Pfender zeigt Fälle aus den vergangenen 15 Jahren auf, bei denen die Nürnberger Tümmler sich gegenseitig attackierten, bissen und sogar den Kiefer brachen. Die Folge: Die Pfleger verabreichen ihnen bis zu 50 Milligramm Diazepam, bekannt als Valium. "Diese Menge an Beruhigungsmittel reicht aus, um einen Delfin eine halbe Stunde lang komplett stillzulegen", sagt Pfender. Der Biologe hält die verabreichte Menge für "nicht gerechtfertigt, um eine Verhaltensstörung zu behandeln".

Tiergartenchef Encke wehrt sich gegen die Vorwürfe. Die Daten seien aus dem Zusammenhang gerissen und lediglich für das Team von Pflegern und Tierärzten vollständig verständlich. Encke ist ein Machertyp. Nicht immer scheint alles, was er sagt oder tut, bis zum Ende durchdacht zu sein. Als er seinen Posten antrat, konnte er nicht nachvollziehen, warum keine Delfinjungen in den Becken schwimmen. Er rief seine Mitarbeiter auf, die Delfinzucht voranzutreiben, obwohl niemand im Team die notwendige Erfahrung hatte. Auch heute gibt es kaum jemanden im Team, der Kenntnisse aus der letzten erfolgreichen Nachzucht von vor 16 Jahren mit einbringen kann.

"Delfine sind robuste und tolerante Tiere, die können in den verschiedensten Gruppen zusammenleben", sagt Encke. Wenn es nach ihm ginge, würde er nicht eingreifen, wenn die Tiere sich angehen. In der freien Wildbahn komme das auch vor. Aber es sei nach dem Tierschutzgesetz nun mal die ethische Verpflichtung eines jeden Tierarztes, Leid abzuwenden. Zur Not eben mit Medikamenten. Generell kämen Arzneien lediglich bei Krankheiten, Transport oder Neuzusammenführungen zum Einsatz.

David Pfender vom WDC glaubt den Aussagen nicht. Die Wal- und Delfinschutzorganisation will mittels der medizinischen Akten aufzeigen, dass Psychopharmaka im Zoo nicht nur punktuell eingesetzt werden, sondern systematisch bei aggressivem Verhalten. Damit will sie beweisen, dass Delfine in Zoos nicht artgerecht und ohne Einsatz von Beruhigungsmitteln gehalten werden können.

Auch Sunny, Namis Mutter, hat einige Wochen lang Valium erhalten, um Aggressionen gegen ihr Kalb zu unterbinden. Bereits wenige Tage nach der Geburt hat sie Nami so heftig gebissen, dass das Jungtier sechs Wochen lang mit Antibiotika behandelt werden musste. Wahrscheinlich eine "erzieherische Maßnahme der Mutter" heißt es aus dem Zoo. Der WDC-Biologe David Pfender, der zwar ruppigen Umgang der Mütter mit ihren Jungen in der Natur kennt, hält das Verhalten trotzdem für anormal: "Keine Mutter würde ihr Kind so stark verletzten, dass es sterben könnte."

Auch Lori Marino, eine US-amerikanische Neurowissenschaftlerin und Expertin für Meeressäugetiere, hat Zweifel am Sinn der Delfinzucht in Zoos. "Dass eine Mutter aggressiv auf ihr Baby reagiert, ist in hohem Grade unnatürlich und tritt in der Natur so gut wie nie auf", sagt sie. Über 15 Jahre lang hat Marino Delfine in Gefangenschaft beobachtet. 2001 veröffentlichte sie eine Studie, die aufzeigt, dass Delfine sich im Spiegel selbst erkennen. "Mir ist klar geworden, dass diese hochintelligenten Geschöpfe kein unnatürliches und ungesundes Leben in einem Betonbecken führen sollten." Kurz nach der Studie beendete Marino ihre Arbeit mit Tieren in Gefangenschaft. "Die Tatsache, dass die Mutter im Nürnberger Zoo Valium bekommen hat, zeigt, dass sie mit der künstlichen Situation im Zoo oder ihrer Mutterschaft nicht zurechtgekommen ist. Weil sie selbst in Gefangenschaft geboren wurde, hat sie nie von älteren Weibchen gelernt, wie man ein Kind aufzieht, und erfährt jetzt auch – anders als in der Natur – keine Unterstützung von ihnen."

Der Streit um Delfinhaltung ist nicht nur ein politischer zwischen Zoo und Tierschützern, sondern auch ein stark emotionalisierter. Kaum ein anderes Tier weckt beim Menschen so starke Gefühle wie der Delfin. Klug, sozial und scheinbar immer lächelnd, symbolisiert er mit seinen Luftsprüngen Lebensfreude und Freiheit. Dieses Charisma wissen die Zoos für sich zu nutzen. Sie locken Besucher mit Kunststücken, die angeblich die Intelligenz der Tiere fördern.

"Die sich ständig wiederholenden Zirkustricks fordern die Tiere nicht heraus, sondern setzen sie unter chronischen Stress", sagt Lori Marino. "Es gibt keinen Beweis dafür, dass sie gerne Tricks für toten Fisch aufführen."

Nicht nur Bildung, auch Artenschutz ist Aufgabe der Zoos in Deutschland. Ginge es nach Tiergarten-Direktor Encke, würden deshalb in der Nürnberger Lagune auch nicht die in der Natur häufigen Großen Tümmler schwimmen, sondern bedrohte Delfinarten. Eine Erlaubnis dafür wird er nicht bekommen. Denn schon lange stehen Zoos für ihre Wildfänge in der Kritik. Die drei aus dem Meer stammenden Delfine in Nürnberg sind allerdings mindestens 27 Jahre alt. Ein Import der Tiere zu kommerziellen Zwecken ist in Europa verboten. Ob die Delfinshows Kommerz oder Bildung sind, genau darüber geraten Gegner und Befürworter aneinander. Die Wal- und Delfinschutzorganisation WDC wollte vor Gericht nicht nur Einsicht in die medizinischen Daten, sondern auch in das europäische Zuchtbuch erstreiten – scheiterte aber. Wie viele Kälber europaweit in misslungener Nachzucht verendeten und welche Tiere auch außerhalb Deutschlands aus Wildfängen stammen, ist und bleibt daher intransparent.

Unabhängig davon, ob Nami überlebt oder stirbt, will Zoodirektor Encke weiter an der Delfinzucht festhalten. Da müssten schon noch ein, zwei Junge mehr sterben, damit sie aufgeben würden, sagt er. Vor Namis Geburt hörte sich das noch anders an. Wenn die Lagune für Delfine nicht funktioniere, sagte er damals in einem Interview, müsse man eben andere Tiere dort schwimmen lassen. Haie etwa. Die machen keine Kunststücke. Und lächeln können sie auch nicht.

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