Schon vor mehr als hundert Jahren herrschte in Europa Terrorangst. Zwar richtete sich die Gewalt damals nicht wahllos gegen Zivilisten – ein erschreckendes Ausmaß erreichte sie gleichwohl. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde im Durchschnitt jedes Jahr ein Staatsoberhaupt zum Opfer eines Attentats. Ob in Italien (König Umberto I., ermordet 1900), Frankreich (Staatspräsident Carnot, ermordet 1894), Griechenland (König Georg I., ermordet 1913) oder Spanien (Regierungspräsident Méndez, ermordet 1912): Monarchen und hochrangige Politiker lebten gefährlich. Nur eine Großmacht bildete eine Ausnahme – das Deutsche Kaiserreich. Seit Mitte der 1880er Jahre hat es keinen ernst zu nehmenden Mordanschlag gegen einen deutschen Monarchen mehr gegeben.

Auch die Zeitgenossen dürften darüber gestaunt haben, denn die Ereignisse der zwei vorangegangenen Jahrzehnte ließen anderes erwarten. Am 7. Mai 1866 hatte der Student Ferdinand Cohen-Blind in Berlin versucht, den preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck aus nächster Nähe niederzuschießen. Er wollte damit den Krieg gegen Österreich verhindern. Am 13. Juli 1874 entging Bismarck, inzwischen Reichskanzler, nur knapp einem Pistolenanschlag im unterfränkischen Kurort Kissingen. Deutschland befand sich zu dieser Zeit mitten im Kulturkampf, der Auseinandersetzung zwischen dem preußisch-deutschen Staat und der katholischen Kirche. Der 21-jährige Attentäter Eduard Kullmann, ein politisch fanatisierter Katholik, wollte seine Tat als Akt des Widerstands verstanden wissen.

Vier Jahre später, 1878, wurden zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I. verübt. Die Pistolenschüsse des vermutlich psychisch zerrütteten Klempnergesellen Max Hödel am 11. Mai überstand der Monarch noch unbeschadet. Einen knappen Monat später, am 2. Juni, traf ihn die Schrotladung, die der Agrarökonom Karl Nobiling aus einem Fenster Unter den Linden abgefeuert hatte. Wilhelm war, schwer verwundet, sechs Monate lang regierungsunfähig und musste sich von seinem Sohn – dem späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III. – vertreten lassen. Im September 1883 schließlich machten sich zwei Elberfelder Anarchisten auf den Weg nach Rüdesheim, um den Festzug zur Einweihung des Niederwalddenkmals, das an die Reichsgründung von 1871 erinnert, zu attackieren. Nur weil der nächtliche Regen die Zündschnur durchweicht hatte, konnte das sechs Pfund schwere Dynamitpaket, das sie unter einer Fahrbahnrinne deponiert hatten, die Kutsche des Kronprinzen Friedrich nicht in die Luft sprengen.

Der für die Reichspolitik verantwortliche Kanzler Otto von Bismarck war von diesen Ausbrüchen der Gewalt erschüttert. Es gelang ihm jedoch, seine Angst vor der Öffentlichkeit zu verbergen. So bemerkte er nach dem Kissinger Attentat von 1874 lakonisch: "Die Sache ist zwar nicht kurgemäß, aber das Geschäft bringt es eben so mit sich." Innenminister Friedrich zu Eulenburg, der Bismarck kurz nach dem Attentat besuchte, berichtete indes, dass der Reichskanzler sich kaum mehr aus dem Haus wage und sich aus lauter Furcht nur noch selbst rasiere. Auch trug der Reichskanzler seit dem Anschlag stets eine Pistole bei sich.

Nach den Kaiserattentaten von 1878 rechnete Bismarck fest mit weiteren Anschlägen. Von verschiedenen Seiten eingehende Hinweise bestärkten ihn in dieser Auffassung. So warnte die Politische Polizei in Berlin für den 15. Juni 1878 vor einem möglichen Angriff der Sozialisten auf Schloss und Palais in Potsdam. Als er ausblieb, notierte Kronprinz Friedrich erleichtert in sein Tagebuch: "Es ist heute nun doch nicht auf mich geschossen worden!"

Die Stimmung in den Monaten nach dem Nobiling-Attentat war äußerst gereizt. Im August 1878 bestätigte der Kronprinz das Todesurteil gegen Hödel (Nobiling starb im September an den Folgen seines nach dem Attentat verübten Suizidversuchs) und ließ den Reichstag auflösen. Kurz vor Eröffnung des neu gewählten Parlaments im September forderte Bismarck Kriegsminister Georg von Kameke dazu auf, die Militärpräsenz in Berlin zu erhöhen, um der großen Zahl von Sozialisten in der Stadt Herr zu werden. Er ging "mit Sicherheit" davon aus, dass der Eisenbahn-, Post- und Telegrafendienst bei ausbrechenden Unruhen versagen würde, da in diesen Bereichen zahlreiche Anhänger der Sozialdemokratie beschäftigt seien. Die Kommunikation innerhalb der Stadt könnte "bei der Zugänglichkeit der Dynamit-Patronen für jedermann durch Sprengung von Brücken wesentlich gehemmt werden", mahnte Bismarck. Der Reichskanzler erwartete zudem gezielte Terrorangriffe auf seine Person. Im Juni 1878 war seine neue Dienstwohnung in der Wilhelmstraße fertiggestellt worden. Weil er befürchtete, dass sich gewaltbereite Sozialisten unter den Bauarbeitern befinden könnten, hatte er auf der Abordnung eines Polizeibeamten bestanden, der sich in der örtlichen Sozialistenszene auskannte und verdächtige Personen unter den Arbeitern entfernen sollte. Vor Bezug der Wohnung waren alle Räume gründlich auf mögliche Sprengstoffe untersucht worden.

