Im vergangenen Jahr knöpfte sich Merkel nach Monaten zermürbender Gespräche und diplomatischer Zurückhaltung Wladimir Putin vor und stellte den russischen Präsidenten eindeutig als Aggressor mit weiter reichenden Gebietsansprüchen dar.

Und nun also Pegida und die demonstrative Wiederholung des Wulff-Satzes: "Der Islam gehört zu Deutschland."

Zwei Dinge fallen auf. Es gibt erstens offenbar doch zwei bis drei Themen, bei denen Merkel klare Überzeugungen hat, sogar sehr klare. Sie lassen sich auf die Begriffe Putin, Israel und Rechtspopulismus bringen. Übersetzt in Werte, könnte man sagen: Merkel hat offenbar etwas gegen Ausgrenzung von Minderheiten und eine Menge für Selbstbestimmung übrig. Zweitens: Zwar gibt es immer noch mehr Wurstelsätze als klare Interventionen, aber die Klarsätze werden häufiger. Woran liegt das, was haben die unserer Kanzlerin in den Tee geschüttet? Die Antwort lautet: Geschichte.

"Merkel ist die, die sie immer war", sagt einer, der sie lange kennt. Sie sei nur auch sehr stark ein Kind ihrer jeweiligen Zeit. Soll heißen: Merkel hat ein gutes Gespür dafür, was jeweils von ihr erwartet wird. Geändert hat sich also möglicherweise nicht Merkel selbst, geändert haben sich aber ganz sicher die Zeiten und damit die Erwartungen.

Gerhard Schröder gilt als Beispiel für einen kernigen Typen mit Hang zur klaren Ansage. Merkel hat seinen Aufstieg damals anders analysiert. Schröder hatte bei seinem Amtsantritt versprochen, er werde nicht alles anders, aber vieles besser machen. Das war alles andere als eine harte Ansage. Schröder verfüge über die Kraft der Unschärfe, hat Merkel damals festgestellt, durchaus anerkennend. Die Kraft der Unschärfe war das Erste, was Merkel der SPD geklaut hat.

Gegen rechts, für Israel, für Migranten, wo ist denn da der Mut, könnte man fragen, das ist doch Mainstream. Aber in der CDU haben sie ihrer Kanzlerin bis hinauf zum Fraktionschef demonstrativ nicht applaudiert, als sie Wulffs Satz vergangene Woche im Bundestag gesagt hat. In der CDU gibt es zum ersten Mal seit Langem eine kontroverse Debatte zu einem Satz der Kanzlerin, die tief ins Gemüt der Partei geht. Merkel weiß das, und sie nimmt es in Kauf. Natürlich führen die Debatten nicht so weit, dass sie ihr persönlich gefährlich werden könnten, dazu ist sie selbst inzwischen viel zu alternativlos für ihre Partei. So groß ist Merkels Autoritätsüberschuss mittlerweile, dass sie fast alles sagen kann. Neu ist, dass sie etwas sagen muss. Nicht als Bastawort, als Selbstverteidigung, sondern um der Verantwortung gerecht zu werden, die sich aus dieser Autorität ergibt.

Merkels Kindheitserfahrungen

Wenn die Parteifreunde Merkels Worte zu Migranten und Demonstranten hören, denken viele an Pegida und die AfD, die der CDU Konkurrenz machen wollen. Merkel denkt womöglich auch ein bisschen an die Volkspartei SPD, der sie nach vielen Themen auch Wähler abnehmen könnte. Vor allem aber denkt sie schon lange nicht mehr im nationalen Rahmen. Ihre Kanzlerschaft wird nicht von innenpolitischen Debatten bestimmt, sondern von der Außenpolitik. Merkel muss sich heute nicht mehr gegenüber einer misstrauischen CDU bewähren oder einer reservierten Öffentlichkeit, sondern als Weltstaatsfrau.

Die Euro-Krise ist zurück, Wladimir Putins Test the West gefährdet den Frieden, in den europäischen Nachbarländern gewinnen rechtspopulistische Parteien Zustimmung, und nach den Anschlägen von Paris stellen sich immer mehr Bürger die Frage, ob die Attentate der letzten Jahre nicht der Höhepunkt, sondern der Beginn einer neuen Bedrohung sind. Merkels Risiko besteht nicht mehr darin, dass ein paar ältere Herren in der CDU verstimmt sind und vielleicht einen anderen Vorsitzenden wählen wollen. Es steht ein bisschen mehr auf dem Spiel. Scheitert Merkel, scheitert Deutschland, und dann könnte auch Europa scheitern.

Das ist der Rahmen, in dem Merkel sich bewegt. Hinzu kommt: Je älter die Kanzlerin wird, 60 Jahre ist sie inzwischen, umso stärker lässt sie Bezüge zu ihrer Biografie erkennen. Das Leben im Pfarrhaus, das an ein Behindertenheim grenzte, in dem der Vater als Leiter Inklusion praktizierte, lange bevor das ein politisches Ziel wurde. Die Erfahrung der deutschen Einheit, die möglich wurde, weil Menschen gegen ein autoritäres System auf die Straße gingen und andere Länder den Wunsch nach Freiheit zuließen. Auch deshalb hatte Merkel zu Beginn der Ukraine-Krise, die dann in einen inoffiziellen Krieg mündete, so wenig Verständnis für die, die Putin verteidigten.

Deshalb empört es sie besonders, wenn Menschen mit dem Anspruch "Wir sind das Volk" auf die Straße ziehen, nicht gegen ein System, sondern gegen andere Menschen. Längst geht es bei dem Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" nicht mehr um die Frage, ob die Formulierung geglückt ist oder nicht, ob man ihn so sagen sollte oder anders. Es geht um die Frage, wer in Deutschland die Mehrheit vertritt. Die Pegida-Demonstranten glauben, dass sie eine unterdrückte Mehrheit vertreten, die Gegner glauben, dass sie für eine gefährdete Mehrheit stehen. Wer ist repräsentativ? In einer diversifizierten Welt ist das nicht immer leicht zu sagen. Merkels harte Ansage an Pegida war eine Probe aufs Exempel, eine Vertrauensfrage, die sie nicht dem Parlament, sondern dem Volk stellt.