Die Helikopter-Eltern greifen an. Alle Mütter und Väter der vierten Klasse haben den Brief unterschrieben: Die Lehrerin ihrer Kinder ist eine Katastrophe. Frau Müller muss weg! Die Eltern schicken ein Kommando in die Schule, um die Forderung durchzusetzen. "Zielorientiert", wie es Elternsprecherin Höfel formuliert, eine knallharte Karrierefrau, die weiß, wie man jemanden feuert.

Ihre Tochter Laura ist zwar "nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter", aber trotzdem soll sie aufs Gymnasium. Genau wie Fritz und Lukas – und auch Janine. Ein Vater bringt es auf den Punkt: "In drei Monaten gibt es Übergangszeugnisse, und dann hat diese unfähige Kuh unseren Kindern die Zukunft endgültig versaut." Deshalb muss Frau Müller weg.

Wo diese Geschichte spielt? Von dieser Woche an im Kino. Frau Müller muss weg ist der neue Film von Sönke Wortmann. Aber spielt die Geschichte nicht auch an vielen deutschen Grundschulen, so kurz vor den Halbjahreszeugnissen? Nicht alle Kinder werden nach der vierten Klasse aufs Gymnasium kommen. Und nicht alle Eltern wollen das einsehen.

Ruth Stephan und Ruby Mattig-Krone können dazu einiges sagen. Die eine, seit 30 Jahren Lehrerin, leitet die Grundschule Grunewald in Berlin-Charlottenburg. Die andere, Mutter von drei Söhnen, ist "Qualitätsbeauftragte" der Berliner Bildungssenatorin. Sie berät Eltern und Lehrer, wenn es Konflikte gibt.

Mit den beiden Heldinnen der Wirklichkeit sitze ich im Schulleiterzimmer der Grundschule Grunewald. Wir haben uns den Film vorab ausgeliehen und schauen ihn uns gemeinsam an. Ein Beamer wirft die Bilder der streitenden, schreienden, prügelnden Eltern an die Wand. Draußen, hinter den zugezogenen Vorhängen, rund um das alte, perfekt sanierte Schulgebäude, reihen sich Villen mit großen Gärten aneinander. Wer hier wohnt, betrachtet das Leben als Erfolgsprojekt, in dem sich auch die Kinder nach Plan entwickeln sollten. Da wird wenig dem Zufall oder dem Kind überlassen. "Wir haben hier eine sehr anspruchsvolle Elternschaft" – so sagt es Ruth Stephan. Die Eltern aus dem Film kennt sie alle.

Es gehe hier nicht mehr um "Entscheidungsprozesse", sagt im Film gerade Mutter Höfel, die von Anke Engelke gespielt wird. "Die Entscheidung ist längst gefallen."

"Das gibt’s doch nicht!", empört sich in Charlottenburg die Schulleiterin Ruth Stephan. "Als ob wir schon so weit wären, dass die Eltern Lehrer entlassen dürften!"

Aber was macht man denn im Schulalltag mit unfähigen Lehrern? "Zusehen, dass nicht zu viele Schüler von ihnen betroffen sind", schlägt Frau Mattig-Krone vor: "Ein halbes Jahr in die eine Klasse, dann in die nächste." – "Na ja, das geht ja auch nicht", widerspricht Ruth Stephan. "Man kann die nicht beliebig verschieben. Ich schicke die zur Fortbildung!"

Frau Müller fortbilden? Die Eltern im Film trauen der Lehrerin weniger zu als ihren Kindern. Schlechtes Klima in der Klasse, schlechte Noten, zu viele Hausaufgaben – und psychisch krank soll sie auch noch sein. Es reicht!

"Das sind die typischen Vorwürfe", sagt die Elternvertreterin Mattig-Krone: "Die höre ich oft. Typisch ist auch, dass nur fünf Eltern kommen. Die anderen trauen sich nicht."

"Eltern haben immer Angst", sagt die Schulleiterin Stephan und drückt die Pausentaste auf ihrem Laptop, um unserem Gespräch ein bisschen Zeit zu verschaffen. Angst, dass ihr Kind nicht gerecht benotet wird, dass es den Anschluss verliert, ihm die Zukunft verbaut werden könnte. Schlechte Noten kränken Eltern umso mehr, je stärker sie sich engagieren: Sie glauben dann, versagt zu haben.

