Das Parlament wirbt um die Unterstützung Europas und der USA und gibt vor, den Idealen von Fairness und Transparenz zu folgen. In der Praxis hält es seine Debatten geheim, die Sitzungen sind nicht öffentlich. Kein Journalist durfte den Plenarsaal bisher auch nur betreten. Die schwere Doppeltür, die in sein Inneres führt, ist für unabhängige Beobachter verschlossen.

Der UN-Vermittler ist müde, als er am späten Abend durch die gläserne Drehtür des Hotels tritt, ein kleiner, schmächtiger Mann, Bernardino León, ein Spanier, umringt von seinen Bodyguards. Die Köpfe in der Lobby wenden sich ihm zu, die Gespräche verstummen. Wenige ausländische Diplomaten wagen es, nach Tobruk zu fliegen. Ihre Sicherheitsdienste warnen vor akuter Entführungs- und Anschlagsgefahr. "Er war heute Morgen noch in Tripolis", sagt einer und stützt sich von seinem Sessel auf, um León sehen zu können.

Bei seinem letzten Besuch haben die Abgeordneten ihm Bedingungen präsentiert für die Aufnahme neuer Friedensverhandlungen mit Tripolis: keine Gespräche mit bewaffneten Milizen, keine Gespräche mit Angehörigen des Gegenparlaments, das sie als unrechtmäßig betrachten. Unwahrscheinlich, dass sich Muslimbrüder und Misrata-Milizionäre auf diese Auflagen einlassen. Bereits die erste Verhandlungsrunde ist an den Hardlinern unter den Abgeordneten von Tobruk gescheitert. Sie setzen nicht auf das Wort, sondern auf die Waffe.

Längst versuchen beide Parteien, in diesem Konflikt ihre Macht durch Bündnisse auszuweiten. Im Westen paktieren die Milizionäre mit Gruppen des "Islamischen Staates", denen sich ausländische Dschihadisten angeschlossen haben. Im Osten schlagen sich Demokraten auf die Seite von Gaddafi-Getreuen und altgedienten Militärs, die in Libyen ein neues autoritäres Regime errichten wollen. Ihre Hoffnungen ruhen auf Chalifa Haftar, einem 71-jährigen General und einstigen Studienfreund Gaddafis, der zu dessen wichtigsten Offizieren zählte. Im Auftrag des Diktators kämpfte er gegen Israel, kämpfte gegen den Tschad, geriet dort in Kriegsgefangenschaft und überwarf sich mit Gaddafi, weil er das Gefühl hatte, dieser habe ihn im Stich gelassen.

Presse? Es gibt nur eine Kamera.

30 Jahre lang lebte Haftar im Exil in den USA. Von dort aus dirigierte er eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die Anschläge gegen das Gaddafi-Regime verübten. Der amerikanische Geheimdienst CIA trainierte die Kämpfer in eigenen Ausbildungscamps.

Heute hat Haftar mehrere Zehntausend Mann unter sich. Er ist ein Soldat, der die Macht erringen will, kein Demokrat, der bereit wäre, Macht mit anderen zu teilen. "Er ist ein zweiter Gaddafi", sagen manche der Abgeordneten in Tobruk. "Er ist unser Retter", sagen andere.

Nach dem Abendessen lädt der UN-Vermittler León zu einer Pressekonferenz. Allerdings gibt es hier keine Presse, nur die Kamera von Fares Labedi. León steht in der Mitte der vier Abgeordneten, die das Parlament zu den Friedensgesprächen entsenden würde. Sie sehen mit ernsten Gesichtern in die Runde, nur León lächelt. Er sagt, er freue sich, bei alten Freunden zu sein, und er sei optimistisch, dass die Verhandlungen tatsächlich am 16. Dezember beginnen würden, als plötzlich ein Knall den Raum erfüllt. León duckt sich. Doch es ist nur die Glühlampe eines Scheinwerfers explodiert.

Am nächsten Tag versuchen die Abgeordneten so etwas wie parlamentarischen Alltag herzustellen. Sie erlassen Gesetze und Richtlinien für die Zeit nach dem Krieg. In der Hochzeitshalle des Hotels tagt der Ausschuss für Transport und Logistik.

