Was ist Nachruhm? Bach und Mozart, Goethe und Shakespeare, Michelangelo und Tizian, Hitchcock und Fellini kennen wohl alle Menschen auf dieser Welt, sofern sie überhaupt mit westlicher Kultur in Berührung gekommen sind. Es sind mehr als Klassiker, es sind Überklassiker, deren Namen sich längst von dem Werk emanzipiert haben und auch von denen gekannt werden, die noch niemals die Musik von ihnen gehört, ein Gedicht oder Drama, ein Gemälde oder einen Film von ihnen gesehen haben. Aber was ist mit Jean Renoir? Auch er ein unbestreitbarer Klassiker der Filmgeschichte, und doch werden ihn viele mit seinem Vater, dem Maler Pierre-Auguste Renoir, verwechseln. Und was ist mit den Söhnen Bachs, von denen zumindest zwei die Musikgeschichte stärker beeinflusst, ja nachhaltiger verändert haben als ihr Vater? Wer kennt, obwohl ihre Werke zu großen Teilen auf Platten eingespielt sind, Johann Christian Bach und Carl Philipp Emanuel Bach und wüsste etwas zu ihnen zu sagen?

Aber die Sache mit den Vätern und den Söhnen ist nur eine zufällige Seite in dem Konkurrenzkampf der Klassiker, der in unserem kollektiven Gedächtnis ausgetragen wurde. Was ist mit dem Dichter Christian Dietrich Grabbe, der den beiden Überklassikern Goethe und Mozart je eine Figur entnommen hat, von Goethe den Faust und von Mozart den Don Juan, und daraus ein neues Drama schuf – Don Juan und Faust? Wer weiß, dass er darüber hinaus die einzige vollgültige Komödie deutscher Sprache schuf, ein bis heute brüllend komisches Theaterstück mit dem Titel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung?

Grabbe ist ein gutes Beispiel für das, worum es hier geht. Doch, gewiss, man kennt ihn, die Germanistik sowieso, auch die Theaterwissenschaft, auch die Dramaturgen der großen Bühnen, auch Schüler haben wohl einmal ein Reclam-Heftchen mit seinem Namen darauf in den Händen gehalten. Es gibt ein Grabbe-Gymnasium in seiner Heimatstadt Detmold, es gibt einen Grabbe-Preis und ein Grabbe-Portal im Internet, hinter dem man seine historisch-kritisch vorbildlich edierten Werke findet. Was in der DDR Erbepflege hieß, die Bewahrung und Tradierung des Werkes, wird auch hier geübt. Man muss sich um Grabbe keine Sorgen machen.

Aber das ist auch nicht der Punkt. Zwischen den Übergrößen der Literatur- und Musik-, der Kunst- und Filmgeschichte, die jeder kennt, liegen im populären Bewusstsein weite Brachen, Leerflächen – als sei zwischen Bach und Mozart, Shakespeare und Goethe nichts gewesen. Es war aber ganz viel, und nicht nur zu Recht Vergessenes. Es waren vor allem jene Künstler, die etwas erfanden oder in die Kulturgeschichte zum ersten Mal einschleppten, das spätere zur Vollendung führten – oder nicht mehr fortführten. Grabbes Humor blieb ohne Nachfolge. Aber seine Aufschrei-Dramatik, die an Schwärze Büchner übertrifft ("Gott ist boshaft / Und Verzweiflung ist der wahre Gottesdienst"), bereitete den Boden für Expressionismus und Naturalismus auf der Bühne, seine epische Dramaturgie (Napoleon oder die hundert Tage) führt direkt zu Brecht.

Manchmal geht ein Künstler in der Mode unter, die er selbst erfunden hat

Ohne Nachfolge blieb der Sturm und Drang, den Carl Philipp Emanuel Bach in die Musik hineintrug; ein letztes fernes Gewitterleuchten findet sich höchstens im Frühwerk Mendelssohn-Bartholdys. Aber doch hat Carl Philipp Emanuel es am ehesten geschafft, aus dem Schatten der Geschichte wieder herauszutreten, vielleicht weil der radikale Subjektivismus, seine Exzentrik und die bewusste Bizarrerie so stark zu dem antiklassischen Affekt der Moderne sprechen. Sein Bruder Johann Christian dagegen ist hinter lauter Nachfolgern verblasst. Man kann ihn ohne Weiteres den Vater und Erfinder jenes Stils nennen, der später als Wiener Klassik firmierte. Er brachte die Volksmusik und ihre Dreiklangharmonik ein, ein ganzer Zyklus seiner Klavierkonzerte war wesentlich von schottischen Liedern inspiriert, wie er denn überhaupt den Typus des Klavierkonzertes etablierte, den Mozart zur ersten Vollendung brachte. Johann Christian Bach war ein unermüdlicher Erfinder und Experimentator, mit Klangfarben in seinen Sinfonien, mit großartig abstrusen Besetzungen in der Kammermusik. Fast schon berühmt ist ein Sextett geworden, das Oboe mit zwei Hörnern, Violine, Cello und Klavier kombiniert – knapp vorbei an der Katzenmusik, aber ein betörender Spaß.

Was ist das Geheimnis dieser geheimen oder ins Geheime zurückgesunkenen Klassiker? Sie sind ja nicht wirklich vergessen, sie werden auch geschätzt und erforscht, aber sie sind – eben keine Klassiker. Und zwar wirklich, im wörtlichen Sinne nicht; sie waren Bastler und Übertreiber, Manieristen oder modisch Affektierte. Mozart und Haydn waren nicht einfach besser (das auch), sie waren vor allem klarer, deutlicher, sie haben entrümpelt, geordnet und radikalisiert, was sie im wild blühenden Gärtchen ihrer Vorläufer oder Konkurrenten fanden. Die spätere Kanonbildung, in der die einen Platz fanden und die anderen nicht, hat insofern nichts falsch gemacht, aber die Welt der Kunst ärmer gemacht.