Eine gängige These lautet, Bismarcks Ziel bei der Auflösung des Reichstags und der Verabschiedung des Sozialistengesetzes sei es gewesen, die Nationalliberale Partei, die ihm in seiner Schutzzollpolitik nicht folgen wollte, unter Druck zu setzen. (Tatsächlich ging die Partei aus den Neuwahlen geschwächt hervor und brach ein Jahr später auseinander.) Andere betonen, dass Bismarck die Attentate lediglich instrumentalisiert habe, um die Sozialdemokratie zu schwächen. Das ist zweifellos richtig, wie Bismarcks Bestrebungen zeigen, in der Tagespresse eine Nähe der Attentäter zur Sozialdemokratie zu konstruieren: Belegen konnten die intensiv geführten Ermittlungen dabei nur eine gewisse Affinität zu sozialdemokratischen, in Hödels Fall auch zu anarchistischen Ideen, es ließen sich jedoch beim besten Willen keine Hintermänner, geschweige denn ein Komplott aufdecken.

Dass Bismarck die Attentäter wider besseres Wissen zu sehr in die Nähe der Sozialdemokratie rückte, heißt allerdings nicht, dass er nicht persönlich an eine von der Linken ausgehende Gefahr glaubte. Es wäre daher verfehlt, in ihm allein den kühl kalkulierenden "eisernen" Kanzler zu sehen, zu dem er sich später in seinen Memoiren stilisierte. Seine Reaktionen im Sommer 1878 sprechen jedenfalls eine andere Sprache. Auch seine Warnung "vor dem nihilistischen Messer und der Nobilingschen Schrotflinte", die er im Reichstag aussprach, dürfte insofern mehr als bloße Rhetorik gewesen sein.

Das aus der Angst geborene Gesetz brachte mit den nun einsetzenden Verfolgungen unglaubliches Leid über Tausende unbescholtene Männer und deren Familien und vertiefte den Riss in der Gesellschaft des Kaiserreichs, indem es die Anhänger einer politischen Partei unter Generalverdacht stellte. Zugleich trug es wohl nicht unerheblich dazu bei, dass – mit Ausnahme des misslungenen Sprengstoffanschlags der Elberfelder Anarchisten von 1883 – weitere Attentate ausblieben.

Wirksam dürfte das Sozialistengesetz in dieser Hinsicht vor allem deshalb gewesen sein, weil es die Strafbarkeit vorverlagerte: Bereits das "Bestreben nach Umsturz" galt fortan als Vergehen. Dies hatte das Sozialistengesetz mit dem 1876 verabschiedeten Paragrafen 49a des Strafgesetzbuches gemein, der die erfolglose Teilnahme an einem Anschlag beziehungsweise das Anstiften zu einem solchen unter Strafe gestellt hatte. Ähnliche Klauseln fanden sich 1884 im Sprengstoffgesetz.

In den Jahren nach 1878 verzehnfachte sich zudem der Personalbestand der Politischen Polizei in Berlin, die sich mehr und mehr zu einer Reichszentrale für die Terrorismusbekämpfung entwickelte. Observierungen und Hausdurchsuchungen waren an der Tagesordnung. Ein weitverzweigtes Agenten- und Spitzelsystem lieferte Informationen über eventuell gefährliche Gruppierungen.

Wiederholt trug dieses Vorgehen der Polizei den Vorwurf ein, sie schaffe selbst mittels Agents Provocateurs die zu verfolgenden Tatbestände. Als am 21. April 1889 ein Treffen militanter europäischer Anarchisten im belgischen Verviers stattfand (just dort, wo dieser Tage ein Anschlag islamistischer Terroristen vereitelt wurde), war denn auch der einzige Teilnehmer aus Deutschland der Kontaktmann eines Elberfelder Polizeikommissars. Gewaltbereite Anarchisten wie Johann Most und Wilhelm Hasselmann hatten das Land unterdessen längst verlassen und schrieben von London und New York aus gegen die Monarchie an.

Das harte sicherheitspolitische Vorgehen hatte sich so gesehen ausgezahlt. Allerdings bürdete Bismarck der deutschen Gesellschaft mit seiner Kampfansage an die "inneren Reichsfeinde" eine schwere Hypothek auf. Ob der Zweck die Mittel rechtfertigte, die tausendfache Verdächtigung und Verfolgung Unschuldiger, ist mehr als fraglich. Politisch konnte Bismarck, wie sich zeigte, der Sozialdemokratie das Rückgrat ohnehin nicht brechen.