ZEIT: Sie sind ein Autor, der sich ungewöhnlich gut in seine Figuren einfühlen kann. Können Sie sich in die Brüder Kouachi hineinversetzen?

Houellebecq: Ja, ich könnte ein Buch über sie schreiben. Zumindest würde ich besser über sie schreiben als die Journalisten, die sie zu Dämonen erklären. Es sind keine Dämonen. Es sind Kämpfer, die ein sehr klares Ziel verfolgen. Ich glaube, es ist möglich, in einem Roman einen überzeugenden Dschihadisten zu beschreiben. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Identitären in Europa demnächst zu gewalttätigen Aktionen übergehen.

ZEIT: Sie rechnen mit einer weiteren Radikalisierung in Frankreich?

Houellebecq: Auf jeden Fall. Solche Leute wie Anders Breivik kann es auch in Frankreich geben. Aber für den Krieg braucht man immer zwei. Man braucht Leute wie Breivik oder paramilitärische Kräfte auf der einen Seite und Staaten, in denen es keine starke Rechte mehr gibt, auf der anderen. Jetzt hat das Attentat einen koscheren Supermarkt getroffen, aber morgen könnte es auch ein muslimisches Geschäft sein.

ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass es in Europa wieder bürgerkriegsähnliche Verhältnisse gibt?

Houellebecq: Zum einen gibt es den Palästina-Konflikt, das ist eine Art Abszess, der dauernden Hass schürt. Jedes Mal, wenn sich dieser Konflikt verschärft, spürt man das in Frankreich sofort. Außerdem fällt es den Muslimen sehr viel schwerer als den Katholiken, sich an eine laizistische Gesellschaft anzupassen. Für sie ist ein Atheist im Grunde eine Unmöglichkeit. Sie leben hier in einer Welt, deren Lebensstil sie abstoßend finden und die ihre Werte bedroht.

ZEIT: In Unterwerfung ist mehrmals davon die Rede, dass Europa selbst an seinem Untergang schuld sei.

Houellebecq: Wer sagt das? Ich erinnere mich nicht mehr.

ZEIT: Zum Beispiel Rediger, der zum Islam übergetretene Präsident der Sorbonne.

Houellebecq: Ach ja, ich glaube aber nicht, dass er recht hat. Es stimmt nicht, dass der Katholizismus keine Chance mehr hat. Frankreich geht auch nicht unter. Nicht einmal in meinem Roman geht es wirklich unter, es verwandelt sich ...

ZEIT: ... in einen islamischen Staat.

Houellebecq: Ja, aber die jüdischen und katholischen Schulen ziehen sich ganz gut aus der Affäre. Wenn der Palästina-Konflikt erst einmal gelöst ist, werden sich die drei großen Religionen arrangieren. Die Einzigen, die wirklich Probleme bekommen, sind die laizistischen Schulen der französischen Republik.

ZEIT: Sie prophezeien also nicht den baldigen Untergang des Abendlandes à la Oswald Spengler?

Houellebecq: Es gibt das Abendland ja nicht erst seit 1789. Es ist auch älter als das Zeitalter der Aufklärung. Wenn in meinem Roman Errungenschaften der Aufklärung wie die Emanzipation des Menschen oder die individuelle Freiheit rückgängig gemacht werden, ist das Abendland noch lange nicht verloren.

ZEIT: Es macht Ihnen sichtlich Vergnügen, mit der gesamten Moderne aufzuräumen.

Houellebecq: Es tut mir leid, wenn ich hier etwas pedantisch werde. Aber diese Idee hatte vor mir schon Auguste Comte. Er hat vorausgesagt, dass das Zeitalter der Revolution und der Aufklärung von einem neuen religiösen Zeitalter abgelöst werden wird. Diesem Gedanken habe ich schon immer zugestimmt. Eine Gesellschaft ohne Religion ist nicht überlebensfähig. Der Laizismus, der Rationalismus und die Aufklärung, deren Grundprinzip die Abkehr vom Glauben ist, haben keine Zukunft. Sie finden in vielen meiner Romane Entwürfe einer neuen Religion.

ZEIT: Gefällt Ihnen der Antimodernismus des Islams auch persönlich?

Houellebecq: Oui ... bof ... hmmm ... ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich stärker ist als der Antimodernismus des Katholizismus.

ZEIT: Und beide sagen Ihnen gleichermaßen zu?

Houellebecq: Der Sorbonne-Präsident Rediger im Roman interessiert mich. Er will zunächst zum Katholizismus konvertieren, bekennt sich aber schließlich zum Islam.

ZEIT: Wo ist das Problem mit dem Katholizismus?

Houellebecq: Gute Frage. Es ist vielleicht zu kompliziert mit dem Katholizismus, es gibt die Jungfrau Maria, Jesus Christus ...

ZEIT: ... einfach zu viel unübersichtliches Personal?

Houellebecq: So ungefähr. Im Islam gibt es den Schöpfer, und Schluss.

ZEIT: Und die Unterwerfung unter den Schöpfer ist das höchste Glück?

Houellebecq: Genau.

ZEIT: Sie warnen Ihre Leser keineswegs vor der Unterwerfung unter den Islam. Im Gegenteil.

Houellebecq: Was ich denke, ist ganz unwichtig.