Vor wenigen Monaten bekamen Mitarbeiter von eventteam einen veränderten "Rahmenvertrag" vorgelegt. Der sieht zwar einen Stundensatz in Mindestlohnhöhe von 8,50 Euro plus Urlaubsentgelt vor. Aber das Unternehmen unterscheidet nun zwischen "echter" Arbeit und Bereitschaftszeit. Wenn jemand "länger als fünfzehn Minuten keine (echte) Arbeitsleistung erbringt", so steht es in einem der ZEIT vorliegenden Vertrag, zähle das als Bereitschaftszeit. Der Einfachheit halber, heißt es im Vertrag, sollten bei bestimmten Einsätzen pauschal 40 Prozent der Zeit als Bereitschaft gelten – und nur mit dem halben Lohn bezahlt werden.

Ist das legal? Das Mindestlohn-Gesetz geht auf Bereitschaftszeiten nicht ein. Joachim Hipp, der Geschäftsführer von eventteam, wähnt sich im Recht. Er verweist auf höchstrichterliche Urteile und Regelungen zu Bereitschaftszeiten in manchen Tarifverträgen. Außerdem könnten sich seine Mitarbeiter aussuchen, ob sie Einsätze mit Bereitschaftszeiten annähmen. Im Bundesarbeitsministerium sieht man das Thema anders. Bereitschaftszeiten, erklärt ein Sprecher, müssten nach Auffassung des Ministeriums mit dem Mindestlohn vergütet werden.

Bereitschaftszeiten sind weit über die Gastronomie und die Unterhaltungsbranche hinaus ein großer Streitpunkt. "Bei mir melden sich Taxifahrer, denen ihr Arbeitgeber sagt: ›Wenn du leer unterwegs bist, rechne ich dafür pro Fahrt nur pauschal fünf Minuten an‹", berichtet Jürgen Weiskirch, Bezirksgeschäftsführer bei ver.di in Südwestfalen. Viele Taxiunternehmer, sagt er, wollten Standzeiten und Leerfahrten nicht mehr voll bezahlen. Ob so etwas zulässig ist, werden Gerichte klären müssen: in Prozessen, die Jahre dauern können.

Unklar ist auch, ob der Mindestlohn durch Sachleistungen ersetzt werden darf – durch Gutschriften für Popcorn zum Beispiel, wie bei Cinecitta’. Als die Pläne des Nürnberger Großkinos, das rund 300 Mitarbeiter beschäftigt, am vergangenen Freitag öffentlich bekannt wurden und Medien darüber berichteten, zog das Unternehmen den Entwurf zurück. Cinecitta’ erklärt, es habe sich nur um "Überlegungen" gehandelt, die man ohnehin noch behördlich habe prüfen lassen wollen.

Der Kinobetreiber ist auf jeden Fall nicht der einzige Unternehmer mit der Idee, Mitarbeiter mit eigenen Produkten zu entlohnen. Bei der DGB-Hotline meldeten sich zum Beispiel Angestellte eines Wellness-Betriebs, die von ihrem Chef statt der erhofften 8,50 Euro in bar unter anderem Gutscheine für den Besuch der hauseigenen Sauna bekommen.

Auch diese Praxis hält das Bundesarbeitsministerium für gesetzeswidrig: Der Mindestlohn sei als Barlohn konzipiert und könne nicht über Sachleistungen gewährt werden.

Wo Mitarbeiter übervorteilt werden, kann der Staat eingreifen und Strafen verhängen. Wo sie entlassen werden und sich selbstständig machen, geht das nicht. Wie viel ein Selbstständiger pro Stunde verdient, ist dem Gesetzgeber egal. Vor allem in der Taxibranche geht deshalb die Befürchtung um, dass aus schlecht bezahlten Fahrern bald schlecht verdienende Selbstständige werden. Indizien dafür gibt es schon: Bei der Industrie- und Handelskammer in Leipzig etwa steigt seit Dezember die Zahl der Taxi- und Lkw-Fahrer spürbar an, die eine entsprechende Prüfung ablegen wollen, bei Lkw-Fahrern gar um das Doppelte im Vergleich zu den Vormonaten. Der Leipziger IHK-Chef Thomas Hoffmann sagt, einige dieser Fahrer seien wegen des Mindestlohns in die Selbstständigkeit getrieben worden.

Und schließlich gibt es den schlichten, brutalen Betrug, mit dem das Gesetz unterlaufen wird. Betrug, wie er für Michael Klauer alltäglich ist. Der Hamburger Zollfahnder leitet die Fahndungsstelle gegen Schwarzarbeit und überwacht damit auch schon lange die Einhaltung der bereits bestehenden Branchenmindestlöhne. Klauer sitzt in einem alten Bürogebäude im Stadtteil Hammerbrook, auf dem Fensterbrett stehen Modelle von Containerschiffen. Der Hafen ist nicht weit von hier. Zehntausende arbeiten dort, viele sind Billiglöhner und Schwarzarbeiter. Seit 16 Jahren geht Klauer auf Kontrollen: im Hafen und auf Baustellen, in Speditionen, Hotels und Gaststätten. Manchmal geht er in Zivil, manchmal in Uniform, immer mit Waffe. Gezogen hat er sie noch nie.

Die Arbeitnehmer sind verpflichtet, ihm zu sagen, wie viel sie verdienen. "Oft lügen sie mich an", sagt Klauer, "aus Angst, ihren Job zu verlieren." Klauer beschlagnahmt dann die Gehaltsabrechnungen, durchforstet sie in stundenlanger Schreibtischarbeit. Die Tricks, sagt Klauer, seien immer dieselben. Und oft kaum nachzuweisen: Der Bauunternehmer lässt seine Leute 60 Stunden arbeiten, schreibt aber nur 40 Stunden auf. Der Spediteur überweist 2.000 Euro, aber später muss der Angestellte ihm 400 Euro in bar zurückgeben. Die Reinigungskraft bringt ihre Tochter mit zur Arbeit und lässt sie mitputzen – offiziell aber hat sie allein gearbeitet. "So etwas", sagt Klauer, "wird es bald auch in anderen Branchen geben." Dort, wo jetzt der Mindestlohn eingeführt wird.