ZEIT: Was wird aus Frankreich in zehn Jahren?

Houellebecq: Das ist noch nicht klar. Frankreich ist ein Spezialfall in Europa. Es ist ziemlich depressiv, hat aber eine gute Demografie. Das mag ein Widerspruch sein, zeugt aber von einem gewissen Überlebenswillen.

ZEIT: Ist Frankreich depressiver als andere Länder?

Houellebecq: Ja, vor allem verachtet es seine Politiker, wie das in keinem anderen europäischen Land der Fall ist. Und das ist berechtigt. Marine Le Pen profitiert davon. Davor kann man Angst haben.

ZEIT: Sind Sie wirklich gegen den Front National?

Houellebecq: Er ist mir ziemlich gleichgültig. Er kehrt alle Unzufriedenheiten zusammen, egal, welche. Jetzt kümmern sie sich plötzlich um die Bedrohung durch den Islamismus. Das ist völlig neu.

ZEIT: Woher kommt die Verachtung für die Politik in Frankreich?

Houellebecq: Die Franzosen nehmen die Politiker nicht ernst. Als Hitler an die Macht kam, sagten sie, ach, lasst ihn reden, der wird sich schnell beruhigen. Die Franzosen sind für einen Deutschen nicht leicht zu verstehen. Sie haben noch nie an Europa geglaubt. