Als streckte ein Riese seine Hand hinter der noch braunen Bergkette in die Höhe: vier Finger, die er zuvor in Schnee getunkt hat. Der Langkofel ist das Wahrzeichen des Grödnertals. Ich sitze im Bus, der von St. Ulrich am Taleingang bis nach Wolkenstein fährt, dem letzten und höchsten Ort.

Vor allem Skifahrer folgen dem Ruf des Langkofel, haben die Region zum Wintersport-Elysium erkoren. Mich lockt der mächtige Fingerzeig in eine andere Richtung – zu den Holzbildhauern, für die diese Gegend bekannt ist. Seit dem 17. Jahrhundert wird das Kunsthandwerk hier durch die Generationen getragen. Unter den heutigen Schnitzern sind Künstler mit Galeristen in London, Wien und New York. Dennoch leben sie in diesem Tal, dem ich in den nächsten Tagen etwas näher kommen will.

Wolkenstein ist kreuz und quer mit breiten Südtiroler Bauernhäusern bebaut; wuchtige dunkel gebeizte Balkone, flache Satteldächer, die durch das ganze Jahr dem Schnee entgegenzuharren scheinen. Dazwischen moderne Architektur. In der Nähe des Kirchleins liegt das Haus, das ich suche: Bildhauer Aron Demetz, 42, öffnet die Tür. Seine Augen sind von einem konzentrierten Blau, als hätten Jahrzehnte genauen Hinschauens sie mit Leuchtstoff versetzt. Es ist Sonntagmorgen, die Familie sitzt noch beim Kaffee. Aron Demetz’ 13-jähriger Sohn erzählt vom berühmtesten aller Wolkensteiner, dem Minnesänger Oswald von Wolkenstein, der vor 600 Jahren die Welt bereiste: "Türkei, Nordafrika, Russland – er war ein unruhiger Typ." Klingt, als spräche er von seinem Vater, der mit seiner Kunst auch immer wieder hinaus in die Welt zieht. 2009 wurden seine Werke erstmals auf der Biennale in Venedig gezeigt. Im Frühjahr steht eine Ausstellung in Mexiko-Stadt an. Aber bis dahin sei noch viel zu tun.

Aron Demetz lächelt. "Ich zeige Ihnen mal was." Auf dem Rasen vor dem Haus steht einer, der durchs Feuer gegangen ist: eine lebensgroße männliche Skulptur aus Bronze – mit der brüchigen Struktur von Kohle. Um sie zu erschaffen, hat Demetz eine Figur aus Holz geschnitzt, sie kontrolliert verbrannt und diesen Abguss davon gemacht. In einer riesigen Halle entsteht ein weiteres Kunstwerk für die Ausstellung in Mexiko-Stadt: Demetz hat einen Holzaltar auf einer Auktion erstanden, ihn den Flammen ausgesetzt und auseinandergenommen. Seine Einzelteile liegen auf dem Boden – große, schwarz verbrannte Brocken. Nun will Demetz sie wieder zusammensetzen, ergänzt durch neue Elemente: "Vielleicht eine Videoprojektion? Oder das Ultraschallbild eines Herzens?"

Dem Künstler geht es beim Experimentieren mit dem Material immer auch um die Suche nach Bedeutung, Sinn und menschlicher Würde. Die religiösen Bezüge sind so offensichtlich, dass die Frage danach lächerlich klingt. Religion und Gottesfurcht waren für die Grödner Holzbildhauer vom ersten Schnitzgriff an immer dabei, wie die Bergluft und die Zirbelkiefernwälder über dem 2500-Seelen-Dorf. Schon im 17. Jahrhundert boten sie ihre Heiligenfiguren, Holzspielzeug und Krippen in Süditalien, Venedig oder Frankreich an. Nach 1850 übernahmen sogenannte Verleger den Vertrieb, beuteten die in ihren Stuben schnitzenden Familien aber auch nach Kräften aus. 1872 wurde die Kunstschule in St. Ulrich eröffnet, an der schon die 14-Jährigen das Madonnenschnitzen lernten.

"Jeder von uns hat sehr, sehr viele Madonnen geschnitzt", sagt Demetz. Bis heute haben viele seiner Figuren den entrückten Blick nach innen gewandter Konzentration: als halle in den Gesichtszügen doch noch eine ferne Erinnerung an das Lächeln der vielen Madonnen nach. In seinem Atelier entdecke ich auf der Wurzel eines gewaltigen Mammutbaums einen Mann und eine Frau. Demetz hat sie aus dem Stamm geschnitzt; die Gesichter sind mit Braun- und Goldtönen farbig lackiert. Harz, von Demetz im Wald gesammelt: Die Kunst ist untrennbar mit den Materialien der heimischen Landschaft verbunden.

Er begleitet mich zu Gehard Demetz, seinem Cousin. Als Kinder haben sie zusammen Eishockey gespielt, später die Kunstschule in St. Ulrich besucht. Auch Gehard gehört zu den sechs, vielleicht acht Grödner Bildhauern, die der internationalen Kunstwelt ein Begriff sind. Seine New Yorker Galerie präsentiert ihn dieses Jahr zum ersten Mal auf der Art Basel in Miami.

Gehard Demetz’ Atelier ist voller Kinderfiguren. Fein geschnitzt aus hellem Lindenholz, leuchtet ihre Haut wie poliert. In krassem Gegensatz dazu stehen die finsteren, fast bösen Gesichter. Das Werk kreist um das entkindlichte Kind: Da ist ein lebensgroßer Mädchenkörper, aus dessen Leib vorn und hinten ein wuchtiges Tabernakel ragt. Daneben ein anderes Mädchen mit einem Ölkanister im Körper. Die Kinder wirken wie stumme Anklagende. Zwei Jungen tragen unzweideutig die Gesichtszüge von Hitler und von Mao. "Haben sie den Diktator schon in sich? Was müsste passieren, damit sie das nicht werden?", fragt Gehard Demetz. Einer seiner Großväter war Dolmetscher in Auschwitz. "Der Krieg ist noch nicht so lange her."

Der 42-Jährige lehnt an der verglasten Wand seines Ateliers, Aufruhr in den dunklen Augen. Der Blick aus der Werkstatt geht talauswärts, ins Freie. Ist es ihm nie in den Sinn gekommen, wegzugehen, nach New York, wo heute seine potentesten Sammler sitzen? Demetz lächelt. "Man hat hier diese fantastische Ruhe zum Arbeiten." Und wenn nichts vorangehe, laufe man hinaus in die erhabene Bergwelt. Dort finde man irgendwie alles – Tiefe und Höhe, Enge und Weite.