Denken hilft – vor allem intelligenten Menschen. Deshalb bittet der Krebsforscher Bert Vogelstein, zweifellos einer der brillantesten Köpfe seines Fachs, im Wochenrhythmus Kollegen vom Campus in sein dämmriges Büro. Dann brüten die Wissenschaftler von der Johns Hopkins University in Baltimore über Grundfragen ihres Sujets. Oft mit frappierenden Ergebnissen.

Am Freitag vergangener Woche waren die Früchte dieser Exerzitien wieder einmal zu besichtigen, im Fachblatt Science. Dort gaben Vogelstein und der Mathematiker Christian Tomasetti eine Antwort auf die Frage, die alle Krebspatienten quält: Warum ich? "Das ist eine vollkommen vernünftige Frage", sagt Vogelstein. Seine Antwort ist allerdings ernüchternd: einfach Pech gehabt. Andererseits: besser, als selber schuld zu sein.

Die Recherchen der beiden Wissenschaftler zeigen, dass die Organe des Menschen lebenslang eine genetische Lotterie veranstalten. An Krebs erkrankt, wer dabei die Nieten zieht. Endgültig passé sind damit spiritistisch durchwirkte Thesen zur Krebsentstehung. Etwa, dass das Leiden soziale Ursachen habe, ein Ausdruck psychischer Konflikte sei – oder gar die Folge einer "Krebspersönlichkeit".

Die Erkenntnis der Forscher aus Baltimore ist das Ergebnis einer Debatte, die Monate zuvor in Vogelsteins Denkstube im Kimmel Cancer Center stattfand: Warum sind manche Krebsformen so häufig, andere dagegen echte Exoten? Warum also erkrankt jede neunte Frau im Lauf ihres Lebens an Brustkrebs, an Knochenkrebs der Hüfte aber nahezu niemand? Warum ist Dickdarmkrebs so häufig, Dünndarmkrebs so selten? Wo doch bekannte Krebsauslöser – Gifte in der Umwelt und Nahrung, natürliche Strahlung oder angeborene Genveränderungen – in allen Geweben des Körpers gleichermaßen zuschlagen.

In ihrer Arbeit identifizierten die US-Forscher nun verdächtige Vorkommnisse, die hauptverantwortlich sein könnten: Genveränderungen, die erst im Laufe des Lebens in jenen Zellen entstehen, die sich bei der ständigen Regeneration der Organe teilen – in den Gewebestammzellen.

In allen Geweben des Körpers gehen ständig Zellen zugrunde und müssen ersetzt werden. Dafür existieren sogenannte adulte oder Gewebestammzellen. Wenn diese sich in zwei Exemplare teilen, bleibt ein Nachkomme weiterhin Stammzelle, die andere Zelle entwickelt sich zu einem Bestandteil des betreffenden Organs.

Bei diesen Teilungen der Stammzellen kommt es immer zu Mutationen, die manchmal einen bösartigen Tumor wachsen lassen können – Krebs durch reines Pech also, wie der Biomathematiker Martin Nowak von der Harvard University formuliert. Es sei das "Grundrisiko jedes tierischen Organismus, dessen Zellen sich teilen müssen". Aber wie viel Krebsgefahr entsteht dabei?

Das wollte Christian Tomasetti ausrechnen und stellte sich dafür erst einmal grundlegende Fragen: Wie viele Stammzellen besitzt ein Organ, und wie schnell teilen sie sich? In 31 menschlichen Organen und Geweben ist das bereits untersucht worden. Der Forscher konnte also kalkulieren, wie viele Zellteilungen dort über das ganze Leben stattfinden. Wären nun die Mutationen, die dabei zwangsläufig entstehen, die Ursache für die unterschiedliche Häufigkeit bösartiger Tumorarten, so müssten Organe mit vielen Stammzellteilungen auch häufiger von Krebs befallen werden.

In Tausenden Modellrechnungen spielten Tomasetti und Vogelstein ihre Hypothese durch – und bestätigten sie: Die Unterschiede im Risiko für die Krebsarten folgten nahezu mathematisch genau der Zahl der Zellteilungen im betreffenden Organ. Tomasetti errechnete eine Korrelation von 0,81 (1,0 ist das Maximum) – was nach den Regeln der Statistik bedeutet, dass Mutationen in den Stammzellen für etwa zwei Drittel der Unterschiede in der Häufigkeit von Krebsarten verantwortlich sind. Oder einfach ausgedrückt: Es ist vor allem Pech, wenn in einem Organ ein Tumor wächst. Denn die zufälligen Defekte bei der Vervielfältigung der Stammzell-DNA sind der Hauptgrund dafür, warum Menschen an bestimmten Krebsarten häufiger erkranken.

Dieses Fazit ist nicht zu verwechseln mit der Botschaft, die in vielen Medien fälschlicherweise verbreitet wurde: dass nämlich zwei Drittel aller Krebsfälle durch Pech entstehen. Schließlich gibt es viele weitere mögliche Ursachen, deren Anteil am Gesamtrisiko bislang nicht ermittelt ist.

Genauso wenig kann die Frage, welchen Anteil das genetische Pech in den Stammzellen des Körpers am gesamten Krebsrisiko von Menschen hat, beantwortet werden. Das sei eine höchst komplexe Angelegenheit, sagt Vogelstein. "Wir denken darüber nach, wie wir dazu Stellung nehmen können."

Gleichwohl hält die Arbeit der beiden Amerikaner einige grundsätzliche Erkenntnisse und Lehren bereit. Etwa, dass es eine Gesellschaft ohne Krebs nicht geben kann. Die Häufigkeit der Tumore kann vielleicht reduziert werden, das Sterben an Krebs durch bessere und frühe Behandlung vermindert werden. Ein vollständiger Sieg über den Krebs aber ist kaum zu erwarten. "Es wird weiter Krebsfälle geben", sagt Vogelstein in Science. Man müsse sie eben entdecken, wenn sie noch klein sind.

Zudem bestätigen die Befunde eine ziemlich neue Erkenntnis der Tumorforscher. Bei einzelnen Krebsarten haben sie schon bewiesen, dass der Tumor aus Stammzellen entsteht, die sich durch Mutationen zu sogenannten Krebsstammzellen umgewandelt hatten. Diese gelten als Motor des Tumorwachstums und auch als Quelle von Metastasen, die letztendlich für den Tod der Patienten verantwortlich sind.

Aber auch für die Kranken selbst hält die Arbeit von Vogelstein und Tomasetti eine tröstliche Botschaft bereit: Sie sind oft nicht selbst schuld an ihrer Krankheit. Doch klar ist auch: Man kann sein Schicksal sehr wohl durch eigenes Tun und Unterlassen herausfordern. Man muss keinen großen Aufwand betreiben, um das Krebsrisiko beträchtlich zu vergrößern. Ebenso wie das Pech in der genetischen Lotterie des Körpers fördern Rauchen, Übergewicht und körperliche Trägheit die Entstehung von Krebs. Auch gegen solche Laster hilft oft schon denken.