Ein Mann treibt erschossen im Rhein, die Lage scheint klar: Für Leichen französischer Staatsbürger sind die Kollegen in Colmar zuständig, und wenn ein Toter Deutscher ist, müssen die Freiburger selbst für die Ermittlungen ran. Die Kriminalisten Marie, Cem und Jean-Luc im Politthriller Tag der Wahrheit sind es gewohnt, sich die Fälle über den Rhein hin- und herzuschieben, je nach identitärer Sachlage. Aber wenn der Tote sich als ein suizidaler Sicherheitsbeamter eines maroden französischen Kernkraftwerks im Dreiländereck entpuppt, der die Region mit tödlichen Folgen über allerlei nukleare Störfälle belogen hat, im Auftrag der Regierung, dann ist die Lage gar nicht mehr klar. Dann geht es um Macht, um Zerstörung, um Entschädigung, dann fühlen sich viele zuständig: die lokalen Ermittler und der Pariser Minister, der deutsche Generalstaatsanwalt und die Belegschaft des Kernkraftwerks, Geschädigte und Anwohner, Medien und Politik. Plus ein Terrorist. Allesamt grenzübergreifend. Wie die Störfälle selbst, die Grenzen nicht respektieren, wie die Katastrophe, zum Schluss.

Vier Jahre nach Fukushima sind heute im atomfreundlichen Frankreich 58 Meiler am Netz, nur noch neun sind es in Deutschland, in Europa insgesamt sind es 200, aber die europäische Diskussion kreist längst nicht mehr um die gemeinsamen Risiken, die in den Kernkraftwerken mitsamt ihrem Müll lagern, als seien sie durch die Finanzkrise oder den Rechtspopulismus nun zweitrangig strahlend. Kaum ein Thema ist wohl besser geeignet als die strittige Atomenergie, um auszuprobieren, wie sich in Europa gemeinsame Fernsehprojekte jenseits nationaler Märkte und des nationalen Publikums entwickeln ließen. Als eine mediale "Euro-Vision", wie der verstorbene Soziologe Ulrich Beck sie gefordert hat.

Ebendies haben sich nun, in einem neuartigen Tandemprojekt, der deutsch-französische Sender Arte und der Südwestdeutsche Rundfunk vorgenommen. Sie haben zwei Filme zum selben Thema in Auftrag gegeben: Atomenergie und die Folgen, von einem mehrheitlich deutschen Team unter Regie von Anna Justice und einem anderen vor allem französischen Team um Gabriel le Bomin erarbeitet, geschrieben, gedreht, immer wieder gemeinsam verglichen, gespiegelt, besprochen. Das Ziel hieß: gute Filme, also Fiktion, Erzählung. Keinesfalls Umweltpädagogik im Rahmen der Konsensbildung europäischer Bürger. Alles weitere: nach Belieben. Ein besonderer Reiz: dass zwei hervorragende Hauptdarsteller in beiden Filmen mitspielen, in sehr verschiedenen Rollen zwischen Ohnmacht und Handlungsfähigkeit, Tragik und Komik, auch zwischen den Sprachen wechselnd, nämlich Laurent Stocker von der Comédie Francaise und die gebürtige Luxemburgerin Vicky Krieps.

Und so wurde ein Film-Doppel gedreht, dessen Anziehungskraft darin liegt, dass jeder von beiden einen so anderen Zwilling hat: In Frankreich entstand nach dem Drehbuch von Eric Eider und Ivan Piettre eine ländliche Komödie um ein geplantes Atommülllager, Das gespaltene Dorf, in Deutschland indes der Thriller Tag der Wahrheit um die terroristische Besetzung eines Atomkraftwerks, einen Racheakt aus Trauer um den Leukämietod eines Kindes, der die Protagonisten fortgesetzt zwischen dem Elsass, dem badischen Freiburg und der Schweiz hin und her eilen lässt. Durch Natur, die im atomaren Zeitalter auf circa 100.000 Jahre hinaus verplant ist.

Atomenergie als Komödie, weil das Leben vor allem schön ist, also französisch? Als Thriller, weil das Leben ein einziger neurotischer Steigerungswahnsinn ist, also deutsch? Wer die atomare Frage säuberlich in nationalmentale Störfall-Klischees sortieren will, um Nuklear-Franzosen und Energiewende-Deutsche auseinanderzusortieren, der wird durch dieses Tandemprojekt nicht bedient, denn die Trennlinien verlaufen ja anders, auch das hat Ulrich Beck in seinem Werk dargelegt. Vor allem geht es hier wie da um die Frage der Risikogesellschaften, in der die Kernenergie in jedermanns Alltag ausstrahlt, Arm/Reich, oben/unten, rechts/links: Im Dorf Saint Lassou möchte die als Deutsche geborene Bürgermeisterin ihr Dorf gerade energieautark machen, als aus Paris ein Ingenieur aus der Atomindustrie anreist, um die Bauern davon zu überzeugen, dass hier zu Forschungszwecken, dann zur Lagerung des Atommülls 500 Meter tief gebohrt werden solle, ganz realitätsgetreu. Zentrale gegen Provinz. "Warum vergrabt ihr den Müll nicht unter Paris?", schlägt da die 17-jährige Bürgermeisterinnentochter vor. Und das Dorf teilt sich alsbald: Die einen sind für neue Arbeit, für ein Ende der Abwanderung, also fürs Bohren – und die anderen finden, das in alle Ewigkeit gefährliche Endlager habe unter dem Dorf nichts zu suchen. Bis natürlich alles verrutscht und ungeachtet der demokratischen Wirren die Entscheidungen kalt anderswo fallen. Egal, wie komisch ohnmächtig man sich gerade fühlt.

Mäkeln geht bei diesem Tandem-Film trotzdem leicht, denn der Thriller ist deutlich packender als die Komödie witzig ist, die Schauspielerbesetzung im Tag der Wahrheit wirkt ausdrucksstärker als die dörfliche, überhaupt gelingt es der Komödie als Genre nicht, die Abgründe des Themas wirklich komisch werden zu lassen, aber sei’s drum. Denn mit diesem Film-Tandem kommt endlich spielerisch in die europäische Öffentlichkeit zurück, was fast vergessen scheint: Auch wenn man’s politisch vergeigt, ein Störfall erwischt jeden. Die Welt ist ein gespaltenes, strahlendes Dorf.

"Das gespaltene Dorf" wird am 21. 1. um 20.15 Uhr im Ersten wiederholt. Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio