Ein Mann mit seiner Biografie gehört eigentlich auf die Couch eines Psychotherapeuten: den Vater im Alter von nicht einmal sechs Jahren verloren, danach siebenmal von deutschen Schulen geflogen und so die Erwartungen der Mutter bitter enttäuscht. Später lebte er in London, ernährte sich von gebackenen Bohnen und anderem Dosenfutter und konnte nicht mal seine Stromrechnungen bezahlen. "Ich war immer ein Versager", sagt Hans Zimmer über diese Zeit.

Heute wird die frühe Biografie des 57-Jährigen überstrahlt. Er schrieb die Musik zu Kinofilmen, die weltweit Milliarden Dollar eingespielt haben. Für den Soundtrack zum König der Löwen bekam er einen Oscar. Und nebenbei revolutionierte er die Methode, nach der Filmmusik heute entsteht. Der deutsche Komponist ist das, was Schauspieler wie Ralph Moeller oder Til Schweiger gerne wären: erfolgreich in Hollywood. Und wie.

Am kommenden Sonntag könnte Zimmer für den Soundtrack zu Interstellar seinen dritten Golden Globe gewinnen und danach womöglich zum zehnten Mal für einen Oscar nominiert werden. Längst hat er einen Stern auf dem Walk of Fame, und die Filme, denen er die Klänge liefert, sind entweder beim Publikum beliebt (Batman, Transformers) oder bei Kritikern (12 Years a Slave, Rush).

Nach Europa kehrt Zimmer vor allem zurück, um Orchesteraufnahmen zu machen oder Auszeichnungen entgegenzunehmen. Wie im vergangenen Herbst in Zürich. Auf dem Film Festival erhielt er eine für sein Lebenswerk. Wie gewohnt spazierte Zimmer in Slippern durch den Nachmittag und bewies seinen Geschmack für knallbunte Socken. Die Knipserei der Fotografen ertrug er nachsichtig.

"Jedes Projekt ist sehr persönlich und macht mir zunächst Angst", sagt er. Enge Weggefährten beschreiben Zimmer als einen von Selbstzweifeln geplagten Mann, der jeden Morgen mit der neurotischen Vorstellung aufwache, nichts zu taugen. Auf die Frage, nach welchen Kriterien er Filme auswähle, antwortet Zimmer, dass er vor allem Vertrauen zu Produzenten und Regisseur brauche: "Ich bin furchtbar nervös, wenn ich ihnen ein Stück vorspiele."

Sein Talent stand ihm lange im Weg. Schon als Schuljunge, erzählt er, "habe ich immer eine Orchesterpartitur gehört, wo andere nur eine einfache Melodie wahrnahmen". Von den vielen Schulen sei er vor allem deswegen geflogen, weil er laufend vor sich hin geträumt habe: "Aus jedem Geräusch im Klassenraum entwickelte ich das nächste Musikstück."

Zu dieser Zeit war sein Vater schon tot. Der erfolgreiche Chemieunternehmer aus Königstein nahe Frankfurt starb kurz vor Hans’ sechstem Geburtstag an einem Herzanfall.

Die Mutter schickte ihren Sohn auf diverse Schulen, später in die Schweiz und dann auf das Hurtwood House in England. Das Internat förderte die Kreativität seiner Schüler, statt sie zu blockieren. In ihrer Freizeit nutzten sie jede Chance, um ins nahe London auszubrechen und dort die New-Wave-Avantgardisten von Ultravox oder The Clash zu hören.

In Zürich setzt sich Zimmer direkt nach der Ehrung spontan an den Konzertflügel und spielt zusammen mit dem Orchester. Ein Lang Lang wird er nicht mehr. Bis heute kokettiert Zimmer damit, keine Noten lesen zu können – was ihm allerdings nur wenige Menschen glauben.