Venezuela: Auf dem Weg in die Mangelwirtschaft

In diesen Tagen reist der venezolanische Präsident Nicolas Maduro um die Welt. Er besuchte Saudi-Arabien und erklärte, er habe mit Mitgliedern der Königsfamilie "über eine Stabilisierung der Ölpreise" gesprochen. Davor war er im reichen China, wo er um neue Investitionen und Finanzhilfen für sein Land warb.

Aus beidem wird voraussichtlich nichts werden. Saudi-Arabien scheint im Augenblick überhaupt kein Interesse daran zu haben, den Venezolanern entgegenzukommen. Die Chinesen hingegen schicken schon seit Jahren massenhaft Geld nach Venezuela und bekommen es nun mit der Angst zu tun.

Denn Venezuela lebt vor allem vom Öl, und das ist zurzeit kein gutes Wirtschaftsmodell. Zu tun hat das nur teilweise mit dem niedrigen Ölpreis auf den Weltmärkten: Venezuela hat unter den Regimes von Hugo Chávez und Nicolás Maduro seit der Jahrtausendwende sehr wenig in seine Ölindustrie investiert und gehört daher zu den Ländern, in denen die Förderung vergleichsweise teuer ist. Auch die Produktionsmenge ist mickrig. Nach eigenen Angaben fördert das Land knapp drei Millionen Fass pro Tag, obwohl schon seit Jahren vier oder gar fünf Millionen angestrebt werden.

Ein Drittel dieser venezolanischen Ölproduktion wird quasi verschenkt: zu extrem günstigen Preisen an die heimische Bevölkerung sowie nach Kuba. Weitere 250.000 bis 450.000 Fass pro Tag sollen nach China gehen, zur Bezahlung von Krediten.

Bei den aktuellen Preisen reichen die Öleinnahmen inzwischen nicht mal mehr, um Venezuelas Importe zu bezahlen. Einführen muss das Land eine Menge Güter, weil die heimische Industrie nie sonderlich effizient war und nach Jahren straffer Regulierung unter Chávez und Maduro zusätzlich gelitten hat. Infolgedessen sinken die Importe drastisch, mancher Lieferant aus dem Ausland wurde zuletzt nicht einmal mehr bezahlt. Das steckt dahinter, wenn in Zeitungsberichten von Mangelerscheinungen in Venezuela die Rede ist: wenn Toilettenpapier fehlt oder Mehl, wenn sich vor Supermärkten Warteschlangen bilden, wenn Frittenbuden und Eisdielen dicht machen, weil sie keine Kartoffeln und keine Milch mehr finden.

Am Verfall der Landeswährung erkennt man besonders deutlich, wie sehr das Vertrauen in die venezolanische Wirtschaft schwindet: Der staatlich festgesetzte Kurs von 6,35 Bolivar Fuerte für einen Dollar ist ein Witz. Auf dem Schwarzmarkt bekommt man neuerdings mehr als 180 Bolivar für den Dollar, Tendenz rasch steigend. Ob dieser wirtschaftliche Kollaps auch politische Veränderungen mit sich bringt, ist aber eine ganz andere Frage. Massendemonstrationen gegen die Regierung, die es Anfang vergangenen Jahres gegeben hat, finden nach heftigen Repressionen derzeit nicht mehr statt. Die Opposition ist zerstritten, und es ist nicht einmal klar, was sie besser machen würde als die derzeitigen Machthaber. Auch die Vorgänger der Chavisten hatten sich wirtschaftspolitisch stets darauf verlassen, dass hohe Ölpreise die Kassen füllen.

Thomas Fischermann

Saudi-Arabien: Dumpingpreise gegen die US-Konkurrenz

Der Vorsatz des saudischen Regimes ist löblich: Es will diesmal am Jahresende wirklich nur so viel Geld ausgeben, wie es zu Jahresanfang geplant hat. Der wahhabitische König setzt sich dieses Ziel regelmäßig. Wenn die Regierung dann trotzdem ein paar Dutzend Milliarden Dollar mehr verbrauchte, störte das nicht wirklich. Als großer Ölproduzent konnte man sich das leisten. Bislang.

