Die schwierigsten Probleme, die diese Generationen der nächsten aufbürden, sind der Umgang mit Migration und die Integration von Zuwanderern, darüber sind sich die Experten der Arena Analyse einig. Die heute tonangebende Generation hinterlässt ihren Enkeln eine Welt der großen Wanderbewegungen. Konflikte, Krisen und Naturkatastrophen werden in einer globalisierten Welt noch stärker als derzeit dazu führen, dass sich die Opfer einfach auf den Weg machen, um nach Europa, Nordamerika oder Australien auszuwandern.

Hier aber stoßen sie auf ängstliche, bisweilen auch wütende Ablehnung. Schon heute birgt kein anderes der vielen Probleme europäischer Staaten derart viel politischen Sprengstoff. Zuwanderung ist der wichtigste Grund für den scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa. In Stockholm spielen die Schwedendemokraten Katz und Maus mit der Regierung – ihr einziges Anliegen, nämlich weniger Zuwanderung, ließ sie innerhalb weniger Jahre von 1,4 Prozent auf 12,9 Prozent der Wählerstimmen anwachsen. Überall ein ähnliches Bild: In Großbritannien Nigel Farage und seine Ukip, in Frankreich der Front National mit Marine Le Pen, in Dänemark die Anti-Ausländerpartei Dansk Folkeparti als stärkste Kraft bei der Europawahl, der Vlaams Belang in Belgien, Geert Wilders’ PVV in Holland, die Wahren Finnen, die Lega Nord in Italien, die regierende Fidesz in Ungarn, natürlich die FPÖ und in den vergangen Monaten selbst in deutschen Städten die Pegida-Aufmärsche – fast scheint es, als müsse eine Gruppierung nur laut genug gegen Einwanderung wettern, und schon laufen ihr die Wähler zu.

Sie alle erweisen der Enkelgeneration einen denkbar schlechten Dienst, denn aus ökonomischer Sicht würden die europäischen Staaten eigentlich mehr Zuwanderung benötigen: Migranten senken das Durchschnittsalter, heizen das Wirtschaftswachstum an, öffnen neue Exportwege. Ohne Migranten würde zum Beispiel Österreichs Bevölkerung bis 2060 um 15 Prozent schrumpfen, von derzeit 8,5 auf 7,2 Millionen Einwohner. Davon wären dann 37 Prozent älter als 65 Jahre, weshalb Zuwanderer nicht nur im Hinblick auf Wachstum und Wertschöpfung, sondern vor allem wegen der Beiträge zu Kranken- und Pensionskassen dringend erwünscht sind. Immer wenn das Sozialministerium Prognosen vorlegt, die beweisen, dass Österreichs Pensionssystem langfristig gesichert ist, findet sich irgendwo der klein gedruckte Zusatz: "Bei einer gleichbleibenden Netto-Zuwanderung". Die lag zuletzt bei 55.000 Personen (150.000 Einwanderer bei gleichzeitig 95.000 Abwanderern). Damit die Angehörigen des Jahrgangs 1995 im Jahr 2060 in Pension gehen können, braucht Österreich also bis dahin eine Netto-Zuwanderung von mindestens 2,5 Millionen Ausländern.

Das werde nur mit einer geordneten, aktiven Einwanderungs- und Integrationspolitik möglich sein, betont die Wiener Ökonomin Agnes Streissler-Führer: "Wir müssen dafür sorgen, dass Leute mit den richtigen Qualifikationen ins Land kommen, und dann müssen wir zügig in die Integration investieren." Bestehende Netzwerke von schon früher eingewanderten Menschen aus den gleichen Herkunftsländern könnten dabei genutzt werden, doch müssten Migranten dabei unterstützt werden, möglichst bald über diese Kreise hinaus Kontakte aufzubauen. Streissler-Führer: "Sonst bleiben Neuankömmlinge unter sich, und die Entwicklung stockt."

Einwanderung ermutigen, nach Qualifikationen selektieren, bei der Eingliederung unterstützen – eigentlich klingt die Aufgabe gar nicht so schwierig. In der Praxis enden jedoch alle Ansätze in einem Teufelskreis aus Befürchtungen, angestachelten Emotionen und der Furcht der Politiker vor den Wählern. Wenn es aber nicht gelinge, einen Ausweg aus dem Dilemma von rationaler Notwendigkeit und emotionaler Ablehnung zu finden, drohe ein höchst ungemütliches Negativszenario, warnt Streissler-Führer: "Zuwanderung findet trotzdem statt, aber ohne adäquate Integration am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft. Dann entstehen soziale Probleme, die wirtschaftlichen Impulse bleiben aus, die gesellschaftlichen Konflikte verschärfen sich – eine Abwärtsspirale."

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