Womit die Eltern im Film nicht rechnen: Frau Müller schießt zurück. Lukas, sagt sie, sei weder hochbegabt noch unterfordert. "Lukas ist ein klarer Fall von ADS!" Und Laura? Schreibt gefälschte Entschuldigungen, spielt die ganze Zeit mit ihrem iPhone und terrorisiert Janine. "Fassen Sie sich erst mal an die eigene Nase, bevor Sie mich für Ihre Fehler verantwortlich machen!", schreit Frau Müller die Eltern an. Und knallt die Tür hinter sich zu.

Frau Mattig-Krone reckt den Daumen hoch. Frau Stephan nickt: "Starker Auftritt, sehr gut!"

Wie wäre das an ihrer Schule? "Wir würden es nie so weit eskalieren lassen", sagt die Schulleiterin. Wichtig sei: sofort reagieren. Kommunikation. Transparenz. "Sonst wird der Gefühlsstau immer größer. Die Eltern spinnen sich dann was zusammen, und es entstehen Mythen."

An ihrer Schule haben sich viele Lehrer zum Thema Elterngespräche weiterbilden lassen. Die Schulleiterin schaltet sich ein, wenn sich der Ton verschärft. "Eltern poltern dann hier herum und können sehr verletzend werden." Damit wolle sie ihre Kollegen nicht allein lassen.

Erst am Tag zuvor seien wieder verzweifelte Eltern da gewesen, deren Kind nicht so konnte oder wollte, wie es sollte. "Die Eltern waren so hilflos, weil sie alles versucht hatten und das Kind selbst so stark unterstützt hatten." Der Vater habe gesagt: Wir haben nur dieses eine Kind, wir wollen möglichst viel in ihm verwirklicht sehen.

Diese Erwartungshaltung, sagt die Schulleiterin, begegne ihr mehr und mehr. Die Schule muss liefern. Und wehe, wenn sie es nicht tut! "Es geht immer sofort um Schuld. Eltern suchen die Verantwortung selten bei sich oder ihrem Kind, die negativen Seiten des Kindes werden eher noch verharmlost."

Überbehütung, Überengagement, Dauerkontrolle, Schuldzuweisung – daran erkennt man jene Eltern, die wie Helikopter über ihren Kindern schweben. Die Mütter und Väter im Film sind Prachtexemplare.

Beim Kontrollanruf zu Hause fällt Mutter Höfel das Smartphone ins Schulschwimmbecken. Halb nackt steigt sie ins Wasser und wird vom Hausmeister entdeckt. Sie scheißt ihn erst mal ordentlich zusammen. Überhaupt treten die Film-Eltern auf, als gehörte die Schule ihnen, als wären die Lehrer bloß ihr renitentes Dienstpersonal, das einfach nicht tut, was man ihm sagt.

Der Film hat nun einige Längen. Eine Stunde wird es dauern, bis Frau Müller wieder auftaucht. Zeit für die Eltern, sich ihre eigenen Unzulänglichkeiten und Widersprüche gegenseitig vorzuwerfen. Nebenher wird am Kakao-Automaten eine Affäre beendet, der Klassenraum verwüstet, die Glasvitrine mit dem Natur-Projekt zerstört. Zwei Tage lang habe er mit seiner Tochter an diesem "Scheiß-Kastanienmännchen" gebastelt, nur um Frau Müller nicht zu enttäuschen, schreit Janines Vater.

"Die Eltern wollen das Maximale für ihre Kinder rausholen", sagt die Schulleiterin Stephan. "Die üben und lernen mit denen, nehmen ihnen ganz viel ab. Das hilft den Kindern aber nicht unbedingt."

Die Eltern-Expertin Mattig-Krone stimmt zu: "Manche Eltern tragen noch in der fünften Klasse den Ranzen bis vors Klassenzimmer." Die Schulleiterin: "Wir haben hier Kinder, die rufen ihre Mutter an, wenn sie ihre Turnschuhe für den Sportunterricht vergessen haben. Und die trägt sie ihnen dann hinterher."

Zugleich sehe sie so viel Unsicherheit: Sagen Sie uns, was wir tun sollen, Frau Stephan! "Viele Eltern wissen nicht mehr, was richtig ist, denen fehlt das Handlungsrepertoire, ihren Kindern Grenzen zu setzen."