DIE ZEIT: Herr Druyen, wie fühlt man sich denn als Vermögensforscher in der Welt der Reichen und Superreichen?

Thomas Druyen: Ich habe Milliardäre in aller Welt kennengelernt. Ich habe Anwesen gesehen, die halb so groß sind wie Wien, auf denen vier Leute wohnen und 300 Angestellte arbeiten. Ich bin durch Schuhschränke gegangen, in denen man ein Flüchtlingsheim eröffnen könnte. Ich habe Leute getroffen, die mit Präsidenten darüber verhandelt haben, ob man den Staat kaufen kann. Das ist eine andere Welt, eine andere Form des Denkens – wobei es große Unterschiede gibt, je nachdem, mit wem man spricht: mit Neureichen, mit Adeligen, mit Königen und so weiter. Eines aber lässt sich generalisieren: Menschen, die über unbegrenztes Vermögen verfügen, bei denen Geld keine Rolle spielt, die sind anders als wir. Wenn ich von allem Materiellen befreit bin, muss ich die Lebensgrenzen selber setzen.

ZEIT: Das klingt fast verführerisch.

Druyen: Für uns vielleicht. Für die Leute ist es das aber nicht. Überall gibt es Berater und Zulieferer, jeder will etwas von einem. Das ist eine Herausforderung für den Charakter, das verändert die Psyche. Jedes Handeln muss doppelt durchleuchtet werden. Wenn wir das tun würden, würde das nicht zu unserem Glück beitragen. Denn Spontaneität hat mit Lebensqualität zu tun. Die geht bei wirklich Reichen oftmals verloren. Was sich nicht unterscheidet ist: Gesundheit, Glück oder Freundschaft. Das lässt sich nicht kaufen.

ZEIT: "Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen", ist von Honoré de Balzac überliefert. Prägt der Gedanke bis heute das Bild der Reichen?

Druyen: Ich glaube nicht, dass irgendwer auf die Idee kommt, dass hinter jeder Reichtumsansammlung kriminelle Energie steckt. Trotzdem vermittelt der Satz eine Skepsis, die bis heute existiert.

ZEIT: Kann man die verstehen?

Druyen: Man muss kulturell unterscheiden: Dieser argwöhnische Blick existiert vor allem in der deutschsprachigen Kultur. Bei uns strahlt die Neidkultur extrem aus. Das ist in England, Russland und Amerika anders. Dazu kommt, dass der Argwohn in den vergangenen Jahren extrem hochgekocht ist; und zwar begründeterweise. Die Bankenkrise, Vorkommnisse auf den Kunstmärkten, Steuerhinterziehung und so weiter. Das kommt also nicht von ungefähr.

ZEIT: Seit gut einem Jahr geistert die Forderung nach einer Vermögenssteuer durch Österreich, die von der Sozialdemokratie Reichen- oder Millionärssteuer genannt wird ...

Druyen: ... da geht es darum, bei der nächsten Wahl so gut wie möglich abzuschneiden. Und dafür wird eine kleine Gruppe angegriffen.

ZEIT: Und impliziert, sie würde zu wenig beitragen und bestünde aus Gaunern?

Druyen: Da sind wir wieder bei Balzac. Aber das entspricht nicht den Tatsachen. Man muss differenzieren. Das Gros der Vermögenden zahlt einen hohen Prozentsatz der Steuern. Was ich aber noch wichtiger finde: Sie sorgen für Arbeitsplätze. Da kann man nicht von Parasiten sprechen, sondern im Gegenteil. Aber natürlich gibt es, wie in jeder Gesellschaftsschicht, immer wieder Beispiele für Delinquenz. Und das wird permanent bespielt.

ZEIT: Der SPÖ dienen Reiche als Feindbild, so wie der FPÖ die Migranten. Da wie dort müssen einzelne Straftaten als Beweis für die Kriminalität einer ganzen Gruppe herhalten?

Druyen: Ja, dieser Parallelität würde ich zustimmen. Dieses Unspezifische ist Kommunikationsstrategie. Die Parteien betreiben simple Klientelpolitik. Wenn man es aber genau verfolgt, dann findet sich bei unternehmerisch handelnden Personen ein ähnlich starkes Misstrauen in die politischen Verhältnisse, wie es auch die breite Bevölkerung hegt; in Österreich noch stärker als in Deutschland. Im unternehmerischen Sinne traut man den politischen Repräsentanten die Kompetenz nicht zu, mit viel Geld umzugehen.