Islam oder bloß Islamismus? Es ist eine akademische Debatte. Wer in den heiligen Texten der drei "Buchreligionen" stöbert, wird finden, was er sucht: Anleitungen zum Glaubenskrieg und zur Grausamkeit. Die Geschichte quillt über von Eroberungszügen und Hetzjagden auf Andersgläubige. Doch Christen- und Judentum haben sich längst "entspannt". Die Wegmarken waren die Trennung von Kirche und Staat, Renaissance, Reformation und Aufklärung, Glaubens- und Meinungsfreiheit.

Zum Islam hat der ägyptische Präsident Sisi, der den schleichenden Putsch der Muslimbrüder durch einen militärischen ersetzt hat, zum Jahreswechsel eine bemerkenswerte Rede gehalten, und zwar vor der religiösen Hochschule Al-Azhar. Nicht die "Religion", sondern die "Ideologie" nahm er ins Visier. Diese, hielt er den Imamen vor, sei die "Feindschaft gegen die gesamte Welt". Die Umma der 1,6 Milliarden gläubigen Muslime dürfe nicht "weltweit zum Quell der Furcht, Gefahr und Zerstörung" werden. Dann der Blick ins eigene Lager: "Die islamische Gemeinschaft zerreißt sich selber, sie ist auf dem Weg ins Verderben."

Apokalyptische Worte, aber nicht falsch. Der Horror, der uns nach jedem Terroranschlag im Westen überfällt, verstellt den Blick auf eine vielfach blutigere Realität: das tägliche Grauen innerhalb der islamischen Welt, in Syrien, Irak, Libanon, Somalia, Pakistan, Afghanistan ... Dieser Terror hat tausend Mal mehr Muslime als Juden und Christen gemordet. Eine grobe Schätzung besagt, dass Muslime seit 1948 an die zehn Millionen Glaubensbrüder umgebracht haben. Hunderttausende in den Bürgerkriegen in Algerien, Libanon und Syrien. Saddam hat 300.000 Landsleute ermordet, hinzu kommen 100.000 tote Iraker seit 2003. Nicht Israelis und Araber haben den längsten und blutigsten Nahostkrieg ausgefochten, sondern Irak und Iran – mit einer Million Toten.

Samuel Huntington lag falsch mit seinem "Kampf der Kulturen" zwischen Orient und Okzident. Die islamische Welt von Aleppo bis Islamabad ist eine "Kultur des Kampfes". Was in diesem Bogen der Blutrunst geschieht, hält keinen Vergleich mit Charlie Hebdo, Madrid 2004, London 2005, auch nicht mit den 3.000 Opfern von 9/11 aus. Sissi hat recht: Die Umma "zerreißt sich selber".

Dass Religion dabei eine Rolle spiele, wer will es bestreiten angesichts von Schiiten und Sunniten, die sich tagtäglich gegenseitig umbringen? Aber der Glauben ist ein geschmeidig Ding. Die Europäer haben sich in den Religionskriegen millionenfach dezimiert, im 20. Jahrhundert im Namen weltlicher Heilslehren wie Kommunismus und Nazismus. Nur tun sie es nicht mehr. Warum dann die Muslime? Den Gelehrten fallen viele Antworten ein: Staatsversagen, ökonomische Rückständigkeit, Despotismus, Selbstisolierung, Gewaltbereitschaft. Ist der religiöse Totalitarismus die Ursache oder das Symptom der "Dysfunktionalität", wie es die Soziologen nennen? Henne oder Ei? Eine unlösbare Frage.

Nur: Trotz allen Schreckens, wie zuletzt durch das Charlie Hebdo- Massaker, befinden sich die Hauptwurzel des Übels und die tausendfach größere Zahl der Opfer innerhalb der "Kultur des Kampfes". Trägt der Kolonialismus die Schuld? Der westliche war ein historischer Klacks angesichts von 400 Jahren Unterwerfung durch die Türken. Der Westen kann die Wurzel nicht kappen, aber er kann sehr wohl Unterscheidungen treffen.

Die islamische Welt ist kein Monolith, Indonesien und Malaysia sind kein Hort der "Dysfunktionalität", Tunesien ist fast schon eine richtige Demokratie. Zweifelhafte Bettgenossen wie Riad und Doha kämpfen mit dem Westen gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat". Jordanien ist eine aufgeklärte Monarchie, Marokko ebenso, Ruhanis Iran verhält sich vernünftiger als unter Ahmadinedschad, der zur Unperson in Teheran geworden ist.

Der Westen muss kooperieren, wo er kann. Er muss konfrontieren, wo der Terror die Machtprobe will. Er muss eindämmen, wo, wie in Syrien und Libyen, der Krieg aller gegen alle tobt. Und zu Hause? Hier möge man abermals die Zahlen im Auge behalten. Der Terror in Europa ist ein Mikro-, kein Makroproblem. Es geht um Hundertschaften von Terroristen, nicht um Millionen friedlicher Muslime. Es geht um Polizei- und Geheimdienstarbeit unter Wahrung der Freiheitsrechte, umso mehr, als die Dienste im Falle Charlie Hebdo (auch des Bostoner Marathons) versagt haben. Im Kalten Krieg hat der Westen Millionenheere aufgeboten; jetzt darf er ruhig ein paar Zehntausend mehr Polizisten und Agenten rekrutieren.

Noch besser ist, was die Soziologie self-policing nennt, etwa: die Selbstüberwachung in der islamischen Gemeinschaft. Wir können und wollen nicht für jede Moschee einen Spitzel abstellen, der festhält, wann die Freitags- in eine Gewaltpredigt umschlägt. Die hiesige islamische Führung hat sich nach dem Pariser Blutbad vorbildlich verhalten; sie hat Trauer und Abscheu bekundet. Daraus folgt in der Praxis zähe, dauerhafte Gemeindearbeit, damit nicht die Islamisten den Islam kapern. Sisi ist kein Demokrat, aber er hat bei den eigenen Imamen den richtigen Ton angeschlagen: Ihr "tragt die Verantwortung vor Gott. Die Welt erwartet euer Wort. Wir brauchen einen zeitgemäßen Diskurs."