Plötzlich ist es vorbei mit der Ruhe. "Stop, stop", schreit Joachim Fickert auf Englisch. "Alle mal hergehört. Eine Täuschung ohne Beschleunigung, Sprint, das bringt nichts. Ihr habt nur einen ganz kurzen Moment, euren Verteidiger reinzulegen. Nur einen ganz kurzen. Und in diesem Moment müsst ihr losrennen. Binyam, mach noch mal eine Täuschung vor mit anschließender Beschleunigung."

"Mit Sprint?" – "Ja, mit Sprint."

Binyam nimmt den Ball, dribbelt zehn Meter nach vorn, macht einen Übersteiger mit rechts, zieht den Ball mit links mit und sprintet los. "Ja, genau", sagt Fickert und spricht dann leise. "Daran erkennst du ein Talent. Er sieht eine Übung einmal, und 'klick' ist sie drinnen."

Joachim Fickert ist 67 und einer von aktuell 25 Experten, die fürs Auswärtige Amt und den Deutschen Olympischen Sportbund als Berater und Trainer im Ausland arbeiten. An diesem Morgen steht er im Nationalstadion von Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Vor ihm laufen die besten U-17-Spieler des Landes auf und ab.

Die Trainingseinheit ist nur ein kleiner Teil eines groß angelegten Entwicklungsprojekts zwischen Deutschland und Äthiopien. Über zwei Jahre soll Fickert in Äthiopien den Fußball aufbauen: Talentsichtung, Talentförderung, Trainerlehrgänge, Entwicklung des Damen-, Herren- und Breitenfußballs. Das Projekt ist eine Kooperation mit dem Äthiopischen Fußballverband. Kern ist der Aufbau der Jugend nach deutschem Vorbild. Die Jugendarbeit, die der DFB nach den Misserfolgen bei der WM 1998 und der EM 2000 umgekrempelt hatte, hatte großen Anteil am diesjährigen Erfolg in Brasilien. Das soll im Ansatz jetzt auch in Äthiopien geschehen – einer schlummernden Fußballgroßmacht Afrikas.

Das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas ist sportlich bislang nur für seine Langstreckenläufer bekannt, allen voran Marathonstar Haile Gebrselassie und Weltrekordhalter über die zehn Kilometer, Kenenisa Bekele. Dabei ist Fußball auch in Äthiopien die beliebteste Sportart. Bloß fehlt der Erfolg. 1962 gewann man mal die afrikanische Kontinentalmeisterschaft. Doch seitdem war nicht viel los. 1974 stürzten Kommunisten den äthiopischen Kaiser. In den folgenden blutigen 17 Jahren verließen viele Stars das Land. Nach dem Sturz der Militärdiktatur 1991 war zwischen Armut und Wiederaufbau weiterhin nicht viel Platz für Fußball. Tiefpunkt der äthiopischen Fußballgeschichte war das Jahr 2008, als Äthiopien wegen eines Machtkampfs im heimischen Verband vorübergehend aus der Fifa ausgeschlossen wurde.

Doch seit ein paar Jahren geht es bergauf, was eng mit der allgemeinen Entwicklung des Landes zusammenhängt. Äthiopien ist im Wandel. Die Zeit der Hungersnöte und Kriege sind vorbei. Augenblicklich besitzt das Land eine der weltweit höchsten Wachstumsraten. Wolkenkratzer, Straßen, Hochgeschwindigkeitszüge, auch eine Handvoll neuer Stadien entsteht. Der finanzielle Aufschwung kommt dem Sport zugute. Und so schaffte es Äthiopien vergangenes Jahr nach langer Abwesenheit endlich wieder zum African-Cup of Nations und hätte sich sogar beinahe erstmals in seiner Geschichte für die WM qualifiziert – wäre man nicht im Entscheidungsspiel gegen Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, gescheitert, das nach wie vor den afrikanischen Fußball dominiert und amtierender Afrika-Meister ist.

