Sie sagen, es sei Liebe. Als im Oktober 2014 die Fotogalerie C/O Berlin ihre neuen Räume eröffnete, schwärmte ihr Direktor Stephan Erfurt über "unsere neue große Liebe und unser neues Zuhause". Eineinhalb Jahre zuvor hatte die Galerie ihre Bleibe im prächtigen Postfuhramt in Berlin-Mitte aufgeben müssen. Nun kann sie dauerhaft im Amerika-Haus residieren, neben dem Bahnhof Zoo, mitten in der sogenannten City West. Dieser Umzug ist der jüngste Höhepunkt einer erstaunlichen Entwicklung.

Seit 1989 zog es scharenweise Kreative und solche, die sich dafür hielten, in jenen Teil Berlins, der einmal die Hauptstadt der DDR war: vor allem nach Mitte mit seinen Clubs, Museen und Galerien; und in die Bars, Cafés und damals noch preisgünstigen Altbauwohnungen von Prenzlauer Berg oder Friedrichshain. Doch die Hochphase des Ostens ist allmählich vorbei. Heute lockt das lange als provinziell geschmähte Westberlin.

Wenig veranschaulicht den Wandel der Hauptstadt besser als der Umzug der renommierten Fotogalerie C/O von Ost nach West. Deren Macher mussten ihre Bleibe räumen, nachdem ein Investor das Gründerzeitgebäude unweit der Museumsinsel gekauft hatte. Verhandlungen mit dem Bezirk über einen Neubau in der Nähe scheiterten. Eineinhalb Jahre lang war C/O heimatlos. Schließlich half der Senat bei der Ansiedlung in dem ungenutzten Fünfzigerjahrebau nahe dem Kurfürstendamm.

Die Renaissance Westberlins hat weniger mit Liebe zu tun als mit günstigen Standortfaktoren. Hier gibt es heute das, was den Osten einst so anziehend machte: viel Platz und die Bereitschaft, Neues zu wagen. Lange stand der Ku’damm für das alte Westberlin, das partout nicht vergehen wollte: eine durch Milliardensubventionen des Bundes träge gewordene Halbstadt, die vom Glanz alter Zeiten zehrte. Von dem verblichenen Werbeplakat eines Chinarestaurants lächelte jahrzehntelang der Lokalheld Harald Juhnke, um für die Pekingente seines Schwagers zu werben. Im heruntergekommenen Bikini-Haus aus den fünfziger Jahren siedelten sich Billigläden an. Als 2006 der Bahnhof Zoo auch noch vom Fernverkehr der Bahn abgekoppelt wurde, war der Tiefpunkt erreicht. Dann reagierte der rot-rote Senat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 2 vom 8.1.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

2009 zogen Vertreter des Bezirksamtes, der Industrie- und Handelskammer, Gewerbetreibende und Wissenschaftler ins Amerika-Haus. Sie koordinierten die Umgestaltung der "City West". Das Bündnis wollte vom wachsenden Strom der Touristen und Zuzügler profitieren. Sie sollten nicht allein in den frisch sanierten Osten streben, um dort zu wohnen, auszugehen und einzukaufen. Bald entstand mit dem Luxushotel Waldorf Astoria neben der Gedächtniskirche das erste neue Hochhaus. Das Bikini-Haus wurde saniert und erweitert. Dort gibt es nun teure Boutiquen und Cafés. Und viele auf Coolness bedachte Besucher zieht es nachts in die im zehnten Stock gelegenen Monkey Bar mit dem Blick aufs Affengehege.

Drei Viertel der Berlin-Touristen kommen wegen des Kulturangebots. Hunderttausende Jobs hängen daran. So erklärte kürzlich der Kulturstaatssekretär des Senats, Tim Renner, er wolle "diejenigen schützen, die den Boom ausgelöst haben und befeuern. Das sind die Künstler mit ihren Studios, Ateliers und Proberäumen". Sie brauchten günstigen Wohn- und Arbeitsraum. Renner warnte: "Orte, die nicht mehr zulassen, was in Berlin Grund für Zuwanderung und Wachstum ist, schaden sich selbst. Der Prenzlauer Berg ist ein Synonym für solch ein Quartier geworden." Im einstigen Szenebezirk sind Baubrachen und Bars aufwendig sanierten Wohnungen und Geschäften gewichen. Kitas ersetzen Clubs.

Auch Gregor Gysi sieht seine Ostberliner Heimat im Wandel. "Tatsächlich gibt es eine Verschiebung hinsichtlich des Anreizes zum Westteil der Stadt", sagt der Linken-Politiker. Er trägt dazu bei: Als Anwalt leistet er sich eine schicke Kanzlei-Adresse in der Fasenenstraße beim Ku’damm. "Wenn dort alles teurer wird, gibt es wieder eine Verschiebung zum Ostteil", sagt Gysi. "Das geht so lange hin und her, bis es wurscht ist."

Wirklich? Ost- und West-Bezirke unterscheiden sich sehr. In Prenzlauer Berg etwa gibt es kaum türkisch- oder arabischstämmige Migranten. "Hier gedeiht die neue deutsche Biederkeit besonders gut", sagt Ulrich Gutmair. Der Autor eines Buchs über Berlin zur Wendezeit ist sich sicher, dass der Osten seine größte Zeit hinter sich habe: "Umso mehr erscheinen die ehemaligen Arbeiterviertel Kreuzberg, Neukölln und Wedding auf dem Gebiet des alten Westberlin als Orte, an denen es wie in einer richtigen Metropole zugeht." Hier prallen Migranten, deutsche Bürgerkinder und internationale Neuberliner täglich aufeinander; es entsteht etwas Neues: "Im Westen Berlins kann man heute besichtigen, wie Deutschland morgen aussehen könnte."