Gemessen an seiner Größe, hat Hamburg nicht viele Schriftsteller von Rang hervorgebracht. Die Liste beginnt mit Brockes und Hagedorn, sie reicht bis Fichte, Rühmkorf und Siegfried Lenz. Dazwischen finden wir Klopstock und Claudius, Liliencron und Dehmel, Borchert, Nossack und Arno Schmidt – wenn ich wichtige Autoren nicht übersehen habe. Der seltsamste aber unter allen war Hans Henny Jahnn, geboren 1894 in Stellingen, gestorben 1959 in Blankenese. Bis heute gilt er als schwierig. Das war er, und er wollte es auch sein. Er hat es sich und seinen Lesern nie leicht gemacht. Seine beiden großen Romane Perrudja (geschrieben 1922 bis 1929) und Fluß ohne Ufer (1934 bis 1947) gleichen einem unwegsamen Gebirge. Man stößt dort auf furchterregende Abgründe ebenso wie auf die wunderbarsten, nie gesehenen Landschaften. Wer dieses unvergleichliche Leseabenteuer auf sich nimmt, wird es nicht vergessen.

Eine Weile genoss Jahnn einen gewissen Ruhm: zuerst mit seinem Drama Pastor Ephraim Magnus, wofür er 1920 den Kleist-Preis erhielt, später als Orgelbauer und Musikverleger, in den fünfziger Jahren schließlich als engagierter Intellektueller, der gegen Aufrüstung und Atomkraft Einspruch erhob. Und doch ist die Kenntnis seines Werks auf einen sehr überschaubaren Kreis beschränkt geblieben. Die elfbändige wissenschaftliche Ausgabe, veröffentlicht bei Hoffmann und Campe, war nicht geeignet, ein größeres Publikum anzuziehen.

Nun unternimmt der Verlag einen neuen Versuch, mit einer prächtigen, drei Bände und 2000 Seiten umfassenden Ausgabe von Fluß ohne Ufer. Sie wird, zusammen mit den erstmals publizierten Briefen Jahnns an seine Frau Ellinor, am 20. Januar im Literaturhaus vorgestellt, und wenn ich hier für Jahnn plädiere, so bin ich aus drei Gründen kein unabhängiger Zeuge: Erstens moderiere ich den Abend im Literaturhaus; zweitens bin ich Präsident jener Freien Akademie der Künste, die von Jahnn 1950 gegründet wurde und der er bis zu seinem Tod vorstand; drittens war ich Gründungsmitglied des Vereins "Hans Henny Jahnn 100", der die Zentenarfeier 1994 in Hamburg ausgerichtet hat.

Ich gehöre also zu der kleinen Jahnn-Gemeinde. Hin und wieder wundere ich mich selbst darüber. Dass ich eines Tages ein Jahnn-Leser würde, war mir, der ich aus Frankfurt am Main stamme, wo Jahnn noch unbekannter ist als an der Elbe, nicht an der Wiege gesungen worden. Meine Konversion begann auf merkwürdige Weise. 1989 hatte Botho Strauß, der schon immer ein Leser scheinbar abseitiger, widerständiger Texte gewesen ist, den Büchner-Preis erhalten, den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Die Preissumme von 60.000 Mark setzte er für einen Wettbewerb aus. Die Teilnehmer sollten einen der bedeutendsten und unbekanntesten Romane des Jahrhunderts (nämlich Fluß ohne Ufer) lesen sowie ihre Eindrücke aufschreiben. Die besten Beiträge sollten mit je etwa tausend Mark honoriert werden.

Als Botho Strauß das Feuilleton der ZEIT, dessen Chef ich seinerzeit war, darum bat, diese Idee bekannt zu machen, als wir dann eine Jury gebildet hatten, bestehend aus Strauß, seinem Verleger Michael Krüger, den Jahnn-Philologen Ulrich Bitz und Uwe Schweikert sowie mir selbst, lag es auf der Hand, dass ich das Ding lesen musste.

Ich hatte damals eine Gastprofessur in Essen, fuhr mit dem Zug vormittags hin und abends zurück. Auf der Hinfahrt bereitete ich das Seminar vor, auf der Heimfahrt las ich Jahnn. Binnen Kurzem versank ich im Fluß ohne Ufer. "Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar." So beginnt der erste Teil, und was nun folgt, ist eine dunkle, immer unheimlicher werdende Geschichte. Der Dreimaster ist offenbar für eine geheime Mission bestimmt. Die Ladung wird herangeschafft, es sind Holzkisten, deren Inhalt und Ziel keiner kennt, nicht einmal der Kapitän. Seine Tochter Ellena ist an Bord. Ihr Verlobter Gustav hat sich heimlich aufs Schiff geschlichen. Immer mehr gleicht das Schiff einem Labyrinth aus geheimen Kammern, verschlossenen Türen, blinden Gängen. Auf See wird Ellena ermordet, wie und von wem, bleibt rätselhaft. Die Mannschaft ist empört, und als ein Sturm aufkommt, meutert sie. Die Matrosen stürmen den Laderaum, um das Geheimnis des Schiffs zu lüften. Am Ende geraten sie an eine mit Kupfer verkleidete Wand, halten sie für eine Tür, schlagen sie ein. Die See stürzt ihnen entgegen, das Schiff sinkt.

Meine Fahrt von Essen nach Hamburg dauerte etwa drei Stunden. Jedes Mal freute ich mich auf die Jahnn-Lektüre, stieg in den Speisewagen, bestellte einen Wein und ging tiefer in die immer bizarrer werdende Geschichte. Ein Frachter nimmt die Schiffbrüchigen auf, und hier begegnet Gustav dem Leichtmatrosen Alfred Tutein, dem Mörder seiner Verlobten. Die Tat hat kein Motiv. "Alfred Tutein sagte mit erstickter Stimme, alle Schuld sei plötzlich. Sie eile den frevelhaften Entschlüssen voraus. Gedanken, das sei Traum. Wie kriechende Schnecken. Die handelnden Hände hinterließen das Sichtbare. Er brach verstört ab."