Die letzte Sitzungswoche vor dem Beginn der Verhandlungen. "Ich fürchte das Schlimmste", sagt die Abgeordnete Seham Sergewa, 44, auf der Terrasse des Hotels. Ergebnislos haben sie am Vormittag im Plenum gestritten. Die Kriegswilligen, die zu keinen Zugeständnissen an Muslimbrüder und Misrata-Milizionäre mehr bereit sind. Die Kompromissbereiten, die den Dialog ersehnen, nicht den Tod so vieler Menschen auf dem Gewissen haben wollen. Die Stammesvertreter, denen es nur um den Vorteil ihrer Region geht. Die Opportunisten, die weiter abwarten, um den Trend für die wahrscheinlichste Mehrheit zu erspüren.

In dem jungen Parlament gibt es weltanschauliche Konflikte, unterschiedliche Strömungen, aber keine Parteien, keine organisierten Gruppen. Das macht die Debatten quälend langatmig. Jeder will ans Mikrofon. Jeder weiß, dass er sich später wird rechtfertigen müssen, wie er sich in diesen Tagen zu Krieg und Frieden verhalten hat.

Seham Sergewa, promovierte Psychologin, Frauenrechtlerin und vehemente Befürworterin von Friedensverhandlungen, ist in einer Sitzungspause auf die Terrasse getreten und wendet ihr Gesicht zur Sonne. Sie schließt die Augen. Dann vertritt sie sich die Beine, zwei Runden um den Swimmingpool, eine linksrum, eine rechtsrum. Die Grenzen ihrer neuen Welt sind schnell erreicht.

Das Hotel ist alles, was ihr von Libyen geblieben ist. Ihre Familie stammt aus Bengasi, zweitgrößte Stadt Libyens, die Hochburg der Revolution. Nirgendwo sonst wüten die neuen Kämpfe bereits so sehr wie dort. Die Universität, an der Sergewa unterrichtete, ist verbrannt. Die Islamisten haben ihr Haus zerstört, eine Villa mit weitläufigem Garten, die Obstbäume angezündet. Viele ihrer Freunde, erzählt sie, Anwälte, Ärzte, Aktivisten der ersten Stunde, seien Mordanschlägen zum Opfer gefallen.

Ein Hotel mit drei Namen

Im Gegenzug rollen Panzer durch die Straßen Bengasis. Artillerie hämmert auf Stadtviertel ein. Es sind die Angriffe der Truppen, die dem Parlament in Tobruk unterstehen. Sie reißen die Häuser ihrer Gegner mit Bulldozern ein. Hunderte Gebäude sollen sie in den vergangenen Wochen dem Erdboden gleichgemacht haben.

Seham Sergewa, die ein blaues Kopftuch und einen blauen Blazer trägt, warnt vor den Islamisten, aber auch vor dem eigenen Militär. "Ich stehe zwischen allen Fronten", sagt sie.

Drei Namen hatte das Hotel in Tobruk in seiner Geschichte: Zuerst hieß es Golfhotel, rund 20 Jahre lang. Bei einem Besuch 1998 taufte es Muammar al-Gaddafi um, in "Hotel Großer Marsch". Als im August das Parlament einzog, beschlossen die Abgeordneten, ihrem neuen Wohn- und Tagungsort den Namen "Dar al-Salam" zu geben, "Haus des Friedens".

161 Zimmer auf vier Stockwerken, sechs Suiten, 17 separate Villen, zwei Restaurants, fünf Aufzüge, die immer mal wieder stecken bleiben, ein Friseur, der aus Angst nicht fotografiert werden will. Ein Zierbrunnen, der sanft in der Lobby murmelt, 50 Putzmänner aus Bangladesch und Pakistan, die zweimal täglich die Hotelbetten aufschütteln. Eine Fassade aus gitterförmigen Betonstreben. Nachts leuchtet das Haus in grellem Grün.

"Traut keinem"

Sie ertrage das Hotel nicht mehr, sagt Seham Sergewa. Den Geruch der frisch gebohnerten Gänge. Den Lärm in der Lobby. Die Blicke. Die Missgunst und die falschen Verdächtigungen. Den Spott und die Häme ihrer Gegner, der Kriegstreiber und Gaddafi-Anhänger. Es gibt keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen. Sie wohnen auf denselben Fluren, essen in demselben Restaurant, vertreten sich die Beine in demselben Garten. So ist jeder Moment des Tages vom politischen Streit gefüllt. Nichts ist mehr privat.

