Was haben die Pegida-Demonstranten mit einem eben erschienenen Science-Fiction-Roman gemeinsam? Beide fantasieren eine Zukunft herbei, vor deren Eintreten sie uns anschließend bewahren wollen. Bisher versteht zwar niemand so richtig, was die Dresdner Demonstranten, die sich selbst von der Verdunkelung öffentlicher Gebäude nicht beeindrucken lassen, eigentlich befürchten. Den Vormarsch des Döners in Betriebskantinen? Den Niedergang des deutschen Liedguts? Die Burka-Pflicht auf dem sächsischen Straßenstrich? Ein französischer Schriftsteller könnte den diffusen Ängsten der Deutschen vor dem Untergang des Abendlandes jedoch bald ein paar konkretere Stichworte nachliefern. Der Starautor Michel Houellebecq veröffentlicht in dieser Woche in seiner Heimat (und in der kommenden bei uns) den schon jetzt heftig diskutierten Zukunftsroman Unterwerfung, in dem die schlimmsten Albträume der Pegida-Bewegung wahr geworden sind.

Die Polygamie bringt endlich frisches Leben in westliche Ehe-Ruinen

Selten passte ein Roman so genau in seine Zeit. In Frankreich, malt sich der Autor aus, kommt im Jahr 2022 eine gemäßigte islamische Partei mit Unterstützung der bürgerlichen Parteien an die Macht. Im Élysée-Palast hält Präsident Ben Abbès mit seinen zahlreichen Kopftuchfrauen Hof. Schulen und Universitäten werden islamisiert. Wer nicht zum Islam übertritt, fliegt aus dem Amt und erhält eine fürstliche Abfindung aus Saudi-Arabien. Und siehe da: Die französische Elite kollaboriert widerstandslos mit den Islamisten. Europa blüht wieder auf. Nachdem die Frauen aus dem Arbeitsleben verschwunden sind, sinkt die Arbeitslosigkeit. Die Polygamie bringt frisches Leben in die westlichen Ehe-Ruinen. Einzig Marine Le Pen und der Front National wollen nicht begreifen, dass die islamische Bruderschaft und die neue Rechte im Grunde dasselbe wollen: die Rückkehr zur guten alten Zeit, als das Leben noch nicht sinnlos und anstrengend, die Sitten strenger und die Bratkartoffeln irgendwie schmackhafter waren.

Warum schreibt jemand so ein Buch ausgerechnet zu einer Zeit, in der schon ein neues Flüchtlingsboot im Mittelmeer die Bürger in Panik versetzt? Sicherlich nicht, um in das Untergangslamento einzustimmen. Der Roman ist nämlich viel interessanter, als seine Nähe zum Dresdner Volksempfinden vermuten lässt. Denn er hat eine unterhaltsame und zynische Pointe: Michel Houellebecq, der den Islam schon mal "die dümmste Religion" genannt hat, will keineswegs vor einer drohenden Islamisierung des Westens warnen. Anders als die aufgebrachten Bürger auf deutschen Straßen sieht sein Held, der Literaturprofessor François (Spezialgebiet: die französische Dekadenz im späten 19. Jahrhundert), dem Untergang des Abendlandes mit klammheimlicher Freude entgegen. Das liegt daran, dass der Pariser Bestsellerautor vom christlichen Abendland in seiner derzeitigen Verfassung selbst überhaupt nichts mehr hält. Mehr noch: Er leidet an der westlichen Moderne. Er leidet entsetzlich. Man sieht es ihm an.

Dieses Leiden plagt den Autor schon lange. Und ebenso lange laboriert er in seinen Romanen daran, die Moderne wieder rückgängig zu machen – oder seine Helden für die Freudlosigkeit und Einsamkeit des westlichen Lebens zumindest zu entschädigen. Zum Beispiel im Swingerclub oder in den Armen ostasiatischer Sexarbeiterinnen. Nachdem bei seinen gealterten Protagonisten inzwischen "unten herum" eher Ruhe eingekehrt ist, wenden sie sich anspruchsvolleren Lösungen des Moderne-Problems zu. Hier kommt der politische Islam ins Spiel, der eine Antwort bereitzuhalten scheint für ein paar dringliche Probleme erlösungsbedürftiger männlicher Westeuropäer.

Diese an schillernder Bosheit schwer zu überbietende Analyse hält dem Westen einen Spiegel vor, in dem er eine erbärmliche Figur abgibt. Mit höhnischem Lustekel erinnert der Roman daran, woran es liegt, dass Europa seine Rettung nur unterm Halbmond finden kann. Der auch in Dresden beklagte Graben zwischen dem "Volk und jenen, die in seinem Namen sprechen, also Politikern und Journalisten", gehört dazu. Die verwechselbaren Mitte-links- oder Mitte-rechts-Regierungen des Westens, die vor dem Volk genauso die Augen verschließen wie die führenden Zeitungen. Die sinkende Geburtenrate Europas, das keine Lösung dafür findet, wie Frauen gleichzeitig viele Kinder bekommen und viel arbeiten sollen. Und natürlich die Auflösung der Familie, deren erwachsene Mitglieder nach getaner Arbeit in unförmigen Freizeitklamotten auf dem Sofa zusammensacken und beim Gedanken an ehelichen Sex müde abwinken. Kurzum: Europa geht nicht am Islam, sondern an sich selbst zugrunde. Und hat sich seinen Untergang verdient.

Das alles ist ein Spiel mit dem Feuer. Doch ist der Roman am Ende nur ein ziemlich ernst gemeinter Spaß. Es wäre Unsinn, seinem Autor vorzuwerfen, den europäischen Rechtspopulismus, mit dessen Ängsten er sarkastisch spielt, noch zu schüren. Houellebecq – noch immer einer der begnadetsten Beobachter unserer Lebenslügen und Widersprüche – lässt sich nicht in die Karten gucken. Er schreibe, lässt er mitteilen, darüber, was die Leute so reden. Er sei eben das Produkt seiner Epoche. Und der Koran sei übrigens gar nicht so übel. Anders als Pegida hat er immerhin Humor.