"Mir schwebt vor, dass in drei, vier Jahren Äthiopien in die erste Liga aufsteigen wird. Das heißt, zu den besten zehn Nationen Afrikas gehört", sagt Fickert in seinem Büro in den Katakomben des Stadions. Ein neuer Drucker steht auf dem Schreibtisch, ein Laptop, ein hoher Stapel Akten. Das war’s. Fickert braucht nicht viel für seine Arbeit. Das Wichtigste ist seine Erfahrung.

Fickert hat über dreißig Jahre als Profitrainer und Berater in Afrika und Asien gearbeitet. Auf seinem Lebenslauf steht bei den Sprachkenntnissen neben Englisch und Französisch auch Khmer. Das lernte er während seiner Zeit als Nationaltrainer in Kambodscha. Die letzte Station vor Äthiopien war Mali, das er wegen des Kriegs jedoch frühzeitig verlassen musste. Mal saß er nach einem Spiel gegen Kongo-Brazzaville in Harare, der Hauptstadt Simbabwes, im Stadion fest, weil es zu Ausschreitungen gekommen war. Mal spielte er während eines Lehrgangs in Burkina Faso Fußball und grätschte dort "den Thomas" um. Das fand dieser – Staatspräsident Sankara – nicht so lustig und revanchierte sich prompt mit einer Attacke an Fickert.

"Er ist jung geblieben, kein alter Knochen", sagt Taye Nanecha, Leiter der Jugendarbeit beim Äthiopischen Fußballverband, der mit Fickert oft auf dem Platz steht und ihm als Übersetzer hilft. Vor Kurzem war er bei einem internationalen Trainerlehrgang in Bad Honnef, zusammen mit Kollegen aus rund 30 Ländern, die alle vom neuen Fußballweltmeister lernen wollten. "Er nutzt das Potenzial unseres Landes anständig", sagt Taye Nanecha. "Er weiß, was Fußball ist, und er weiß vor allem, worauf es in Afrika ankommt."

Mekonnen Kuru, der mit Fickert das Büro teilt, ist der Technische Direktor des Verbands und damit Fickerts Vorgesetzter. "Er ist ein toller Kerl. Ein echter Workaholic", sagt er. "Er hat uns sehr viele Dinge beigebracht."

"Das größte Problem des äthiopischen Fußballs ist die Koordinierung, aber auch der Mangel an Ausstattung", sagt Kuru. In Äthiopien, das fast zweimal so groß wie Deutschland ist, arbeite der Verband bislang mit rund 200 Schulen, an denen man 5000 talentierte Mädchen und Jungen gesichtet habe. "Das ist sehr wenig. Um ehrlich zu sein, nichts", sagt Kuru.

Es geht mit einem Bus durchs äthiopische Hochland in südwestliche Richtung in die Stadt Jimma, vorbei an Dörfern aus Lehmhütten, meilenweit nichts als Landschaft. In Jimma steht Abraham Ayele an einem Nachmittag auf dem Fußballplatz. Am Rande grasen Pferde. Ayele ist Sportlehrer an einer der Schulen, die dem Fußballverband bislang als Sichtungszentren dienen, und trainiert dreimal die Woche die besten Talente unter 12 und unter 17 Jahren. Er sagt, es fehle ihm hier an fast allem. Viele seiner Spieler spielten barfuß. "Für 30 Kinder habe ich nur vier Bälle." Auch der harte Platz sei nicht der beste. Die 16-jährige Kalkidan Tilahun klagt über Knieschmerzen. Sie wolle später einmal Profifußballerin werden. Doch fehle ihr dafür Praxis. "Im Jahr spielen wir nur ein einziges Mal bei einem Turnier gegen andere Mannschaften. Für eine Liga und regelmäßige Spiele gibt es kein Geld."

Trainer Ayele sagt, der Verband habe jahrzehntelang den Jugendfußball vernachlässigt und kaum etwas über die Grenzen der Hauptstadt Addis Abeba hinaus getan. Eine Stärke vieler äthiopischer Spieler sei zwar das Kurzpassspiel – fast alle kommen aus dem Straßenfußball und hätten so gelernt, sich auf engem Raum zu bewegen –, doch dabei höre es auf. "Das kann man am Abschneiden unserer Nationalmannschaft sehen", sagt Ayele. "Das eine Jahr geht es bergauf, das andere Jahr bergab."