des Jahres 2065 weiter? Wie werden die heute Geborenen in 50 Jahren die Arbeit jener Generation bewerten, die derzeit am Ruder ist?

Über die Ängste vor den demografischen Veränderungen, die 2015 vorherrschen, werden sie dann wohl lächeln. Hohe Lebenserwartung und konstant niedrige Geburtenraten werden bewirken, dass die Gesamtbevölkerung Europas annähernd konstant bleibt oder sogar leicht sinkt (es sei denn, es kommt zu massiven Migrationsströmen; siehe dazu den Beitrag auf Seite 11), zugleich wird das Durchschnittsalter stark angestiegen sein, was aber niemand als "Überalterung" empfindet, weil sich die Lebensphasen völlig neu verteilen. Es wird zum Normalfall gehören, dass in einer typischen Familie vier bis fünf Generationen gleichzeitig leben, dass Menschen bis ins hohe Alter berufstätig sind und dass Frauen dank der Fortschritte in der Fertilitätsmedizin noch im Alter von 50 Jahren Kinder zur Welt bringen.

Ein Pensionssystem wie heute wird es allerdings wohl nicht mehr geben. Es bürdet, so urteilen die meisten der Experten der Arena Analyse, künftigen Generationen zu viele Lasten auf. Schon 2015 ist das Umlageverfahren – bei dem die Erwerbstätigen durch ihre Beiträge die Bezüge der Menschen im Ruhestand finanzieren – nur mehr Fiktion. Tatsächlich werden die Renten zu einem großen Teil über Schulden finanziert: 24 Prozent der Ausgaben für ASVG-Pensionen kommen aus dem Budget, da sind Beamten- und ÖBB-Pensionen und diverse versteckte Umschichtungen noch gar nicht berücksichtigt. Der größte Teil des Geld, das heute in Pensionen fließt, wird also erst von der Generation der noch nicht Geborenen erwirtschaftet werden müssen. Wenn nach 2020 die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer ins Rentenalter kommen, wird das System, wie einer der Experten der Arena Analyse schreibt, "eine Belastungsprobe erleben, die nur zu bewältigen ist, wenn bis dahin das Antrittsalter deutlich steigt, wofür es aber keine Anzeichen gibt".

So oder so wird der 50-Jährige des Jahres 2065 noch an den heute verursachten Schulden zu zahlen haben – denn nicht nur die Pensionslasten werden schon seit Längerem in die Zukunft verschoben, auch die übrigen öffentlichen Ausgaben übersteigen Jahr für Jahr die Einnahmen. Derzeit liegt die offizielle Staatsverschuldung bei 82,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Das heißt, fast die gesamte Wirtschaftsleistung eines Jahres wird aufgewendet werden müssen, um alte Rechnungen zu begleichen.

Wie lange noch die Staatsschulden von einer Generation an die nächste weitergereicht werden können, wagt niemand zu prophezeien. Sehr wohl sind jedoch alle Befragten davon überzeugt, dass sich unter dem Druck der schieren Notwendigkeit bald neue Formen der Berufstätigkeit herausbilden werden, die es Menschen erlauben, bis ins hohe Alter aktiv und erwerbstätig zu bleiben – Ausbildung und Coaching, Kinderbetreuung und Tätigkeiten, bei denen Wissen und Erfahrung erforderlich, aber die körperlichen Belastungen geringer sind. Was sich harmlos anhört, wird tatsächlich das Ergebnis von schmerzlichen Umbrüchen in der Arbeitswelt sein: ein linearer Karriereverlauf wird ebenso der Vergangenheit angehören wie automatische Gehaltserhöhungen, Biennalsprünge oder ein geduldig ersessener Aufstieg. Eine ganze Generation wird sich in ihren Erwartungen an ihre Berufslaufbahn enttäuscht sehen, ehe es die Menschen als Selbstverständlichkeit akzeptieren werden, dass sie etwa mit 50 aus ihren bisherigen Jobs aussteigen, sich Zeit für eine neue Ausbildung nehmen und dann eine zweite Karriere starten, die sie bis 75 oder 80 verfolgen können.