Die erste Aufgabe der neu gewählten Volksvertretung war es 1878, das von Bismarck verlangte "Gesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozial-Demokratie" zu verabschieden – was mehr mit der Angst vor Attentaten zu tun hatte als bisher angenommen.

Der Riss in der Gesellschaft des Kaiserreichs vertieft sich

Eine gängige These lautet, Bismarcks Ziel bei der Auflösung des Reichstags und der Verabschiedung des Sozialistengesetzes sei es gewesen, die Nationalliberale Partei, die ihm in seiner Schutzzollpolitik nicht folgen wollte, unter Druck zu setzen. (Tatsächlich ging die Partei aus den Neuwahlen geschwächt hervor und brach ein Jahr später auseinander.) Andere betonen, dass Bismarck die Attentate lediglich instrumentalisiert habe, um die Sozialdemokratie zu schwächen. Das ist zweifellos richtig, wie Bismarcks Bestrebungen zeigen, in der Tagespresse eine Nähe der Attentäter zur Sozialdemokratie zu konstruieren: Belegen konnten die intensiv geführten Ermittlungen dabei nur eine gewisse Affinität zu sozialdemokratischen, in Hödels Fall auch zu anarchistischen Ideen, es ließen sich jedoch beim besten Willen keine Hintermänner, geschweige denn ein Komplott aufdecken.

Dass Bismarck die Attentäter wider besseres Wissen zu sehr in die Nähe der Sozialdemokratie rückte, heißt allerdings nicht, dass er nicht persönlich an eine von der Linken ausgehende Gefahr glaubte. Es wäre daher verfehlt, in ihm allein den kühl kalkulierenden "eisernen" Kanzler zu sehen, zu dem er sich später in seinen Memoiren stilisierte. Seine Reaktionen im Sommer 1878 sprechen jedenfalls eine andere Sprache. Auch seine Warnung "vor dem nihilistischen Messer und der Nobilingschen Schrotflinte", die er im Reichstag aussprach, dürfte insofern mehr als bloße Rhetorik gewesen sein.

Das aus der Angst geborene Gesetz brachte mit den nun einsetzenden Verfolgungen unglaubliches Leid über Tausende unbescholtene Männer und deren Familien und vertiefte den Riss in der Gesellschaft des Kaiserreichs, indem es die Anhänger einer politischen Partei unter Generalverdacht stellte. Zugleich trug es wohl nicht unerheblich dazu bei, dass – mit Ausnahme des misslungenen Sprengstoffanschlags der Elberfelder Anarchisten von 1883 – weitere Attentate ausblieben.

Wirksam dürfte das Sozialistengesetz in dieser Hinsicht vor allem deshalb gewesen sein, weil es die Strafbarkeit vorverlagerte: Bereits das "Bestreben nach Umsturz" galt fortan als Vergehen. Dies hatte das Sozialistengesetz mit dem 1876 verabschiedeten Paragrafen 49a des Strafgesetzbuches gemein, der die erfolglose Teilnahme an einem Anschlag beziehungsweise das Anstiften zu einem solchen unter Strafe gestellt hatte. Ähnliche Klauseln fanden sich 1884 im Sprengstoffgesetz.

In den Jahren nach 1878 verzehnfachte sich zudem der Personalbestand der Politischen Polizei in Berlin, die sich mehr und mehr zu einer Reichszentrale für die Terrorismusbekämpfung entwickelte. Observierungen und Hausdurchsuchungen waren an der Tagesordnung. Ein weitverzweigtes Agenten- und Spitzelsystem lieferte Informationen über eventuell gefährliche Gruppierungen.

Wiederholt trug dieses Vorgehen der Polizei den Vorwurf ein, sie schaffe selbst mittels Agents Provocateurs die zu verfolgenden Tatbestände. Als am 21. April 1889 ein Treffen militanter europäischer Anarchisten im belgischen Verviers stattfand (just dort, wo dieser Tage ein Anschlag islamistischer Terroristen vereitelt wurde), war denn auch der einzige Teilnehmer aus Deutschland der Kontaktmann eines Elberfelder Polizeikommissars. Gewaltbereite Anarchisten wie Johann Most und Wilhelm Hasselmann hatten das Land unterdessen längst verlassen und schrieben von London und New York aus gegen die Monarchie an.

Das harte sicherheitspolitische Vorgehen hatte sich so gesehen ausgezahlt. Allerdings bürdete Bismarck der deutschen Gesellschaft mit seiner Kampfansage an die "inneren Reichsfeinde" eine schwere Hypothek auf. Ob der Zweck die Mittel rechtfertigte, die tausendfache Verdächtigung und Verfolgung Unschuldiger, ist mehr als fraglich. Politisch konnte Bismarck, wie sich zeigte, der Sozialdemokratie das Rückgrat ohnehin nicht brechen.