Nun also ist er passiert. Der GAU jeder Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb): zwei tote Kinder. Umgebracht in Flaach, Kanton Zürich, von der eigenen Mutter. Sie wollte damit verhindern, dass ihr zweijähriges Mädchen und ihr fünfjähriger Bube zurück ins Heim müssen, in das sie knapp zwei Monate zuvor gebracht worden waren, weil beide Elternteile in Untersuchungshaft genommen wurden.

So schrecklich die Tat, sie ist ein tragischer Einzelfall. Eigentlich. Doch der Fall Flaach wurde zum Fall Kesb. "Das Blut der Kinder klebt an den Händen der Kesb", titelte die Gratiszeitung 20 Minuten. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb, dass sich die Behörde nun "unangenehmen Fragen" stellen müsse. Die Schriftstellerin Zoë Jenny, die selber im Streit mit einer Kesb steht, forderte eine "sofortige Entmachtung" der Organisation. SVP-Politiker und ihre Gesinnungsgenossen wollen gar zum alten System der Vormundschaftsbehörden zurückkehren, als Laien die Entscheide über derartige Schicksale fällten.

Die Kritik an der Schutzbehörde, die erst vor zwei Jahren eingeführt wurde, ist nicht neu. Im Gegenteil: Sie begleitet die Kesb vom ersten Tag an (ZEIT Nr. 46/14). Also seit dem 1. Januar 2013, als sie, zusammen mit dem neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrecht, das Schweizer Fürsorgewesen endlich und endgültig in die Moderne geführt hat.

Doch mit dem Vorwurf, die Kesb trage die Schuld am Drama von Flaach, erreicht die rhetorische Schlammschlacht einen neuen Tiefpunkt. Nicht nur, weil die Vorwürfe fernab von gesicherten Fakten gedeihen. Oder weil sie zeigen, wie wenig Politiker und Öffentlichkeit über die hoch delikate Arbeit wissen, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Kesb abverlangt wird. Sie müssen in verfahrenen, privaten Konflikten intervenieren. Sie müssen die Freiheitsrechte von Menschen einschränken. Oder Kinder vor den eigenen Eltern schützen. Solche Entscheide sind nie perfekt. Im besten Fall sind sie gut genug, um aus einer desolaten Situation eine halbwegs lebbare zu machen.

So grauenhaft es für Eltern sein muss, wenn man ihnen das Recht nimmt, zu entscheiden, wo ihre Kinder leben, die Kesb erfüllt damit nur, was das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht vorsieht. Und das sind individuelle, abwägende Lösungen. Das Gesetz will das Selbstbestimmungsrecht der Schutzbedürftigen stärken. Der Staat soll die Freiheiten seiner Bürger nur so weit beschneiden wie unbedingt notwendig.

Das neue Gesetz läutete einen Systemwechsel ein, der vollkommen unbestritten war; im eidgenössischen Parlament gab es nur zwei Gegenstimmen. Weg von den Laien, hin zu den Profis. Selbst der damalige SVP-Justizminister Christoph Blocher machte sich dafür stark: "Ich bin der Auffassung, dass wir (...) eine Fachbehörde vorschreiben müssen." Die Laienbehörden waren überfordert mit den immer komplexeren Fällen von Kindsentführungen, Obhutsentzügen in Patchworkfamilien oder Fällen von sexueller Ausbeutung.

Trotzdem fordern Nationalkonservative und empörte Kesb-Gegner eine Rückkehr zum alten System. Sie wollen, dass wieder der "gesunde Menschenverstand" über das Schicksal von Menschen bestimmt und nicht wie heute Psychologen, Juristinnen und andere Profis, die sie gerne Fachidioten schimpfen.

Nur: Wer so argumentiert, der vergisst ein dunkles Kapitel in der jüngsten Geschichte der Schweiz.

Seit 1912 galt das Gesetz, das bis vor zwei Jahren Richtschnur für alle lokalen Vormundschaftsbehörden im Land war. Es wollte die Bedürftigen nicht nur schützen, sondern sie gleichzeitig disziplinieren. Diese paternalistische Kraft bekamen Tausende von Menschen in der Schweiz zu spüren. Der lange Arm des allmächtigen Staates reichte bis in die Schlafzimmer und unter die Bettdecken.

Noch in den 1970er Jahren war es möglich, dass Kinder ins Heim wanderten, weil sich ihre Eltern scheiden ließen. Auf Bauernhöfen schufteten sogenannte Verdingkinder unter teilweise höllischen Bedingungen. Im Namen von Moral, Sitte und Ordnung wurden Menschen lebenslang in psychiatrischen Anstalten eingesperrt, zwangsbehandelt und als Versuchskaninchen für Medikamententests missbraucht. Frauen, deren Lebenswandel als "liederlich" galt, wurden gegen ihren Willen sterilisiert und ihre Kinder zur Adoption freigegeben. Sie selber sperrte man als "administrativ Versorgte" hinter Gitter, zum Beispiel ins Frauengefängnis Hindelbank. Allein dort wurden zwischen 1952 und 1981 über 2.700 Jugendliche und junge Frauen inhaftiert, ohne dass sie etwas verbrochen hätten.

Manch einer ist am Leid zerbrochen, das ihm der Staat mit Unterstützung der Kirche angetan hat. Letztes Jahr musste sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga im Namen der Landesregierung bei den Opfern solcher Zwangsmaßnahmen entschuldigen. Eine kürzlich eingereichte Volksinitiative verlangt zudem eine finanzielle Entschädigung für alle Betroffenen.

Das alte Vormundschaftsrecht sorgte über die Landesgrenzen für Verstimmung. So konnte die Schweiz 1974 nur unter Vorbehalten der Europäischen Menschenrechtskonvention beitreten: Weil einige Kantone kein Frauenstimmrecht kannten und weil das Fürsorgewesen nicht menschenrechtskonform war. Erst 1981 änderte sich das, als mit der Einführung des fürsorgerischen Freiheitsentzuges die Betroffenen eine Rekursmöglichkeit erhielten und sie die Entscheide der Behörden endlich anfechten konnten.

Mancherorts überlebte das alte Unrechtssystem aber bis in die jüngste Gegenwart. Alleinerziehende Witwen mussten alljährlich beweisen, dass sie das Kindsvermögen korrekt verwalteten. Vormundschaftsbehörden sahen weg, wenn eine Gefährdungsmeldung den Sohn eines Kollegen aus dem Fußballclub betraf. Und häusliche Gewalttaten blieben als Straftat ungesühnt, weil der Täter ein Gemeinde-Muni war.

Wenn nun also eine Profibehörde in einer gewissen Distanz zu den Betroffenen entscheidet, will man genau diese Kumpaneien verhindern. Heute gibt es auf 50.000 Einwohner nur eine Kesb. Auch das ist gewollt, da man weiß: je höher die Fallzahlen, desto höher die Qualität der Entscheide.

So zynisch es auch klingen mag: gut möglich, dass das kleine Mädchen aus Flaach und sein fünfjähriger Bruder noch lebten, wenn sie vor dreißig Jahren zur Welt gekommen wären. Der Staat hätte sie den Eltern dann einfach weggenommen.

Für immer.