Es war ja allerhöchste Eisenbahn. Diese Schicksalsfrage gehört schon längst auf die Tagesordnung: Was befähigt Mann oder Frau zur Kanzlerschaft? Es existiert kein offizielles Anforderungsprofil. Auch in der Verfassung finden sich keinerlei Angaben, nach welchen Fertigkeiten und Kenntnissen das Amt verpflichtend verlangt. Offensichtlich traut sie jedermann zu, diesen Job zu erledigen.

Dennoch herrscht Einigkeit, dass nicht jeder Möchtegern geeignet ist, das Chefbüro am Ballhausplatz zu beziehen. Beispielsweise entzweien sich die Geister, ob eine erfolgreiche Tätigkeit als Fahrdienstleiter bereits als ausreichende Qualifikation angesehen werden kann. Bloß weil jemand, so besagt eine Denkschule, die Weichen richtig zu stellen wisse und dann alles, wie angekündigt, auch tatsächlich auf die Gleise bringe, bedeutete dis noch lange nicht, dass er auch der Bürde und der Verantwortung einer Kanzlerschaft gewachsen sei. Nicht nach einem gewissenhaften Dienst nach Fahrplan verlangt die Position, sondern nach Führungsstärke. Weitblick. Visionen. Fingerspitzengefühl. Empathie. Der derzeitige Amtsinhaber zum Beispiel, ... aber besser, wir lassen das.

Die zwölf Bundeskanzler der Zweiten Republik zeichneten sich durch sehr unterschiedliche Talente aus. Trinkfest oder pedantisch, leutselig oder abgehoben, kultiviert oder volkstümlich, Grantscherm oder Frohnatur: Die Schnittmenge ist vernachlässigbar, nicht einmal ein akademischer Bildungsweg scheint zwingend notwendig. Ein besonderer Befähigungsnachweis lässt sich aus der Liste jedenfalls nicht ableiten. Da kann sich etwa einer nur sehr schemenhaft im Wirtschaftsleben auskennen und dennoch eine Ära prägen. Oder ein anderer immer alles besser wissen und sich am Ende dann doch böse verrechnen.

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Eigentlich ist es sträflicher Leichtsinn, dass es für eine so zentrale Funktion wie jene des Regierungschefs so wenig Bedingungen zu erfüllen gibt. Als wollte die Verfassung sagen: Auf dem Stuhl kann ohnehin niemand großen Schaden anrichten.

"Wer nix ist und wer nix kann, der geht zu Post oder Bahn", lautete früher spöttisch eine Binsenweisheit. Das stimmt längst nicht mehr – beides sind zukunftsorientierte Serviceunternehmen, die von ihren Mitarbeitern eine Vielzahl von Fähigkeiten verlangen. Wie die aktuelle Personaldebatte allerdings zeigt: Das Tor zum Ballhausplatz steht wirklich jedem offen.