Macht der Kapitalismus depressiv?

Der Kapitalismus wird für alle möglichen Übel haftbar gemacht. Nun soll er auch für den Anstieg psychischer Erkrankungen verantwortlich sein, insbesondere für den der Depression – so jedenfalls lautet eine psychosoziale Kapitalismuskritik, die in der Öffentlichkeit breiten Anklang findet. Zwei konkurrierende Diagnosen werden angeboten. Die eine besagt, die Menschen litten an einer Überfülle von Freiheiten und Optionen: Von den Zumutungen einer selbstbestimmten Lebensführung psychisch überfordert, ziehe sich ein zunehmend "erschöpftes Selbst" in die Depression zurück. Dieser "postmodernen" steht eine "spätkapitalistische" Theorie der Depressionszunahme gegenüber. Ihr zufolge treibe nicht zu viel Freiheit, sondern ein Übermaß an Leistungsanforderungen immer mehr Menschen in die Erschöpfung. Als unermüdlicher Unternehmer seiner selbst wähne sich das Subjekt zwar frei, sei in Wirklichkeit aber bloß manipuliert, weswegen seine Wut sich nicht länger nach außen richte wie im früheren Klassenkampf, sondern nach innen, gegen die eigene Psyche.

Doch so einleuchtend diese Theorien klingen mögen – die Fakten sprechen dagegen. Wissenschaftliche Untersuchungen, mit denen die Verbreitung von Krankheiten ermittelt wird, sogenannte epidemiologische Studien, zeigen zwischen 1947 und 2012 keinen Anstieg von Depressionen und anderen psychischen Störungen. Es gibt keine konsistenten Belege dafür, dass diese Erkrankungen zugenommen hätten – weder bei Erwachsenen noch bei Kindern.

Ärzte diagnostizieren heute jedoch häufiger psychische Störungen. Die ärztliche Praxis hat sich also verändert, aber nicht die Gesundheit der Menschen. Was steckt dahinter?

Allein die öffentliche Aufmerksamkeit für einzelne Krankheitsbilder kann ihr tatsächliches oder vermeintliches Auftreten beeinflussen. Exemplarisch dafür steht die Modediagnose Burn-out. Einige Jahre lang war das Thema Burn-out ständig in den Schlagzeilen, und parallel dazu stieg die Zahl der entsprechenden Krankschreibungen rapide an. Inzwischen gehen die Fallzahlen, die von den Krankenkassen gemeldet werden, genauso rasant wieder zurück. Burn-out scheint also schon wieder aus der Mode zu kommen.

Abgesehen von solchen Konjunkturen, gibt es im Wesentlichen drei Gründe für die auffällige Differenz zwischen realer und diagnostizierter Krankheitshäufigkeit. Erstens wurden psychische Erkrankungen früher oft nicht erkannt, als körperliche Erkrankungen fehldiagnostiziert oder als Schicksalsschlag hingenommen. Hinter dem Anstieg der Diagnosen verbirgt sich zum Teil also die wünschenswerte Aufhellung eines Dunkelfeldes. Zweitens ist die Bereitschaft gewachsen, auch Befindlichkeitsstörungen in Krankheiten umzucodieren, weil sich unsere Sensibilitäten und Maßstäbe für seelische Gesundheit gewandelt haben.

Drittens hat sich auch die medizinisch-psychiatrische Erhebungsmethodik verändert. Zwischen 1952 und 2014 hat sich die Zahl der unterschiedlichen Krankheitsbefunde, die ein Arzt oder Psychologe nach dem Diagnostischen Manual für psychische Krankheiten feststellen kann, nahezu vervierfacht, nämlich von 106 auf 400. Zugleich wurden die Schwellenwerte, ab denen Symptome eine Erkrankung belegen sollen, gesenkt. Um zum Beispiel bei einem Patienten eine Depression zu diagnostizieren, musste 1980 eine bestimmte Anzahl von Symptomen wie gedrückte Stimmung oder Schlafstörungen ein Jahr lang anhalten. Von 1994 an reichten für die gleiche Diagnose bereits zwei Monate mit Symptomen, und seit 2014 sind es nur noch zwei Wochen. Was früher also nie ausgereicht hätte, um als Erkrankung zu zählen, kann heute schnell zur Krankschreibung führen. Deshalb belegt auch eine steigende Zahl von Depressionsdiagnosen keineswegs, dass diese Erkrankung heute tatsächlich häufiger auftritt.

