Wenig später konnten wir im Fernsehen eine weitaus dramatischere Version der Ereignisse sehen: Ein Dauerlaufband vor dem Bild des leeren Konferenzraums, in dem der Runde Tisch tagte, informierte darüber, dass die Tagenden in die Normannenstraße aufgebrochen seien. Das Westfernsehen zeigte später auch Aufnahmen aus dem Innern der Stasi-Zentrale, mit umgestürzten Tischen und ausgeleerten Aktenschränken. Natürlich hatten sich die Korrespondenten, anders als die meisten ordentlichen Demonstranten, diese sensationellen Einblicke ins Innenleben des berüchtigten Geheimdienstes nicht entgehen lassen. Die Macht der Bilder: Hier konnte ich sie live erfahren. Alles wirkte viel aufregender als die eben erlebte Realität. Aber ich will nicht herummäkeln: Immerhin konnte die Welt jetzt sehen, dass ein Volk in der Lage ist, seinen allmächtigen Geheimdienst zu besiegen.

Pünktlich zum 25. Jahrestag wird nun am historischen Ort – seit geraumer Zeit schon dient er als Gedenkstätte – eine neue Dauerausstellung eröffnet mit dem Titel Staatssicherheit in der SED-Diktatur. Vom "Sturm auf die Normannenstraße" wird hier glücklicherweise, anders als in vielen Büchern, nicht mehr gesprochen. Durchgängig ist korrekt von "Besetzung" die Rede, wenn es um den Januar 1990 geht.

Konzipiert hat die eindrucksvolle Schau die Stasi-Unterlagen-Behörde in Kooperation mit dem Bürgerverein Antistalinistische Aktion Berlin-Normannenstraße, der am Ort schon seit Langem aktiv ist. Die Zusammenarbeit zwischen diesen sehr unterschiedlichen Parteien war nicht immer einfach, wie beide einräumen; der Ausstellung, die sich über drei Stockwerke in Haus 1 des einstigen Ministeriums erstreckt, ist dies jedoch nicht anzumerken. Die Anatomie des Geheimdienstes wird kühl offengelegt und seine Rolle innerhalb der DDR-Gesellschaft ebenso anschaulich gemacht wie die Mentalität der "Tschekisten" – so nannten sich die Stasi-Mitarbeiter selbst, nach dem berüchtigten ersten sowjetischen Geheimdienst, der abgekürzt Tscheka hieß. Man kann interne Schulungsfotos betrachten, welche die zu bekämpfenden Gegner zeigen. Man kann in bizarren "Brigadetagebüchern" lesen, Minister Mielkes O-Töne hören, erschütternde Dokumente über die Techniken der Zersetzung studieren – und es gibt auch etwas über die seltenen Abweichler in den Reihen der Stasi zu erfahren. Aus dem Fenster schaut man auf das einstige Areal des Ministeriums, das heute so hässlich-harmlos wirkt, drinnen erfährt man alles über den gigantischen Überwachungsapparat und sein ständiges Wachsen und Wuchern.

Es ist ein Glücksfall, dass diese Ausstellung am historischen Ort verwirklicht werden konnte: Die Besucher laufen durch das Büro von Minister Erich Mielke, das in seinem unsagbar tristen Originalzustand belassen wurde; überall stößt man auf Panzerschränke und dicke Türen von einst – die Aura der Stasi-Bürokratie ist noch immer spürbar. Der Erzählton indes bleibt aufklärend nüchtern. Die Ausstellung ist ein Lernort zur Verteidigung der Demokratie, ganz ohne Betroffenheitstremolo. Die Wirkung der ausgewählten Dokumente ist umso stärker, sei es nun das Foto eines rebellischen Punks kurz nach seiner Verhaftung oder die Darstellung einer konspirativen Wohnungsdurchsuchung.

Obwohl ich damals kein Aktivist, sondern nur teilnehmender Beobachter war, habe ich am Ende ein gutes Gefühl: Dass die Stasi an just diesem Ort nun derart nackt zu erleben ist, bis in ihre geheimsten Details hinein – allein dafür hat sich der Januar-Spaziergang vor 25 Jahren mehr als gelohnt.