Ein Einfamilienhaus irgendwo im Fricktal. Fast am Ende eines Fahrsträßchens, nahtgenau zur Landwirtschaftszone. Über die Kellertreppe, den Flur entlang in ein kleines Zimmer mit Aussicht aufs Gemüsebeet. Hier sitzt an ihrer Nähmaschine: Elisa Kaufmann, 27 Jahre jung, Modedesignerin.

Ein Hobbykeller als Zukunftswerkstatt. Nicht nur für die Schweizer Modebranche sagen Insider, die Kaufmann kennen. Manche munkeln, dass hier die Zukunft der internationalen Szene neu erfunden werden könne. Überzeugt davon ist Christa de Carouge, Modeschöpferin und Schweizer Stilikone (siehe Interview). Mit ihren radikal-schwarzen Tuniken und überweiten Hosen, Kleidern, in denen man wohnen soll, hat sie Fashiongeschichte geschrieben.

Möhlin im Fricktal, zwischen Autobahn und frisch gepflügten Äckern. Hier im ehemaligen Bügelzimmer von Mutter Kaufmann hat alles begonnen. Hier ist Elisa Kaufmann, preisgekrönte Gewinnerin internationaler Wettbewerbe, aufgewachsen – und hier entwirft sie noch immer ihre Kollektionen. In der Provinz, wo mehr Straßen die Namen von Bäumen tragen, als es im Ort noch Bäume zu geben scheint, klopft die Glamourwelt an die Hobbykellertür.

Etwa, wenn Stardesignerin Stella McCartney neue Ideen für ihre Adidas-Kollektion braucht. Erst kürzlich hat Kaufmann das Stella-Team in Nürnberg verlassen. Sie war unzufrieden mit der Arbeit als technische Designerin, sie mochte das lange Sitzen vor dem Computer nicht. Kann eine Mode gesund sein, die Menschen krank macht, wenn sie diese entwerfen? Solche Fragen gehen Elisa Kaufmann durch den Kopf. Ihre Liebe gilt dem Handwerk und der persönlichen Freiheit. Die Freiheit zum Beispiel, dort zu leben, wo Familie und Freunde sind. In Möhlin.

Im Einfamilienhaus der Familie lebte auch ihre Großmutter; sie besaß unter dem Dach eine Nähstube. Von ihr, der Damenschneiderin, lernte Elisa nähen und die Begeisterung für Stoffe, später entdeckt sie das Zeichnen, in der Schule das textile Werken. Früh wird klar – das ist ihr Weg.

Ihr Talent ist das Festhalten an einer kindlichen Fantasie

waq2 heißt Elisa Kaufmanns Label. Ausgesprochen klingt das ein bisschen wie ihr Lachen. Und wie sie lacht! Hüpfend wie ein Kind, das textile Geschichten ausheckt, um sich und andere damit zu überraschen. Zum Beispiel das arabische Märchen von den Mädchen, die aus Bäumen schlüpfen. Es hat sie so fasziniert, dass sie es nicht nur als Claim für ihren kryptischen Labelnamen benutzt, sondern auch als Motto für die fiktive Trägerin, für die sie ihre Mode entwirft. Kaufmann lächelt spitzbübisch, wenn sie erzählt, wie sie mit ihren Geschichten um ihr Label auf Konfrontationskurs mit Lehrern an der Fachhochschule für Modedesign in Basel war. Und wenn die Geschichtenerzählerin über ihre Entwürfe spricht, ist sie dieses Mädchen, das aus Bäumen schlüpfen könnte. Beweglich ist sie und schnell. Nicht nur mit jeder Faser ihres Körpers, sondern auch in ihren kritischen Gedanken über die Modebranche, der sie ihre Lust am Ausdruck widmet.

Elisa Kaufmann ist ein Mensch in Bewegung und ein Multitalent in der Inszenierung von bewegten Körpern. Sie selbst hat eine Tänzerinnenfigur, weich und durchlässig gemacht durch jahrelanges Training: Jazztanz, Hip-Hop, Streetdance, am liebsten würde sie wohl ihre Zelte dort aufschlagen, wo die coolsten Tanzschulen sind. Schlüpfte sie selber aus Bäumen, wäre das Holz ihr Rückgrat, und sie wäre so standfest und beständig, wie sie es sich für ihre Kleider wünscht.