Die Jacken sind wetterfest, die Schuhe Sumpf-resistent, die Gesichter empörungsbereit. Doch mit der Empörung will es nicht recht klappen. Das liegt vor allem an der Stadtführerin. Die Gäste hatten eine resolute Linke erwartet, Modell Gewerkschafterin. Schließlich geht es um die Stadt mit der – nach Genf – größten Rohstoffhändler-Dichte der Welt, um notorische Steuertrickser, Umweltsünder und Menschenrechtsverletzer. Stattdessen wartet am Treffpunkt eine Frau mit Lippen, die zu rot, und Haaren, die zu schwarz sind. Sie stellt sich als "Frölein Sandra Räppli" vor, beruflich "Mädchen für alles in einem Rohstoff-Handelsbetrieb". Dort, "an der Kaffeemaschine oder vor dem Kopierer", kriegt sie natürlich vieles mit, was in der Branche so läuft.

Schon in der Bahnhofunterführung beweist sie ihre Kompetenz: "Von hier aus überschwemmt die mobile Managerkaste mit Rollköfferli" im Rhythmus der einfahrenden Züge die Stadt. Größter Andrang herrscht am Dienstag und Mittwoch. Diese Tage haben sich für wichtige Verhandlungen ebenso etabliert wie das Wochenende für den Gottesdienst. "Dann kriegt man in ganz Zug kein Bett mehr", sagt Frölein Räppli. Und möchte gleich klarstellen: nicht, dass diese Ausländer stören! Sie verschwinden nämlich sofort hinter den "saubersten Glasfassaden der Schweiz" und leben in ihrer eigenen Welt, "damit sie sich nicht unseren Sitten und Gebräuche anpassen müssen".

Die Gruppe ist beruhigt: Stoßrichtung und Grundierung der Stadtführung stimmen. Vor dem Café Pier 41 reißt Sandra Räppli, zackig unterwegs, den ersten Stopp. Ihre Hand weist zu einer Luke im ersten Stock. Durch dieses Toilettenfenster, das einst zur Kantine des amerikanischen Rohstoffhändlers Marc Rich gehörte, floh der medienscheue Firmenboss vor einem Journalisten der Washington Post. Dazu hatte er allen Grund. Auf den einstigen Übervater der Branche ("Er weilt ja nicht mehr unter uns") warteten in den USA 325 Jahre Gefängnis wegen Wirtschaftsverbrechen. Um die kriminelle Vergangenheit der Firma zu verwedeln, taufte sie der heutige Konzernboss Ivan Glasenberg in Glencore um. Beim Börsengang 2011 habe er seinen Topmanagern "23 Milliarden Dollar hinters Poschettli stecken" können, freut sich Sandra.

"Achtung!", warnt sie vor einem Rotlicht. "Selbst auf dem Fußgängerstreifen ist in Zug die Chance, von einem Ferrari überfahren zu werden, größer als in jeder andern Schweizer Stadt!" Die Gruppe, zum festen Widerstand gegen jeglichen Ferrari entschlossen, entert den Übergang in geschlossener Formation.

Zweiter Stopp vor dem Herren-Globus, mitten in der Altstadt. Die Fassade des Bürobaus ist nichtssagend; dahinter vermutet man unbedeutende Treuhandgesellschaften und Dentallaboratorien. Falsch, sagt Sandra Räppli. Hier hauste bis zu seiner Zwangsheirat mit Glencore der viertgrößte Bergbaukonzern der Welt, Xstrata. Wie alle Rohstofffirmen benötigte er kaum Platz: Zwölf Angestellte auf einer Etage reichten völlig aus, um einen jährlichen Gewinn von 7.700 Millionen Dollar zu erwirtschaften.

"Die Menschen brünzelten Uran statt Urin", erzählt die Stadtführerin

Es ist dieser bescheidene Platzanspruch, der den Rohstoffhandel zum maßgeschneiderten Geschäft für eine kleine Stadt wie Zug und ein kleines Land wie die Schweiz macht. Dazu kommt: Das Gewerbe ist CO₂-neutral. Es schmutzt nicht. Die gehandelten Waren – Öl, Mineralien, Agrarprodukte – rollen nicht in Tanks durch unser Land. Sie erscheinen nur in Form von Zahlen auf dem Bildschirm. Dreck und Umweltgifte bleiben in den Förderländern. Gut, hin und wieder gibt’s Zwischenfälle. So reiste ein Indianer aus Peru nach Zug und demonstrierte vor dem Xstrata-Hauptsitz. "Die Menschen rund um die Kupfermine brünzelten Uran statt Urin", erklärt Sandra. Verhaftet wurde der Indianer freilich erst nach der Rückkehr in sein Heimatland.

Selbst für Europäer gefährlich ist dagegen das Haus an der Industriestraße 18. Von hier aus kontrolliert die Nord Stream AG, eine Gazprom-Tochter, die Temperatur in den Gasleitungen aus Russland. Sie könnte auch, so Putin will, den Hahn ganz zudrehen und damit halb Europa das Schlottern lehren. "Zudem sorgt die Gazprom mit ihrem Bastelwerk aus alten Bohrtürmen für mehr Unfälle auf der Welt als jede andere Firma", sagt Sandra. Das brachte der Firma 2014 den Schweizer Schandpreis Public Eye Award als skrupellosester Betrieb des Jahres ein. "Da sind ganz illustre Leute am Ruder", schwärmt Sandra ehrfürchtig im Märchenerzählerinnen-Ton. "Ein Exspion und der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder."