Der Herr Kantonsrat zerreißt sich den Mund. Über seine Gegner, über diesen "Aufschrei der versammelten Linken, die in den Kanon der linken Behördenfanatiker eingestimmt haben". Seine Partei, also die SVP, verlange nun die Volkswahl der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Sie soll sich fortan aus Profis und Laien zusammensetzen. Nur so, trommelt der Mann in den Züricher Ratssaal, sei die Kesb tatsächlich ein "Abbild der Bevölkerung".

Das Milizsystem und seine Lobpreisung gehören zum Inventar der eidgenössischen Sonntagsreden. So wie die direkte Demokratie, die Neutralität oder der Föderalismus. Hoch lebe die praktische Erfahrung, diese beste aller Schulen für ein vertieftes Staatsverständnis!

Aber funktioniert das Milizsystem noch im 21. Jahrhundert?

Der Thinktank Avenir Suisse hat nun erstmals ein Überblickswerk zum Thema veröffentlicht: Bürgerstaat und Staatsbürger – Milizpolitik zwischen Mythos und Moderne . Die wirtschaftsnahen Vordenker wollten wissen, ob das Milizsystem tatsächlich noch das ist, als was es in den Schweizer Köpfen herumschwirrt ist: nämlich das verwirklichte Ideal einer aktiven Bürgerbeteiligung. Und eine Absage an die entideologisierte, alternativlose "Post-Politik".

Das Fazit ist ernüchternd. Egal, wie die aufgebotenen Politologen, Soziologen und Ökonomen das Milizsystem auch vermessen, es bröckelt an allen Ecken und Enden:

Über die Hälfte aller Ständeräte sind heute Berufspolitiker. Über ein Drittel der Nationalräte macht nur noch Politik. Die eine Million Sitzungsstunden in den Gemeindeexekutiven verteilen sich auf immer weniger Köpfe. Und 2013 leistete ein Fünftel weniger Schweizer als noch 1997 die vom Bundesamt für Statistik erfasste "institutionalisierte Freiwilligenarbeit".

Das Milizsystem wird überhöht und mystifiziert

Begonnen hatte alles mit unbändiger Euphorie. Im Mai 1848, einige Monate vor Gründung des Bundesstaats, sagte der Dichter Gottfried Keller: "Aber wehe einem jeden, der nicht sein Schicksal an dasjenige der öffentlichen Gemeinschaft bindet […] Nein, es darf keine Privatleute mehr geben." Der geistige Landesverteidiger Adolf Guggenbühl schrieb Ende der 1960er Jahre: "Der Staat bin ich, kann der Schweizer mit Fug und Recht sagen." Und noch 1972 sprach der große Intellektuelle Karl Schmid vom "Milizprinzip, dieser schweizerischen Unfähigkeit, vom Staat zu sagen, er habe für uns zu sorgen, wir aber nicht für ihn."

Heute hingegen kommt das Private zuerst. Heute sind der Staat die anderen. Jene, die Zeit haben, die sich das Engagement für das Gemeinwesen leisten wollen. Heute fragen auch Herr und Frau Schweizer: Was kann der Staat für mich tun? Und nicht: Was kann ich für den Staat tun? "Die entgrenzte Welt des globalisierten Kapitalismus", schreibt der Philosoph Georg Kohler dazu, "ist nirgendwo ein guter Ort für all das, was republikanisch-zivilgesellschaftliche Politik braucht: unkalkuliertes Interesse für das gemeinsam zu Besorgende, Freude an gelingender Praxis um ihrer selbst willen."

Also ab auf den Misthaufen der Geschichte mit dem Milizsystem? Mehr Profis überall?

Wer dies fordert, begeht politisches Harakiri. Denn, oh Ironie: Je stärker das Milizsystem bröckelte, umso bedeutungsvoller wurde es als Chiffre für das Schweizsein. Es wird zum Mythos.

Seit 2014 beschreiben sich die eidgenössischen Räte offiziell als Milizparlament; einen entsprechenden Verfassungsartikel oder ein Gesetz gibt es allerdings nach wie vor nicht.

Noch 2008 wollten National- und Ständerat das Fürsorgewesen professionalisieren, bei nur zwei Gegenstimmen. Heute vermuten die SVP und empörte Eltern in der "Stasi-Behörde" Kesb eine "Verschwörung gegen die Laien". Und die unzähligen Reformen der letzten Jahre verpassten den Schweizer Schulen vollamtliche Leitungen.

Bei dieser Professionalisierung bleibe der gesunde Menschenverstand auf der Strecke, werfen Kritiker immer lautstarker ein. Aber just die Schulpfleger, allen voran die jüngeren, die das Laienwissen in die Schulen tragen könnten, mögen die neuen Profistrukturen.

Schuften statt zahlen: Ein staatlicher Bürgerdienst für alle

Also, was tun? Ein Bürgerstaat ohne Staatsbürger funktioniert nicht. Und die Schweiz, wie wir sie kennen, ist nun mal ein Do-it-yourself-Land.

Das haben auch die Wirtschaftskapitäne erkannt, die sich jahrelang um die Politik foutierten: Die Anzahl der Führungskräfte, die Freiwilligenarbeit leisten, hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als halbiert. Die Elite zog sich aus der Verantwortung für das Gemeinwesen. Also weibelt Economiesuisse, an dessen Spitze nun eine langjährige Spitzenbeamtin sitzt, verbandsintern für mehr Verständnis für das Milizsystem. Und der Gemeindeverband hat seinerseits eine Kampagne angekündigt: Ehret die Milizler!

Ob das reicht? Nein, sagt Avenir Suisse. Auch aus liberaler Sicht. Bröckelt das Milizsystem, drohe sich der Staat von seinen Bürgern zu entfremden. Die Bürokratie würde weiter wuchern, was wiederum höhere Steuern und Abgaben bedeute. Deshalb möchte der Thinktank einen staatlichen Bürgerdienst einführen.

Nicht allein die Schweizer Männer wären zukünftig verpflichtet, dem Vaterland zu dienen. Nein, alle Schweizerinnen und Schweizer sowie die hier niedergelassenen Ausländer. Und es wäre egal, wie sie das tun: ob unter Waffen, in der Feuerwehr, im Altersheim oder im Gemeinderat.

Ja, vielleicht wäre ein solcher Bürgerdienst genau jene Klammer, nach der das Land zurzeit sucht. Eine Klammer für Öffnungsfreunde und Heimatverklärer. Eine Klammer für Kuhstall und Kapital. Eine Klammer für Scholle und Welt.

Der Staat, das wären nicht mehr die anderen. Sondern wir.