Plötzlich öffnete sich das Tor. So genau war nicht zu erkennen, weshalb das passierte. War zuvor jemand über die Mauer geklettert? Jedenfalls schob sich jetzt die Menschenmenge langsam durch die Öffnung, wir mittendrin. Es war bereits dunkel an diesem Nachmittag des 15. Januar 1990 kurz nach 17 Uhr, als meine Mutter und ich, damals 16 Jahre alt, durch den geheimsten Ort der DDR liefen, gemeinsam mit mehreren Tausend anderen. Das Volk war völlig überraschend mit einem Mal dort, wo jahrzehntelang Erich Mielke geherrscht hatte: im Ministerium für Staatssicherheit in der Ostberliner Normannenstraße. Schon das Wort "Normannenstraße" war bedrohlich. Jeder in der DDR hatte eine klare Vorstellung davon, welche Art von Genossen dort arbeitete.

Heute weiß man, dass in den spartanischen rötlich-grauen Neubaublocks aus den achtziger Jahren, die einen Teil des Gebäudeensembles bildeten, die "Hauptverwaltung Aufklärung" saß. Das war jene legendäre Auslandsspionage-Abteilung des Ministeriums unter Leitung von Generaloberst Markus "Mischa" Wolf. Im Januar 1990 wussten wir das noch nicht. Merkwürdig dunkel war es in den verschachtelten Gebäuden rund um den Innenhof, durch den wir liefen. Die Genossen hinter den Bürofenstern schienen schon Feierabend gemacht zu haben.

Mit gespanntem Schaudern, aber furchtlos schoben wir uns voran – Angst vor Scharfschützen hatte da schon niemand mehr, obwohl drei, vier Mann ein Blutbad hätten anrichten können. Das Volk war im Innenhof der Macht, alles ruhig, ab und an ertönten durch Megafone die besorgten Stimmen von Mitgliedern des Neuen Forums, das die Demonstration organisiert hatte. Irgendwann bog die Menge nach links ab, zum anderen Ausgang, wo wir uns schließlich nach ein paar Minuten brav auf der Straße zur Kundgebung versammelten. Vielleicht 100 Leute drangen unterdessen doch in die Gebäude ein, ab und an erblickte man sie in den Fenstern, selten segelten auch mal Papiere auf den Bürgersteig, zerberstende Fensterscheiben sahen wir nicht. Dieser Spaziergang an einem Januar-Abend vor 25 Jahren ging als "Sturm auf die Stasi-Zentrale" in die Geschichtsbücher ein.

In Berlin werkelte der Geheimdienst zunächst unbehelligt weiter

Der Zeitzeuge ist eine ziemlich unzuverlässige Person, mit verblassenden Erinnerungen, aber umso felsenfesteren Ansichten darüber, wie die Dinge wirklich gewesen sind. Auch ich mag nur einen Ausschnitt erlebt haben. Doch mich irritierte schon damals, gleich nach den Ereignissen, die Diskrepanz zwischen der vergleichsweise unspektakulären Realität und den kurz darauf verbreiteten medialen Bildern.

Geplant war an diesem 15. Januar zunächst nichts weiter als ein Protestmarsch. "Mit Fantasie gegen Stasi und Nasi": Mit dieser Zeile hatte das Neue Forum auf einem Flugblatt (ich habe es immer noch) zur Demonstration aufgerufen, meine Mutter und ich gingen hin, weil wir die endgültige Auflösung des DDR-Staatssicherheitsdienstes fordern wollten.

Die Abschaffung der Stasi war eines der zentralen politischen Anliegen jener Zeit – "Stasi in die Produktion" hieß der nach "Wir sind das Volk" und "Wir sind ein Volk" populärste Schlachtruf. Die oppositionellen Gruppen fochten am Runden Tisch in Berlin für die Auflösung des MfS; die Übergangsregierung unter Hans Modrow sträubte sich dagegen, solange es ging. Zuletzt war der verhasste Unterdrückungsapparat in "Amt für Nationale Sicherheit" – Nasi – umbenannt worden. Gegen diese Verhinderungspolitik wurde in der Normannenstraße protestiert, denn anders als in Erfurt und anderen Städten, wo seit Anfang Dezember Bürgerkomitees versuchten, die Arbeit der Geheimen kontrolliert zu beenden, werkelten die Mitarbeiter der Berliner Zentrale unbehelligt weiter.

Dass die Demonstranten das Stasi-Gelände betraten, war nicht vorgesehen – und bis heute ist nicht klar, wer dafür verantwortlich war, dass sich das Tor öffnete. Wie auch immer: Die Menschenmenge blieb friedlich, so wie ja ohnehin die Revolution von 1989 eine erstaunlich ruhige Angelegenheit war.

Im Fernsehen wirkte alles viel aufregender als in der Realität

Die Organisatoren gerieten dennoch ob der ungeplanten Ereignisse in Unruhe. Sie konnten ja nicht wissen, ob nicht doch Gewalt ausbrechen würde – durch Stasi-Leute, die sich in die Enge getrieben fühlten, oder durch Provokateure. Schnell telefonierten sie deshalb die führenden Politiker des ein paar Kilometer entfernt tagenden Runden Tisches herbei, und so trat nach ein paar Minuten auf einmal Ministerpräsident Hans Modrow aufs Rednerpodest, gefolgt von dem Bürgerrechtler Konrad Weiß. Sie riefen zur Besonnenheit auf – wobei ja alle besonnen waren, selbst diejenigen, die im Gebäude herumstöberten. In fröhlich gelassener Stimmung machten wir uns danach auf den Heimweg.