Als im Frühjahr 2013 der Lohn von Hariolf Kottmann bekannt wurde, gab es Ärger in Basel. Die Chemiefirma Clariant hatte ein holpriges Jahr hinter sich. Und ihr Chef hatte soeben 7,4 Millionen Franken ausbezahlt bekommen, überreicht in Geld und Optionen. Die Gewerkschaftsoberen rechneten aus, dass dies rund 110 Mal so viel sei wie der niedrigste Lohn im Unternehmen, und kritisierten die "Selbstbedienung". Kottmann habe "Hervorragendes" geleistet, erklärte andererseits Clariant-Präsident Rudolf Wehrli – und sprach von einer "angemessenen Honorierung einer sehr hoch einzuschätzenden Leistung".

Wenn Schweizer über Löhne diskutieren, fällt rasch das Wort Leistung. Jeder soll bekommen, was er verdient; alles andere ist ungerecht. Die Sache ist nur: Einen objektiv verdienten Lohn gibt es nicht. Geld hängt von Konventionen ab. Und damit auch von Zeitgeist, Politik und Macht. Ein paar Beispiele:

Ein 41-jähriger Coiffeur, das zeigen die Zahlen der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik von 2010, verdient in der Nordwestschweiz einen mittleren Monatslohn von 4.125 Franken.

Ein 26-jähriger Büroangestellter mit Lehrabschluss in einem größeren Unternehmen 6.075 Franken.

Eine 54-jährige Krankenpflegerin mit Lehrabschluss 5.338 Franken.

Ein 35-jähriger IT-Berater mit Fachhochschuldiplom 7.682 Franken.

Warum?

Die mächtige Grundregel im großen Lohnspiel lautet: Der Lohn hängt von der Arbeitsproduktivität ab. Also davon, wie viel Wertschöpfung – verkürzt Reichtum – jemand in einer Stunde schafft. So definieren wir "Leistung" in unserem System: die Fähigkeit, Reichtum zu schaffen. Der Hebeleffekt von Arbeit.

Der überwiegende Teil der Lohnunterschiede hat nichts damit zu tun, wie klug, kreativ, fleißig oder fürsorglich ein bestimmter Mensch ist. Sondern schlicht damit, welchen Beruf er gewählt hat. Manche Tätigkeiten schaffen einfach mehr Reichtum als andere, darum sind sie besser bezahlt.

Es ist eine sehr eindimensionale Bewertung, nüchtern und kühl. Man darf sie dumm und unfair finden. Und auf keinen Fall sollte man den Geldwert einer Arbeit verwechseln mit dem Wert, den sie für die Gesellschaft hat – oft ist das Gegenteil der Fall. Arbeiten, bei denen sich ein Mensch mit großer Hingabe um ein einzelnes Möbelstück, einen alten Menschen, ein Kind, ein Publikum in einem kleinen Theater, ein Buch oder einen Kranken kümmert, können menschlich oder intellektuell sehr wertvoll sein. Gut bezahlt sind sie gerade wegen ihrer Hingabe nicht. Sie schaffen in vielen Stunden wenig Reichtum.

Aber diese nüchterne Logik ergibt Sinn: Je höher die Arbeitsproduktivität, desto höher die Zahlungsbereitschaft des Arbeitgebers. Niemand wird seinen Leuten langfristig mehr zahlen können und wollen, als sie ihm einbringen. "Es ist nicht der Unternehmer, der die Löhne zahlt", sagte einst Henry Ford. "Es ist das Produkt, das die Löhne zahlt."

Darum kann ein angestellter Coiffeur strampeln und brillieren, wie er will: In den meisten Fällen wird er nicht so viel verdienen wie ein angestellter IT-Berater. Wegen ihrer unterschiedlichen Produktivität stecken unterschiedliche Berufe das Feld für den einzelnen Menschen bereits stark ab.

Wer diese Logik en détail verstehen will, muss näher herantreten – und denselben IT-Berater in unterschiedlichen Situationen betrachten:

Der 35-jährige IT-Berater mit Fachhochschuldiplom verdient in der Nordwestschweiz einen mittleren Monatslohn von 7682 Franken.

Arbeitet er in einem IT-Betrieb mit mehr als zwanzig Angestellten sind es 8190 Franken, also knapp 7 Prozent mehr.

Bei über fünfzig Angestellten im Betrieb steigt sein mittlerer Lohn auf 8730 Franken, noch einmal knapp 7 Prozent mehr.

Arbeitet der junge Mann statt in einer IT-Firma in einem Pharmakonzern, verdient er einen mittleren Lohn von 9743 Franken. Das sind 27 Prozent mehr als bei der kleinen Beraterfirma.

Warum?

Hat man einen bestimmten Beruf gewählt, spielen für den Lohn die Branche und die Größe des Unternehmens eine wichtige Rolle – weil sie wiederum die Produktivität beeinflussen. Ein riesiger Pharmakonzern verdient mit demselben Arbeitsaufwand üblicherweise mehr als ein kleines Beratungsunternehmen. Deshalb verdient der einzelne IT-Berater dort ebenfalls mehr. Mit einer besseren persönlichen Leistung hat dies nicht zwingend zu tun – er profitiert davon, dass sein Umfeld gut wirtschaftet, seiner Arbeit also einen größeren Hebeleffekt verschafft. Die Hälfte des jährlichen Schweizer Lohnwachstums in den letzten dreißig Jahren lässt sich alleine auf Produktivitätswachstum in den Branchen zurückführen, wie 2010 die Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) errechnete.

Warum eine Branche produktiv ist, ist übrigens zweitrangig. Sie kann mit demselben Arbeitsaufwand besser verdienen, weil sie technisch innovativ und besonders klug geführt ist. Vielleicht muss sie aber auch laschere Gesetze einhalten als andere oder wird gar staatlich geschützt und gefördert. Dass in der Schweiz die Pharmabranche traditionell gut verdient, hat durchaus mit guter Arbeit der Angestellten, überragenden Produkten und Innovation zu tun. Aber auch damit, dass die verschiedenen staatlichen Gesundheitssysteme sie mit beachtlichen Medikamentenpreisen stützen – und in der Schweiz mit dem Verbot von Parallelimporten.