Wenn man die Drogenbeauftragte der Bundesregierung fragt, wie sich das alles auf die deutsche Debatte auswirke, antwortet sie, dass sie nicht "dem Zeitgeist blind hinterherlaufen" wolle. Das Gerede vom Krieg gegen die Drogen und die wiederkehrende Kritik am Betäubungsmittelgesetz ärgern sie. Cannabis, betont Marlene Mortler, sei im Gegensatz zu Alkohol oder Tabak traditionell verboten, deswegen solle es auch dabei bleiben. "Cannabis gilt als illegale Droge, das habe ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern so vorgefunden", sagt sie. "Ich finde das aber richtig." Die CSU-Politikerin ist eine drogenpolitische Quereinsteigerin, bis zu ihrem Amtsantritt vor einem Jahr hat sie sich vor allem mit Landwirtschaft und Tourismus beschäftigt.

Ohnehin geht es bei der Haltung der Bundesregierung weniger um konkrete Inhalte als um das große Ganze. Nachdem Deutschland die Frauenquote abgesegnet, die Atomkraft beerdigt und die Homo-Ehe erlaubt hat, entscheidet sich an der Cannabisdebatte eine der letzten ideologischen Fragen. Es geht hier um Moral. Den Schutz unserer Kinder. Die Gefahr von Rausch. Aus Sicht der großen Koalition ist es einfach: Was einmal verboten wurde, ist heute immer noch schlecht; was nicht geändert werden muss, bleibt so; was andere machen, ist doch egal. Da Schwarz-Rot über eine erdrückende Mehrheit im Parlament verfügt, finden die Stimmen der Oppositionsparteien (die für eine Legalisierung sind) kein Gehör.

Eine Gruppe von mehr als 120 Strafrechtsprofessoren um den eingangs erwähnten Lorenz Böllinger hat vergangenes Jahr eine Resolution eingereicht, um eine Enquetekommission zur deutschen Drogenpolitik ins Leben zu rufen. Ein sinnvolles Anliegen, dem allerdings die nötigen Stimmen fehlen, da die große Koalition nicht mitmacht. Ihrer Meinung nach sind Drogen kein Thema, mit dem man die Wähler belästigen sollte, denn die sind in der Frage konservativ: Laut einer Umfrage von infratest dimap (die der Deutsche Hanfverband in Auftrag gegeben hat) sind 68 Prozent der Befragten dagegen, Cannabis zu legalisieren. Gleichzeitig befürworten jedoch 82 Prozent die Verwendung von Cannabis für medizinische Zwecke.

Obwohl gerade Patienten mit Krebs oder Multipler Sklerose davon sehr profitieren könnten, besitzen nur 358 Menschen in ganz Deutschland die Erlaubnis, Cannabis in der Apotheke zu kaufen. Die Behandlung ist teuer und wird von den Krankenkassen in der Regel nicht erstattet. Vor einigen Monaten standen fünf Schwerkranke in Köln vor Gericht, weil sie heimlich Hanf angebaut hatten. Das Gesundheitsministerium geriet daraufhin in die öffentliche Kritik, Mortlers Mitarbeiter suchen nun eilig nach einem Kompromiss. "Wir arbeiten an einer Lösung, damit schwer kranke Patienten, die Cannabis aus medizinischen Zwecken benötigen, dieses auch erstattet bekommen", sagt sie.

Der Fall zeigt zweierlei: Die Bevölkerung ist durchaus in der Lage, ihre Haltung zu Cannabis zu überdenken, wenn es dafür gute Gründe gibt. Und die Regierung ist durchaus in der Lage, ihre Politik zu ändern, wenn sie unter Druck gerät.

Politischer Druck entsteht durch Skandale, Emotionen und Bilder, Referate über die erfolgreiche Legalisierung in Colorado genügen dafür offenbar nicht. Es müsste schon ein größeres Drogenproblem sein, das die Verantwortlichen aufrütteln würde. Ein Problem wie am Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg, wo zahlreiche Dealer herumlungern und sogar Familien fragen, ob sie Gras kaufen wollen. Cannabis zu besorgen ist hier ungefähr so schwierig, wie Brötchen holen. Auch die wöchentlichen Razzien, seufzt die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann, hätten "null Effekt". Ständig beschweren sich die Anwohner – linke, alternative Kreuzberger – bei ihr über die vielen Dealer.

Vor anderthalb Jahren hat Herrmanns Bezirk deshalb verkündet, eine Art Coffeeshop in Kreuzberg eröffnen zu wollen. (Herrmann selbst vermeidet das Wort Coffeeshop, um nicht zu sehr nach Amsterdam zu klingen.) Die Bezirksbürgermeisterin und ihre Mitarbeiter müssen dafür einen Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einreichen, um eine Ausnahmegenehmigung für ein "wissenschaftliches Modellprojekt" zur Erforschung von Cannabis zu bekommen. Es ist kompliziert, und die Arbeit an dem Antrag verschleppt sich.

Vielleicht ist Herrmanns Idee politische PR oder eine Scheinlösung für ein viel tiefer liegendes Problem: Die allermeisten Dealer im Görlitzer Park sind Flüchtlinge, die nicht arbeiten dürfen und deshalb auf den Drogenhandel ausweichen. Ein Coffeeshop wird dieses Dilemma nicht lösen. Trotzdem könnte Herrmanns Vorstoß der Anfang einer kleinen Revolution sein. Auch in Frankfurt gibt es nun eine Initiative, um einen Modellversuch zu starten. Ende der neunziger Jahre gab es das schon einmal: Damals beantragten sieben Städte unter der Leitung von Frankfurt eine Sondergenehmigung für die kontrollierte Heroinabgabe. Verzweifelt suchte die Stadt nach einem Weg, um den vielen Drogentoten und HIV-Infizierten beizukommen.

Das sei der große Unterschied zu Cannabis, sagt eine, die damals dabei war. "Man konnte das Drogenproblem sehen, die Politiker standen unter Druck, etwas dagegen zu tun." Womöglich liegt hier das Problem mit Cannabis: Es tötet nicht wie Heroin, es zehrt den Konsumenten nicht aus wie Crack. Wer kifft, hängt vielleicht träge in der Gegend herum, aber er ist nicht aggressiv oder überdreht wie jemand, der betrunken oder auf Speed ist.

Die Legalisierung von Cannabis in Deutschland entscheidet nicht über Leben und Tod. Anders als beim Drogenkrieg in Mexiko oder Alkoholismus in Russland gehen keine Menschen zugrunde, weil die Regierung nichts ändert. Aber gute Politik gestaltet auch das Leben der Menschen. Sie findet auch Lösungen für Probleme, die ihr nicht gefallen. In Deutschland ist das Bild der Kiffer im Klischee der schwänzenden Jugendlichen stecken geblieben. Tatsächlich kiffen auch Politiker, Ärzte und Journalisten. Man kann sie nicht umerziehen, und man sollte es auch nicht tun.

Wie wir leben, arbeiten und uns berauschen, verändert sich. Unsere Politiker sollten sich mit uns verändern. Und sich mal etwas entspannen und ein paar Coffeeshops genehmigen.

Mitarbeit: Katharina Kühn