Sergewa wagt es selten, das Hotel zu verlassen, in das sich auch ihr Mann und ihre beiden Söhne, zehn und zwölf Jahre alt, geflüchtet haben. Für die Abgeordneten ist selbst Tobruk nicht sicher. Zwei Autobomben explodierten in den vergangenen Wochen, töteten 15 Menschen. Seham Sergewa hat ihren Kindern eingebläut, in der Lobby und im Restaurant nicht mit Abgeordneten zu reden, die sie nicht gut kennen. "Traut keinem", sagt sie ihnen.

198 Mitglieder umfasste das Parlament nach seiner Wahl. Ein halbes Jahr später sind es noch 120. Viel weniger dürfen es nicht werden. Wie soll ein Abgeordnetenhaus ohne Abgeordnete den Anspruch erheben, das Volk zu vertreten?

Ein eigenes Parlament von Muslimbrüdern und Milizionären

Libyen löst sich auf, in eine Vielzahl von Stadt- und Kleinstaaten und weltanschaulichen Gruppierungen. Gemeinsam haben sie vor drei Jahren Gaddafi gestürzt, jetzt schmieden sie Allianzen gegeneinander, streiten um sein Erbe, um die Neuverteilung der Ölreichtümer des Landes.

In Tripolis, im Westen, haben Muslimbrüder und Misrata-Milizionäre ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung ausgerufen. Ihr Bündnis nennen sie Fajr Libya, "Libysche Morgenröte". In Tobruk, im Osten, hat das Abgeordnetenhaus ebenfalls eine Regierung eingesetzt. Sie residiert im 300 Kilometer entfernten Al-Baida, einer Kleinstadt in den Bergen.

Im Westen wie im Osten gibt es Ministerien, Behörden und Kasernen, und längst haben beide Landesteile Verbündete im Ausland gefunden. Ägypten und die USA stehen auf der Seite des Ostens, die Türkei und Katar, heißt es, unterstützen den Westen.

Für ausländische Reporter ist es schwierig, das Hotel zu erreichen. Die Straßen nach Tobruk sind unsicher oder unterbrochen. Wegelagerer und Islamisten, die Ausländer entführen, machen selbst kurze Autofahrten riskant. Die libyschen Botschaften geben widerwillig Visa aus, weil sie dadurch gezwungen werden, Partei zu ergreifen – für Tobruk oder für Tripolis.

Explosion im Parlament

Nur zwei Flüge pro Woche verkehren zwischen Tobruk und Tunis. Weil auch die Straße zum Regierungssitz in Al-Baida als unsicher gilt, sind die Abgeordneten auf zwei 40 Jahre alte Helikopter des Militärs angewiesen, meist ist einer davon defekt.

Es ist der 10. Dezember, in sechs Tagen sollen die Friedensgespräche beginnen. Am frühen Morgen hat eine Explosion in der Stadt das Parlament in Unruhe versetzt. Einige Abgeordnete sagen, ein Boot aus Misrata habe versucht, das Hotel von der See her anzugreifen. Eine Rakete habe das Schiff zerstört. Andere meinen, das Krachen sei ein Überschallknall gewesen, das Militär teste neue Kampfjets, von Ägypten geliefert. Mehrfach hat Ägypten mit seiner Luftwaffe in Libyen eingegriffen und Angriffe gegen Islamisten geflogen.

Aus dem Plenarsaal in Tobruk dringen Gerüchte: Die Abgeordneten seien zu Friedensgesprächen mit Tripolis bereit, sie hätten sich sogar schon auf vier Namen für die Verhandlungsdelegation geeinigt, die Abstimmung sei für den Nachmittag geplant.

Fares Labedi, der Direktor der Öffentlichkeitsarbeit, der sein Amt niederlegen wollte, ist an den Schreibtisch zurückgekehrt. Er hat sich überreden lassen, weiterzumachen. "Nur für den Übergang", sagt er.

Labedi ist eigentlich Ölingenieur, darauf spezialisiert, den Umfang von Lagerstätten abzuschätzen. Doch werden wegen der Unruhen derzeit keine neuen Ölquellen mehr erschlossen. Labedi fand keine Arbeit und zog zu seiner Familie nach Tobruk, als plötzlich die Abgeordneten in der Kleinstadt erschienen. Labedi spricht Englisch, also erhielt er den Job im Pressebüro.