Wenn man sich über die Identität einer Sache oder einer Person unsicher ist, empfiehlt sich der sogenannte Ententest: Wenn etwas aussieht wie eine Ente, watschelt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, ist es wahrscheinlich eine Ente.

Was aber, wenn etwas, oder besser gesagt: jemand aussieht wie Angela Merkel, geht wie Angela Merkel, sogar Angela Merkels Jacketts trägt, aber gar nicht klingt wie Angela Merkel? Sondern Sätze von erstaunlicher Klarheit sagt. Zu Wladimir Putin in Sydney: "Das Vorgehen Russlands stellt die europäische Friedensordnung infrage und bricht internationales Recht."

Zu den Pegida-Demonstranten in Deutschland: "Folgen Sie nicht denen, die dazu aufrufen." Zu oft seien "Kälte, Unversöhnlichkeit, ja Hass" in deren Herzen. Sätze also, hinter die man schwer zurückkann. Ist das dann noch unsere Kanzlerin, Angela, die Auslegbare? Oder ist das eine neue Kanzlerin, womöglich gar eine Klartexterin?

Es geht hier wohlgemerkt nicht um Merkel-Verehrung, nach dem Motto: Unsere großartige Kanzlerin, jetzt kann sie sogar deutlich sprechen! Es geht eher um die Frage, ob Merkel ihre Methode ändert, weil sich die Welt verändert und damit die Anforderungen an uns alle. Und ob sich so etwas wie die Identität der Frau herausschält, die in der Welt vielfach zum Synonym für Europa geworden ist und von der es gerne heißt, so etwas wie unverhandelbare Überzeugungen habe sie eigentlich gar nicht.

In den 15 Jahren, die die Deutschen Merkel in etwa kennen, davon zehn Jahre als Kanzlerin, sind von der Gerne-Schweigerin etwa sechs klare Interventionen überliefert, die es ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit geschafft haben.

Merkels harte Ansage

Die erste begründete ihren politischen Aufstieg: In einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb die damalige CDU-Generalsekretärin 1999, Helmut Kohl habe der Partei mit seiner illegalen Kassenwirtschaft schweren Schaden zugefügt. Das war nicht nur eine Klarstellung und eine Distanzierung Angela Merkels von ihrem einstigen Förderer Kohl, es war auch eine Emanzipation der CDU von ihrem Übervater. Denn die CDU und Helmut Kohl, das war bis dahin eins gewesen (wenn auch nicht ganz so eins wie heute die CDU und Angela Merkel).

Vier Jahre später folgte die Affäre Martin Hohmann. Der hessische CDU-Abgeordnete hatte laut nachgedacht, ob man die Juden nicht mit Fug und Recht als "Tätervolk" bezeichnen könne. Merkel, inzwischen Fraktionsvorsitzende, setzte seinen Parteiausschluss durch. Es war das erste Mal in der Geschichte der CDU, dass jemand wegen rechter Zündeleien rausgeworfen wurde und ein Vorsitzender die diffuse Grenze zwischen rechts und zu rechts markiert hatte.

2009 legte sich Merkel, Protestantin und inzwischen Bundeskanzlerin, offen mit dem Papst an. Benedikt XVI. hatte die Exkommunizierung von Bischof Williamson zurückgenommen, einem notorischen Holocaust-Leugner, der behauptet, Gaskammern habe es nie gegeben und auch nicht die Ermordung von sechs Millionen Juden. Der Vatikan, forderte Merkel, müsse "sehr eindeutig" klären, dass es keine Relativierung des Holocaust geben dürfe. Aus Sicht der CDU war das mehr als eine Unbotmäßigkeit, es grenzte an Beleidigung des Propheten. Kardinal Meisner bewertete Merkels Äußerungen als "größte Fehlleistung" und verlangte, die Kanzlerin solle sich entschuldigen.

Das nächste Mal schaltete sich Merkel ein Jahr später ein. Die Thesen des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin über "Kopftuchmädchen" und genetisch verankerte Migrantendummheit nannte Merkel "verletzend und polemisch" und "absolut nicht hilfreich". 2012 entschuldigte sie sich bei den Opfern des NSU und nannte die Morde eine "Schande für unser Land".