Der Automat verliert nicht. Alle Spieler wissen es, auch Anis* weiß das. Aber plötzlich glaubte er, er könnte die Maschine austricksen. Nur dieses eine Mal. Ein Samstagmorgen, er war nach der Nachtschicht in die Spielhalle gefahren, hatte sich in einen Ledersessel fallen lassen und losgezockt. "Ich hatte meine Regeln, wie jeder Spieler", sagt Anis. Nie mehr als sechs Euro hintereinander einwerfen. Immer auf Schwarz setzen. "Ist natürlich Quatsch, aber man versucht halt alles, weißte." Plötzlich drehten die Lichter am Automaten durch, Jackpot-Chance, 5000 Euro. Der Moment kurz vorm Einwurf, für Anis wie eine Adrenalinspritze ins Herz.

Ende November erschien der neue Bericht der Hamburger Suchthilfe, und die Zahlen sind alarmierend. 10.000 Hamburger gelten als pathologisch spielsüchtig. Fast 40 Prozent der Zocker haben einen Migrationshintergrund, sie oder ihre Eltern sind nach Deutschland eingewandert. Bei deutschlandweiten Studien hat sogar die Hälfte der Spielsüchtigen ausländische Wurzeln. Warum sind besonders Migranten so gefährdet, sich in der Automatenwelt zu verlieren?

Anis’ Geschichte ist die Geschichte eines Absturzes. Und eigentlich beginnt sie bei seinem Vater. Der kam in den 1980er Jahren aus der Türkei nach Hamburg und arbeitete als Maschinenschlosser bei Thyssen-Krupp. Nach der Schicht eilte er in die Teestube, zockte Tavla, ein türkisches Brettspiel, oder verschleuderte seinen Lohn am Kartentisch. Anis’ Vater gewann oft, er verlor öfter. Doch er blieb, die Teestube wurde sein Wohnzimmer. Draußen wartete das kalte Almanya, in der Teestube erzählten sie sich Witze auf Türkisch. Sie zockten, pafften, quatschten. Das war sein Club.

Doch draußen, da wartete auch seine Familie. Papa kam spät abends nach Hause, dann keifte Mama, erzählt Anis. Oft sei er als Kind hungrig ins Bett gegangen. Wenn er Jungs aus seiner Straße sah, die im Döner-Laden den Spielautomaten fütterten, herrschte er sie an: "Wieso schmeißt ihr euer Geld nicht gleich weg?" So wollte er nie werden.

Heute sitzt Anis in einem kargen Raum des Lukas Suchthilfezentrums in Hamburg-Lurup. Die Stühle stehen noch im Kreis aufgereiht, die anderen Teilnehmer der Therapiegruppe sind längst gegangen. Anis ist geblieben. "Ich will meine Geschichte erzählen", sagt er und holt tief Luft. "Wie es so weit kommen konnte." Sein weißes T-Shirt spannt über dem Brustkorb, der 30-Jährige sieht aus, als ob er eine Waschmaschine allein in den dritten Stock wuchten könnte. Ein gedrungener, kantiger Typ mit Baseball-Cap und 5-Tage-Bart.

Wenn Anis anfängt zu erzählen, gestikuliert er mit vollem Körpereinsatz und lässt seine Sätze mit einem kumpeligen "weißte" austrudeln. Und so erzählt er Geschichten wie die, als er mal eine Ausbildungsstelle suchte.

Die geht so: Anis saß auf dem Amt, schloss die Augen, blätterte in einem Berufsführer und zählte bis drei. Sein Zeigefinger blieb bei Orthopädieschuhmacher hängen. "Gebongt. Dann mach ich halt das", sagte Anis zum Berufsberater. Ganz einfach, oder? Anis’ Erzählungen sind Geschichten, die oft fast zu gut klingen, um wahr zu sein.

Führerschein, Ausbildung, Verlobte – eigentlich lief alles gut bei Anis

"Digger, wo soll ich anfangen?" Anis lehnt sich im Stuhl zurück. Wahrscheinlich, sagt er, begannen die Probleme mit der Trennung seiner Eltern. Die ließen sich scheiden, als er 15 wurde. "Es war", Anis ringt nach Worten, "dramatisch". Themawechsel, bitte. Nach der Scheidung seiner Eltern trieb Anis durch die Straßen. Mit 16 saß er neun Monate lang in Untersuchungshaft. Kopfnuss, eine Nase bricht schnell. Anis kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Er zog in eine Jugendwohnung, der Kontakt zu den Eltern brach ab. "Seitdem stehe ich auf eigenen Füßen, ich musste mich immer alleine durchschlagen", sagt er stolz.