Wer in diesen Tagen Zeitung liest oder Fernsehen schaut, der muss sich sehr erschrecken: Menschen ermorden Menschen im Namen Gottes. Religiöse Fanatiker töten unschuldige Bürger nur deshalb, weil sie angeblich ungläubig sind. Oder weil sie an den "falschen Gott" glauben. In Paris wurden Juden umgebracht, nur weil sie Juden waren. Im Irak verfolgt eine Gruppe, die sich "Islamischer Staat" nennt, Andersgläubige mit unvorstellbarer Grausamkeit und richtet sie hin. Im christlichen Schweden wurden mehrere islamische Gotteshäuser in Brand gesetzt.

Seltsam. Wo doch die Juden, Christen und Muslime so gern von ihrem Friedensauftrag sprechen. Sie predigen einen barmherzigen Gott, der gütig ist und verzeiht. Einen Gott, der sagt: "Wenn Dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm auch noch die andere hin." Oder auch: "Wenn jemand einen Menschen tötet, so soll es sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet."

Warum liegen die Religionen im Streit? Weil sie so unterschiedlich sind?

Es stimmt, Judentum, Christentum und Islam sind unterschiedlich. Jede dieser Religionen hat ihre eigenen Gebräuche und Festtage. Und doch haben alle drei dieselbe Wurzel: den Glauben an den EINEN Gott. Dieser erschien vor Tausenden Jahren einem Mann namens Abraham, der für alle drei Religionen wichtig ist: Abraham ist der Urvater der Juden, er ist eine zentrale Person in der christlichen Bibel, und im Islam ist er ein Prophet. Deswegen nennt man Judentum, Christentum und Islam auch die drei abrahamitischen Religionen.

Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten. Allen drei Religionen ist das Leben heilig: "Du sollst nicht töten!" Und alle drei Religionen ächten die Gewalt – nur dann, wenn man angegriffen oder unterdrückt wird, dürfe man sich wehren. Der Gott der Juden, der der Christen und auch der der Muslime verherrlicht nicht die Macht und die Mächtigen. Er steht aufseiten der Opfer und der unschuldig Leidenden. "Liebe Deinen Nächsten" ist ein Leitspruch. Oder: "Was Ihr für einen der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan."

Wenn aber alle abrahamitischen Religionen den Frieden predigen – warum gibt es dann religiöse Gewalt? Etwa deshalb, weil jede Religion glaubt, sie sei im Besitz der Wahrheit? "Mein Gott gegen Deinen Gott"? Über diese Fragen streiten selbst Religionsforscher und Philosophen. Fest steht: Menschen, die nicht an einen Gott glauben, sind nicht friedlicher als Gläubige. Doch noch einmal: Wieso wird im Namen einer friedlichen Religion Gewalt verübt?

Die erste Antwort lautet: In jeder Religion gibt es Sätze, die schwer zu verstehen sind und sich missbrauchen lassen. Zum Beispiel Sätze, die von den Feinden des Glaubens handeln – Feinden, die man bekämpfen müsse. Gefährlich wird es, wenn solche Sätze von Politikern in kriegerischen Auseinandersetzungen benutzt werden. Dann peitschen sie den Hass auf. Dafür gibt es erschreckend viele Beispiele in der Geschichte. Im Jugoslawienkonflikt vor zwanzig Jahren verlangten Politiker, das Christentum müsse gegen den Islam verteidigt werden. Und ihre Gegner wollten umgekehrt den Islam gegen das Christentum verteidigen. Tatsächlich aber hatten Christen und Muslime in Südeuropa jahrzehntelang friedlich nebeneinander gelebt.

Doch nicht nur zwischen, auch innerhalb der Religionen kommt es zu Konflikten. Im Irak bekämpften sich Sunniten und Schiiten – zwei Glaubensrichtungen des Islams. Und in Europa haben sich, zuletzt in Irland, immer wieder Protestanten und Katholiken bekämpft und umgebracht.

Es gibt noch einen Grund, warum religiöse Menschen in einigen Ländern anfällig sind für Gewalt: Sie empfinden sich als Opfer. Als Menschen, denen Schlimmes geschieht, obwohl sie unschuldig sind. Das ist auf Dauer ein gefährliches Gefühl. Es verführt sie nämlich dazu, sich "in Gottes Namen" zu wehren, auch mit Gewalt. Wer sich als Opfer fühlt, glaubt, aufseiten Gottes zu stehen. Denn es ist doch Gott, der sich für die Opfer und die Unschuldigen einsetzt! Deshalb glauben diese Menschen, Gott selbst billige ihre mörderischen Taten.

Was folgt aus alldem? Gläubige müssen sich lautstark wehren, wenn ihre Religion missbraucht wird. Wenn mit der Religion Feindschaft geschürt werden soll oder noch schlimmer: wenn im Namen der Religion Gewalt ausgeübt wird.

Gewalt ist Gotteslästerung. Gläubige Menschen wissen das.

Einige Leute sagen, die Religionen müssten sich ganz neu erfinden. Vielleicht stimmt das Gegenteil. Vielleicht müssen sie nur noch einmal die alten Schriften lesen – jene erhabenen Stellen, die sagen: Gott ist Liebe und nicht Krieg. Gott ist Leben und nicht Tod.