Das Parlament redet über Briefträger

"Wir müssen endlich ein vernünftiges Postsystem aufbauen", sagt der Abgeordnete Salah Suhbi. Das Regime von Gaddafi hatte sich geweigert, in Libyen Straßennamen, Hausnummern und Postleitzahlen einzuführen. Libyen sei traditionell von Nomaden bevölkert, und eine solche Ordnung sei Nomaden fremd. Die Folge ist, dass niemand in Libyen etwas mit der Post verschickt, weil es nie ankommt.

Salah Suhbi hat bis zu seiner Flucht nach Tobruk das British Council, das britische Kulturinstitut, in Tripolis geleitet. Wie die Psychologin Seham Sergewa setzt auch Suhbi auf Friedensverhandlungen mit dem Westen, gemeinsam mit 30 weiteren Abgeordneten hat er eine Resolution unterzeichnet, wonach sie General Haftar nicht als Oberbefehlshaber der Armee anerkennen. "Stellen Sie sich vor, was alles möglich wird", schwärmt Suhbi. Er meint die Einführung des Postsystems. Suhbi will Libyen für den E-Commerce öffnen. Ein Riesenmarkt, sagt er.

Ihm ist bewusst, wie absurd das wirkt: Das Land steht vor einem Bürgerkrieg, und im Parlament reden sie über Briefträger. Aber was ist die Alternative? "Wir können uns hinsetzen und nichts tun", sagt Suhbi, mit Fachliteratur über das britische Postsystem in der Hand. "Oder wir können die Zeit nutzen, um das Fundament für die Zukunft zu legen."

Am 13. Dezember eröffnet die Gegenregierung in Tripolis eine neue Front. Verbände aus Misrata und Brigaden der Islamisten rücken an der Küste auf Ras Lanuf vor, die wichtigste Ölraffinerie des Landes. Abgeordnete bekommen Fotos auf ihre Handys geschickt, die Hunderte feindliche Pick-ups mit schweren Maschinengewehren zeigen. Sie sollen bereits mehrere Dörfer erobert haben. Auf den Fernsehschirmen des Hotels flimmern unscharfe, verwackelte Aufnahmen der Kämpfe. Gruppen von Abgeordneten versammeln sich vor den Monitoren. Die Informationen sind widersprüchlich. Die Meinungen auch. Müssen die Bedingungen für Friedensverhandlungen jetzt gelockert werden? Oder eher noch verschärft? Ist es nicht besser, einen schnellen, siegreichen Krieg zu führen?

Unterschriften gegen den tunesischen Chefkoch

"Ich fühle mich so leer", sagt Labedi im Pressebüro. Er grübelt, wie es weitergehen soll, kann nächtelang nicht schlafen. Weil es kaum Journalisten gibt, die er mit Informationen versorgen könnte, ziehen ihn die Abgeordneten für andere Arbeiten heran. Sie lassen Labedi handschriftliche Notizen abtippen und Botschaften überbringen. Er, der die Demokratie stärken will, fühlt sich zur Hilfskraft degradiert. "Die Tage vergehen, ohne dass du das Gefühl hast, etwas Sinnvolles gemacht zu haben." Müde streicht er sich über die Augen.

Die Bewohner des Hotels leiden immer spürbarer unter der Enge. Die Abgeordneten und ihre Familien beschweren sich über das schlechte Essen, klagen, dass es dauernd dasselbe gebe, Hühnchen mit Reis, Fisch mit Reis. Es zirkulieren nicht nur Petitionen zu Frieden oder Krieg, sondern auch Unterschriftenlisten gegen den tunesischen Chefkoch. Manchen ist sein Essen zu fade, anderen zu scharf, aber sie alle, die Frauenrechtlerinnen, die Technokraten, diejenigen, die ihre Wahl erkauften, und die, die ehrlich gewählt wurden, die Korrupten und die Idealisten, sie alle stellen sich in einer Reihe an, Punkt 20 Uhr, kurz bevor sich die Glastüren des Restaurants öffnen. Abendessen.