Die Trümmerfrau – Seite 1

Zum Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart hat Katja Suding ihr Abi-Ballkleid rausgekramt. Schwarz, schulterfrei, es passt noch. Als die Spitzenkandidatin der Hamburger FDP das Parteitreffen im Maritim-Hotel erreicht, stürzen sich Dutzende Fotografen und Kameraleute auf sie. Der Auftritt macht sie schlagartig bekannt, und am Ende siegt die FDP.

So war das damals, im Januar 2011. Vier Jahre später ringt die FDP beim Dreikönigstreffen um ihre Existenz. Am Vorabend des 6. Januar 2015 warten im Maritim nur wenige Kameras auf Katja Suding. Als sie kommt, dauert es eine ganze Weile, bis sie überhaupt jemand anspricht. Suding weiß, dass der Kampf, bei dem auch die Zukunft ihrer Partei auf dem Spiel steht, dieses Mal viel härter wird.

Am 15. Februar wählen die Hamburger eine neue Bürgerschaft. Von einer "Eisbrecherwahl" spricht Parteichef Christian Lindner, sein Vize Wolfgang Kubicki von einer "Schicksalswahl". Nach ihren Wahldesastern braucht die FDP endlich wieder einen Erfolg, damit der Plan, 2017 in den Bundestag zurückzukehren, nicht utopisch wirkt. In Umfragen liegt die Hamburger FDP derzeit bei zwei bis vier Prozent. Schafft Spitzenkandidatin Suding, 38, den Wiedereinzug in die Bürgerschaft, ist sie die Heldin der Partei. Sie könnte als neue Koalitionspartnerin von Olaf Scholz sogar zur Zweiten Bürgermeisterin aufsteigen. Fliegt die FDP raus, ist es für Suding wohl vorbei mit der Politik. Welchen Weg geht Suding in dieser Lage?

Berlin im Dezember, Thomas-Dehler-Haus. Die FDP hat zum "Hamburger Abend" eingeladen. Alles soll modern wirken, es gibt kein Rednerpult, sondern ein von bunten Scheinwerfern angestrahltes Podest in der Mitte des Atriums, das an die Jubiläumsfeier eines Autohauses erinnert. Neben Suding steht Lindner auf der Bühne. "Hamburg gibt die Richtung vor", sagt er. "Katja Suding hat gezeigt, dass sie durchsetzungsfähig ist. Dass sie Charakter hat. Deshalb ist die Katja unser Mann für Hamburg." Im Hintergrund prangt der Slogan auf einem großen Wahlplakat neben Sudings Gesicht, sie trägt einen schwarzen Rolli und schaut ernst.

Ein Problem mit Frauen hat die FDP schon lange. Weniger als ein Viertel der Mitglieder und Mandatsträger ist weiblich, eine Quote wollte sich die FDP nie geben. Christian Lindner holte zwar mehr Frauen ins Präsidium, doch inhaltlich hat das bisher nichts geändert. Als die Bundesvorstandsmitglieder im Dezember forderten, dass die FDP weniger kühl wirken und den Begriff Empathie in ihr neues Leitbild aufnehmen solle, sagte Lindner: "Aber uns fehlt die Claudia Roth der FDP!" Eine Frau also, die dieses Mitgefühl authentisch verkörpert. Katja Suding scheint es für ihn nicht zu sein. Die in diesen Wochen wichtigste Frau der FDP wurde lieber gleich zum Mann gestempelt. Im Netz und in den Medien ergoss sich viel Häme über Sudings "Transgender"-Plakat.

Vor vier Jahren genügten der Schriftzug "KatJA" und fröhliche Fotos von Suding im gelben Regenmantel, um die FDP mit 6,7 Prozent aus der Apo wieder in die Bürgerschaft zu hieven. Die PR-Frau Suding, erst fünf Jahre zuvor der Partei beigetreten, wurde Fraktionschefin. Nicht allen gefiel das.