Hinzu kommen sogenannte versorgungsbedingte Verzerrungen. So besteht zum Beispiel ein gut belegter Zusammenhang zwischen der Versorgungsdichte und der Diagnosehäufigkeit. Die Stadt Würzburg etwa weist bundesweit die höchste Zahl an Kinderpsychiatern auf – und die höchste Zahl an ADHS-Diagnosen. Glauben wir deshalb, Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität kämen dort wirklich häufiger vor als beispielsweise in Hamburg oder Berlin?

Die subjektive Zufriedenheit hat zugenommen

Und sind Menschen im reichen Baden-Württemberg tatsächlich depressiver als die im ärmeren Mecklenburg-Vorpommern, wie die Statistiken der Krankenkassen zu belegen scheinen? Schlägt den Süddeutschen womöglich ihr Wohlstand aufs Gemüt? Plausibler erklärt sich die höhere Zahl der Depressionsdiagnosen durch die höhere Versorgungsdichte in Baden-Württemberg. Es gilt die Regel: Je mehr Ärzte, desto mehr Untersuchungen, und je mehr Untersuchungen, desto mehr Diagnosen.

Auch empirische Befunde aus anderen Bereichen widersprechen der These vom psychisch zunehmend überfordernden Kapitalismus. Sie zeigen keinen Trend zur Verschlechterung, eher das Gegenteil. Die Suizidraten haben seit 1980 abgenommen, die Tötungsdelikte ebenfalls. Dagegen hat die subjektive Lebenszufriedenheit in drei Vierteln von 52 untersuchten Ländern, in denen entsprechende Studien durchgeführt wurden, zwischen 1981 und 2007 zugenommen. Da dieser Zeitraum mit der globalen Ausbreitung des Kapitalismus zusammenfällt, sollte die antikapitalistisch argumentierende Globalisierungskritik einmal innehalten. Anscheinend überwiegen die positiven Folgen ökonomischer und gesellschaftlicher Modernisierung deren negative Folgen, jedenfalls in der Mehrheit der untersuchten Länder.

Selbst wenn in zeitgenössischen Gesellschaften das Leben in mancher Hinsicht anstrengender geworden sein mag und manche soziale "Stressoren" zunehmen, nehmen auch die individuellen Kompetenzen und sozialen Ressourcen für Stressbewältigung und Problemlösung zu.

Das Zusammenwachsen der Welt, soziale Flexibilität, berufliche Mobilität, allgemeine Beschleunigung, gestiegene Bildungserwartungen, Wertepluralismus und Multikulturalismus, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – all das beinhaltet eben nicht nur zusätzliche Anforderungen, sondern auch neue Möglichkeiten der Befreiung von Bevormundung und Zwang. Sollen wir wirklich bedauern, dass die moderne Arbeitswelt zunehmend komplex geworden ist und mehr Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Teamfähigkeit und Kommunikationskompetenz verlangt? Bedeuten die Belastungen weiblicher Berufstätigkeit nicht auch einen Freiheitszuwachs für Frauen (und zunehmend für Männer)? Ist es kein Fortschritt, dass Eltern nie zuvor so viel Zeit mit ihren Kindern verbracht und so viel Mühe für ihre Erziehung aufgewendet haben wie heute? Stehen gestiegene Scheidungsraten nicht auch dafür, dass Menschen sich von der Verpflichtung befreien, ein ganzes Leben in einer unglücklichen Ehe zu verbringen? Hilft der irritierende Pluralismus von Lebensstilen nicht auch dabei, den eigenen Horizont zu erweitern?

Der gesellschaftliche Modernisierungsprozess hat eine Reihe tief greifender Veränderungen mit sich gebracht. In der Arbeitswelt einen Strukturwandel der Anforderungen von der Monotonie- zur Komplexitätsbewältigung. In der Sozialpolitik einen Strukturwandel der Solidarität vom schützenden zum befähigenden Wohlfahrtsstaat. Und auf der Ebene der Individuen schließlich einen Strukturwandel der Psyche von der eher zwanghaften zur eher flexiblen Persönlichkeit.

Mit der Modernisierung der Welt modernisiert sich eben auch das Seelenleben: Es entkrampft sich und wird durchlässiger für vormals tabuisierte innere Impulse und äußere Anregungen. Wahrscheinlich wird es dadurch auch irritierbarer und ablenkungsanfälliger. Wo innere und äußere Festlegungen nachlassen, steigen die Anforderungen an die eigene Selbststeuerungsfähigkeit, aber auch die Gestaltungs- und Freiheitsspielräume des Einzelnen. Daran kann man scheitern. Aber es gibt keine überzeugenden Belege dafür, dass eine wachsende Anzahl der Menschen damit seelisch überfordert wäre.

Dr. habil. Martin Dornes ist Soziologe und Entwicklungspsychologe. Dr. habil. Martin Altmeyer arbeitet als Psychologe und Psychotherapeut