Ameisentätowierer – so nennen sie ihn im Bendlerblock und in den hohen Rängen der Truppe. Generalleutnant Markus Kneip, Leiter der Abteilung Einsatz und Strategie im Verteidigungsministerium, ist bekannt dafür, in jedes winzige Detail hineinzukriechen, aus Vorlagen und Papieren, die über seinen Schreibtisch gehen, auch noch den letzten Spiegelstrich zu inhalieren. Seine Chefin Ursula von der Leyen schätzt so etwas nicht nur, sie erwartet es auch. Wenn der Ameisentätowierer etwas aufschreibt, ist jede Kleinigkeit bedacht.

Präzision ist sein Markenzeichen, und Präzision hat ihn nun in die Schlagzeilen gebracht. In seiner Zeit als Kommandeur des Regionalkommandos Nord in Afghanistan, von Februar 2011 bis Februar 2012, war Kneip daran beteiligt, Listen zu erstellen, anhand derer US-Spezialkräfte gezielt Jagd auf Taliban machten. Äußern will sich Kneip zu dieser äußerst heiklen Sache aber nicht.

Solche Listen trugen schon Kommandeure vor seinem Dienst am Hindukusch zusammen und danach auch. Für die anderen interessiert sich aber niemand. Zum einen, weil bei Kriegshandlungen generell die Grenze zwischen legal und legitim häufig verschwimmt und Schuldfragen nur schwer zu klären sind. Zum Zweiten, weil kein anderer Afghanistan-Kommandeur heute zu den Beratern der Ministerin gehört. Der dritte Grund schließlich, warum Kneip interessiert, ist vielleicht der entscheidende: Er ist der erste deutsche General, der seit dem Zweiten Weltkrieg in einem Kampfeinsatz verwundet wurde.

Bei einem Treffen im nordafghanischen Taloqan explodiert am 28. Mai 2011 wenige Meter neben Kneip eine Bombe. Er wird durch die Luft geschleudert, Splitter dringen in seinen Körper ein, er erleidet Brandverletzungen, bricht sich einen Ellbogen. Um ihn herum werden sieben Menschen zerfetzt, darunter zwei seiner Soldaten. Kneip wird nach Hause geflogen – und kehrt zwei Monate später zurück nach Afghanistan. Nicht alle Splitter konnten bei der Operation entfernt werden, manche stecken bis heute in seinem Körper.

Der Soldat Kneip strahlt etwas Mönchisches aus: groß gewachsen, schlank, scharfe Gesichtszüge, kurze, grau melierte Haare. Es gibt Generäle, die stets mit ihrer Entourage auftauchen, um die eigene Bedeutsamkeit zu demonstrieren. Kneip taucht nur mit seinem schwarzen Rucksack auf. Darin steckt ein Laptop, den er irgendwann auspackt und einschaltet, bevor er beginnt, in Details zu kriechen und Spiegelstriche zu inhalieren.

Aus der Ruhe bringt ihn wenig. Eins aber regt ihn, den schwer Verwundeten von Taloqan, richtig auf: wenn Soldaten im Einsatz glauben, sie zählten mehr als die Soldaten, die zu Hause geblieben sind. In Kneips Welt sind alle Soldaten gleich.

Kneip redet nicht gern über den Anschlag, lieber über seine Aufgaben. Seine wichtigste ist es, die Ministerin in allen Fragen der Bundeswehreinsätze zu beraten; aktuell sind es weltweit 15, von einer Beobachtermission in der Westsahara bis hin zur Piratenjagd am Horn von Afrika. Von der Leyen redet gern davon, dass Deutschland künftig mehr Verantwortung in der Welt übernehmen müsse. Und Kneip schaut nach, wie es mit dieser deutschen Verantwortung so läuft, wo sie schon angekommen ist.

In ihrem ersten Jahr als Verteidigungsministerin hat von der Leyen zahlreiche Schlüsselstellen mit Vertrauten von außen besetzt, Menschen, die bis dahin weder Ahnung von Sicherheitspolitik noch von der Bundeswehr hatten. Kneip, für die Auslandseinsätze zuständig und bei der Truppe sehr beliebt, kommt daher auch eine taktische Funktion zu: Sein Ansehen bei den Soldaten soll das Misstrauen mildern, das von der Leyen mit ihrer Personalpolitik erzeugt hat. Die Ironie dabei: Sein Schicksal nutzt ihr.

Wenn in der Truppe spekuliert wird, wer Volker Wieker in zwei Jahren als Generalinspekteur folgen könnte, wird auch Kneips Name genannt. Ganz leicht fällt diese Vorstellung allerdings nicht. Denn von der Leyen möchte die Bundeswehr sichtbar in der Mitte der Gesellschaft verankern, und dafür braucht sie einen obersten Soldaten, der so tickt wie sie, den es zu jeder Rampe drängt, auf die ein Lichtschein fällt. Für Kneip ist das eine gewaltige Herausforderung, er bleibt lieber im Hintergrund. Fotografen und Kameraleute umgeht er, wo er kann. Um das Gesicht der Bundeswehr zu werden, ist der uniformierte Mönch mit Rucksack eigentlich entschieden zu uneitel.

Stille, kein Ton, kein Laut. Die Tür zu seinem Büro steht offen, Kneip ist drin, und man hört – nichts. Fünf Minuten lang. Vielleicht, denkt man da, ist der General ja deshalb so still, weil er tatsächlich Ameisen tätowiert.

Als man eintreten darf, grüßt Kneip freundlich. Er hat nichts dagegen, dass man zuerst die pakistanische Eselstasche bestaunt und dann das Foto der rund hundert Uniformierten, mit denen er 1993 in Camberley die britische Generalstabsausbildung absolvierte. An der Wand hängt auch ein Foto von Kneip vor einem amerikanischen Apache-Kampfhubschrauber, den er selbst geflogen hat. Und dann sind da die Porträts der beiden Soldaten, junge Männer noch, die bei dem Anschlag, bei dem er schwer verletzt wurde, ums Leben kamen.

Niemand muss Kneip sagen, dass jeder Auslandseinsatz verheerende Folgen haben kann. Er hat das täglich vor Augen.