Man stelle sich ein Gemeinwesen vor, das aus drei Klassen besteht. Die oberste Klasse hat Geld wie Heu und führt sich auf wie der neue Adel. Die mittlere Klasse wird von Verlustängsten geschüttelt, während die untere Klasse den Abstieg schon hinter sich hat; auf sie wartet nur noch die Gosse. Und wie kommt die Upperclass zu ihrem Wohlstand? Weil sie den Reichtum der Nation vermehrt? Nein, weil sie auf den Finanzmärkten auf den Ruin ihres Gemeinwesens wettet. Die oberste Klasse gewinnt, wenn ihre Nation als Ganzes verliert. Ist das kriminell? Nein, im Kapitalismus ist das business as usual. So normal wie die Spekulation mit Nahrungsmitteln.

Für den italienischen Regisseur Paolo Virzì ist eine solche Gesellschaft pervers. Nicht weil einige mehr und andere weniger Geld verdienen. Pervers ist sie, weil der Geist des Kapitalismus den Bürgersinn zerfrisst. Jeder wettet gegen jeden, jeder ist ein Investor, der sein Humankapital rücksichtslos nutzen muss. Schafft er es nicht, ist er ein "Loser". Das sagt Massimiliano Bernaschi, der Sohn eines Mailänder Millionenfürsten, des reichsten Mannes der Stadt. Er fährt einen Geländewagen mit Flecktarnmuster, denn so ein "Arschlochauto" braucht man im Bürgerkrieg der italienischen Gesellschaft.

Paolo Virzìs Film Die süße Gier beginnt mit einer Weihnachtsfeier, einer Art "Klassentreffen". Hier sitzen die Superreichen mit normalen Mittelschichtsmenschen am Tisch, und nachdem das freudlose Fest zu Ende ist, kommen die Billiglöhner und machen den Dreck weg. Einer der Tellerwäscher schwingt sich aufs Fahrrad und wird in eiskalter Nacht von einem Geländewagen überrollt. Aber wer war der Fahrer? Jemand vom Fest? War es Massimiliano, der Siegertyp?

In dieser Klassengesellschaft gibt es nichts, was die Menschen zusammenhält, nur ihre Wünsche schmecken gleich, denn selbst die Armen träumen den Traum der Reichen, den Traum vom schnellen Geld. Für den kleinen, finanziell in Bedrängnis geratenen Immobilienmakler Dino Ossola (Fabrizio Bentivoglio) könnte dieser Traum bald in Erfüllung gehen. Serena, seine Tochter aus erster Ehe, hat sich nämlich in Massimiliano verliebt, und mit ihrer Hilfe erhofft sich Dino Zutritt zur Familie, genauer: zum Hedgefonds des Hausherrn, der sagenhafte Renditen verspricht. Der Plan geht auf. Dino, ein schleimiger Opportunist, investiert in die Freundschaft mit Giovanni Bernaschi (Fabrizio Gifuni), spielt eifrig mit ihm Tennis und zahlt in den Fonds ein. Und dann schwimmt der kleine Mailänder Karpfen im Haifischbecken der Hochfinanz. Wenn Italien abstürzt, wird er gewinnen.

Virzì entfaltet ein prächtiges Schauspiel der Dekadenz, einen spannenden Gesellschaftsthriller aus Aufstieg und Niedergang, aus Betrug, Bosheit, Verrat – und Dissidenz. Tatsächlich hat jede Klasse ihre Aussteiger und Abtrünnigen. Es sind Menschen, die die Nase voll haben von der "süßen Gier" und der Jagd nach dem Geld. In der Unterschicht ist es Luca (Giovanni Anzaldo), der sich nicht länger als Drogenkurier missbrauchen lassen will, und in der Mittelschicht hat Serena Ossola (Matilde Gioli) keine Lust mehr, noch länger nach oben zu schielen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 2 vom 8.1.2015.

Aber auch die parasitäre Klasse der Superreichen hat eine Dissidentin. Carla, die Ehefrau des Fondsmanagers Giovanni Bernaschi, ganz wunderbar gespielt von Valeria Bruni Tedeschi, ist eine Sucherin, und ein Hauch von Dekadenz und Lebensmüdigkeit umweht diese Unglückliche. Wie eine Windrose treibt die verhungerte Seele durch ihr Wohlstandselend, durchs Allüberall des Luxus und der Moden, mal hierhin, mal dorthin, mal ins Nagelstudio, mal in die Antiquitätenboutique. Wild dreht ihr Chauffeur am Lenkrad und fährt doch nur im Kreis.

In ihrem früheren Leben war Carla Schauspielerin, und wohl deshalb hat sie sich einen Sinn für die italienische Kultur erhalten, eine Sehnsucht nach dem, was sich in der parfümierten Traurigkeit für Geld nicht kaufen lässt. Eines Tages erfährt sie von einem renovierungsbedürftigen Theater und beschließt, das Gebäude mit dem Geld ihres Mannes herrichten zu lassen, um es in privater Regie weiterzuführen, gleichsam als Bühne eines anderen, eines sinnvolleren und reicheren Lebens. Doch der Traum zerplatzt. Als der Fonds ihres Ehemanns in Turbulenzen gerät, zieht dieser sein Versprechen zurück, und so frisst Geld die Kunst. Ohnehin hätte Carla kaum eine Chance gehabt. Als sie den Spielplan festlegt und ein Stück von Pirandello inszenieren will, winken ihre Dramaturgen ab. Wie unpopulär! Wer will das schon sehen? Ein schmieriger Altlinker, der so redet wie ein Wasserträger der Lega Nord, will lieber lokale Männerchöre zwitschern lassen. Das bringt Quote.

Diese Szenen sind die bittersten und grimmigsten des ganzen Films. Virzì zeigt, wie die jahrhundertealte Verbindung aus Kapitalismus und bürgerlicher Kultur zerbricht, der Geist der neuen Finanzaristokratie geht nur nach Geld, er ist nur noch "süße Gier". Die Losung der neuen Stammeskrieger lautet nicht mehr Maß und Mitte, sondern grenzenlose Steigerung und ökonomischer Exzess. Was für ein Widersinn: Die neofeudale Brut wettet gegen jenen Staat, der sie durch Deregulierung groß gemacht hat, ein Staat übrigens, dessen Kassen durch ständige Steuersenkungen so leer sind, dass er nicht einmal ein heruntergekommenes Theater auf Vordermann bringen kann.