Silvia Canel sitzt in ihrer improvisierten Parteizentrale im Souterrain eines Mietshauses im Hamburger Stadtteil Harvestehude. Bis zum Sommer war sie FDP-Landesvorsitzende, dann eskalierte ein Streit mit Suding, die nach monatelangen Querelen nicht auf einer Wahlliste mit Canel stehen wollte. Canel trat schließlich ganz aus und gründete mit anderen Abtrünnigen die Neuen Liberalen, die der FDP ein paar entscheidende Wählerstimmen wegnehmen könnten. Wenn man Canel fragt, welchen Anteil Suding am Wahlerfolg 2011 hatte, lächelt sie und sagt: einen großen. Eine tolle Kampagne sei das gewesen, ohne politischen Inhalt, einfach hübsch. Der von Suding geführten FDP-Fraktion bescheinigt sie "Fleißarbeit ohne eigenes Profil".

Suding habe den Landesverband gespalten

Fleiß und Detailwissen gestehen Suding selbst ihre Kritiker in der eigenen Partei zu, aber sie sagen auch, dass Suding den Landesverband gespalten habe. Zur neuen Landesvorsitzenden wurde sie im November mit 70 Prozent der Stimmen gewählt, kein glorreiches Ergebnis. Bei den anschließenden Standing Ovations blieben einige Delegierte demonstrativ sitzen.

Wie kann sie in dieser Situation siegen, wie kann sie ihre Partei retten?

Besuch bei der Stammklientel. In einer Villa an der Außenalster treffen sich zwei Dutzend grau melierte Unternehmer zum Adventsdinner. Alles soll anonym bleiben, man ist gern unter sich. Katja Suding hat in der Mitte der Tafel Platz genommen. "Wenn mich meine Frau nachher fragt, warum sie Sie wählen soll", fragt einer der Gäste, "was soll ich ihr dann sagen?" Suding zählt auf, welche Erfolge die FDP-Fraktion in der Hamburger Bildungspolitik erzielt habe, sie spricht von der Elbvertiefung als Wirtschaftsfaktor und ihrer Kritik am Busbeschleunigungsprogramm. "Also, die Busspur ist nun wirklich kein Thema!", ruft der Gastgeber. "Sie dürfen nicht nur so kleinkarierte Kommunalthemen nennen! Sie müssen die bundespolitische Bedeutung der FDP rüberbringen!" Suding lächelt eisern. Der Anspruch an sie, nebenbei auch noch die Bundes-FDP zu retten, mit großen Ideen, wirkt an diesem Abend ziemlich hoch.

Der Druck mache ihr nichts aus, sagt Suding bei einem späteren Treffen, er sporne sie sogar an. Ein typischer Politikersatz. Suding gibt sich kämpferisch, aber sie wirkt auch erschöpft. Der Shitstorm zu ihrem Plakat "Unser Mann für Hamburg" hat sie angefasst, sie versteht die Kritik nicht. "Ich war auf einer katholischen Mädchenschule", sagt Suding. "Ich denke nicht in diesen traditionellen Rollenmustern. Jede emanzipierte Frau könnte dankbar sein dafür, wie ich lebe."

2012 trennte sich Suding von ihrem Mann und zog aus dem gemeinsamen Haus aus. Die beiden Söhne, zehn und zwölf, sieht Suding zwar fast täglich, sie wohnen aber beim Vater, damit Suding genug Zeit für die Politik hat. Dafür werde sie angefeindet, sagt sie, erst neulich wieder von einem Passanten am Infostand in Blankenese, wo sie lebt. Die Vorstellung, Kinder könnten nicht bei ihrem Vater aufwachsen, finde sie "extrem sexistisch", sagt Suding. Genau wie die Tatsache, dass Journalisten ständig ihr Aussehen beschrieben – obwohl Suding weiß, dass dieses Aussehen ihr bisher auch genutzt hat.

Inhalte hätte Suding, auch über die Busbeschleunigung hinaus. Das Ehegattensplitting zum Beispiel, das vor allem Alleinverdienerehen dient, würde sie am liebsten abschaffen. In der Flüchtlingspolitik steht sie sehr weit links, bei denen, die gern noch viel mehr Menschen aufnehmen würden. Lindner und die Mehrheit der FDP sehen das anders. Also hält Suding sich lieber zurück.

Wie es für sie weitergeht, wenn sie am 15. Februar scheitert? Ach, da mache sie sich keine Sorgen, sagt Suding, sie hänge nicht an politischen Mandaten, sie komme im Zweifel irgendwo unter, vielleicht wieder in der PR.

Noch so ein Politikersatz. Der Unterschied bei Suding ist: Man neigt dazu, ihr zu glauben.