2015 sieht aber alles anders aus. Häufte der Staat in den vergangenen Jahren dank der Erdöl-Einnahmen oft Überschüsse an, sagt das Finanzministerium diesmal vorab ein Budgetloch von knapp 39 Milliarden Dollar voraus. Noch mehr Aufmerksamkeit erregt lediglich Riads Ankündigung, die Bezüge der Beamten kürzen zu wollen.

Dass selbst die Staatsdiener nicht mehr unantastbar sind, illustriert die Auswirkungen des Preisverfalls auf die Super-Ölmacht. Über Jahre hinweg hat Saudi-Arabien bewusst einen riesigen Beamtenapparat aufgebaut – um unzufriedene und perspektivlose Bürger von der Straße zu holen. Die Bürokratie ist ein Hort der Stabilität, denn die Arbeitslosigkeit in der größten Golfmonarchie mit ihrer rapide wachsenden Bevölkerung ist hoch. Und der Aufbau mehrerer Retorten-Industriestädte, in denen neue Arbeitsplätze entstehen sollen, geht nicht wie gewünscht voran.

Der Preisrutsch am Rohstoffmarkt kommt also zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Schon bald könnte Saudi-Arabien außerdem ein politischer Umbruch bevorstehen. Der lungenkranke, mehr als 90 Jahre alte König Abdullah musste vor einigen Tagen künstlich beatmet werden. Sein Halbbruder, der 79-jährige Thronfolger Salman, soll Gerüchten zufolge unter Demenz leiden.

Ungeachtet dieser Schwierigkeiten, deutet nichts darauf hin, dass Saudi-Arabien seine Ölpolitik verändert: Der mit Abstand größte Produzent der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) fördert unbeirrt an die 10 Millionen Fass (knapp 1.600 Millionen Liter) pro Tag. Dabei könnte eine Verknappung des Angebots die Kurse an den Rohstoffbörsen drastisch hochtreiben. Aber Ölminister Ali al-Naimi sagt: "Es ist irrelevant, ob der Preis auf 20, 40, 50 oder 60 Dollar fällt." Manche Experten mutmaßen, dass die Araber eine Dumpingstrategie verfolgen. Ein auf lange Zeit niedriger Ölpreis könnte amerikanische Schieferölproduzenten ruinieren sowie zugleich das iranische Regime zu Zugeständnissen im Atomstreit mit dem Westen bewegen – und damit einen Unruheherd in der Golfregion befrieden.

Einen groß angelegten Poker können sich die Saudis auf jeden Fall leisten. Ihr Staatskonzern Saudi-Aramco kann Insidern zufolge aus einigen Quellen Erdöl für weniger als zehn Dollar je Fass aus dem Boden holen. Und von einer Staatspleite ist Saudi-Arabien weit entfernt. Noch immer hortet die Zentralbank Devisenreserven im Wert von umgerechnet rund 180 Milliarden Euro. Weitere etwa 100 Milliarden liegen auf Sonderkonten für den Aufbau der Infrastruktur. Und das Vermögen des geheimnisvollen Staatsfonds Sama wird auf mehr als 600 Milliarden geschätzt.

Schottland: Zum Glück nicht unabhängig

Alistair Carmichael triumphiert. "In den Berechnungen der Unabhängigkeitsbewegung klafft ein Loch von 15,5 Milliarden Pfund", sagt Großbritanniens Schottland-Minister, das sind knapp 20 Milliarden Euro. Noch im September, beim gescheiterten Referendum zum Austritt aus dem Vereinigten Königreich, hätten die Separatisten der Scottish National Party (SNP) "einen zweiten Ölboom vorhergesagt". Jetzt löse sich alles in Luft auf.

"It’s Scotland’s Oil" war ein Slogan der Unabhängigkeitsbefürworter. Öl sollte dem neuen Staat ein Fünftel seiner Einnahmen bringen. Mehr als 100 Dollar Durchschnittspreis je 159-Liter-Fass kalkulierte die SNP-Regionalregierung ein. Jetzt kostet ein Fass bloß noch die Hälfte, und die Branche wird vom Wachstumstreiber zum Problemfall. Etwa 1.000 Angestellte der schottischen Ölindustrie haben bereits ihren Job verloren. Sollte der Preisverfall anhalten, rechnen Ökonomen sogar mit bis zu 35.000 Entlassungen.

Der SNP hat das bislang nicht geschadet. Geführt von der populären Parteichefin Nicola Sturgeon liegen die Separatisten in Wahlumfragen weiterhin klar vorne.