"Faktum ist ..." Mit dieser Formulierung beginnt Sylvia L. fast jeden ihrer Sätze: Faktum ist. Die Arme hält sie vor dem hellblauen Kapuzenpulli verschränkt, die schwarz gefärbten Haare machen das fahle Gesicht noch härter. Sie wirkt gereizt, als sei es eine Zumutung, hier sitzen zu müssen. Sylvia L. will sich nichts bieten lassen. Sie will kämpfen, nicht nur gegen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Sie kämpft vor allem um ihr Bild als fürsorgliche Mutter.

Chantal, ihre Pflegetochter, ist vor drei Jahren im Alter von elf Jahren an einer Methadontablette gestorben. In der Wilhelmsburger Wohnung von Sylvia L. und ihrem damaligen Freund Wolfgang A. Er sitzt ihr schräg gegenüber auf der Anklagebank in Saal 390 des Hamburger Landgerichts, stoisch, reglos. Die Lebensverhältnisse in der Familie seien für ein Pflegekind "grenzwertig" gewesen. So sagt es der Jugendamtsmitarbeiter Karlheinz W. als Zeuge vor Gericht, nachdem er die Wohnsituation lange als angemessen verteidigt hat.

In dem seit Dezember laufenden Prozess haben sich zwei Wahrheiten eines Familienlebens herausgeschält, eines Familienlebens, das schrecklich war, auch wenn es schöne Momente gab. In dem die Kinder in Verwahrlosung lebten, aber nicht wirklich vernachlässigt waren.

Während Chantal in ihrem trostlosen Zimmer mit dem Tod rang, stand nebenan im Wohnzimmer ein geschmückter Weihnachtsbaum.

Das Gericht unter dem Vorsitz von Rüdiger Göbel muss herausfinden, ob Sylvia L. und Wolfgang A. ihr Methadon achtlos in der Wohnung liegen ließen, sodass Chantal sich mit einer Tablette vergiften konnte. Und ob die beiden ihre Fürsorgepflicht vernachlässigten, weil sie den Notarzt erst alarmierten, als das Mädchen schon viele Stunden im Koma lag.

Die Angeklagten selbst behaupten, dass die Elfjährige sich das Methadon anderswo beschafft habe, sie hätten ihre Tabletten sicher in einer Garage aufbewahrt. Ihre Verteidiger haben für beide einen Freispruch gefordert. Es sei "erwiesen, dass Chantal eine Tablette eingenommen haben muss, die in der Küche herumlag", hält Staatsanwalt Florian Kirstein in seinem Plädoyer dagegen. "Das war kein bedauerlicher Unfall, sondern eine schwere Straftat." Er hat für Sylvia L. eine Bewährungsstrafe und für Wolfgang A. zweieinhalb Jahre Gefängnis beantragt.

Den Eltern wurde es leicht gemacht, eine heile Welt vorzugaukeln

Doch das Urteil, das die Kammer am Montag verkünden wird, behandelt nur den juristischen Aspekt der Tragödie. Dahinter steht die Frage: Wie konnte es überhaupt passieren, dass Pflegekinder in eine Junkiefamilie gegeben wurden?

In eine schäbige Wohnung, in der mit den Pflegeeltern vier Kinder und drei Hunde hausten.

In der Chantal sich mit der anderen Pflegetochter Ashley ein Bett teilen musste.

In der es keine Kleiderschränke gab, der Herd in der Küche nicht angeschlossen war und wo der Notarzt schließlich am späten Nachmittag des 16. Januar 2012 im Schein einer Taschenlampe um Chantals Leben kämpfen musste, denn es gab in der ganzen Wohnung kaum Licht.

"Ich war entsetzt", sagt die Polizistin Andrea K., die damals als eine der Ersten vor Ort war. "Ich dachte: Wieso leben hier Pflegekinder? Das war überhaupt nicht kindgerecht."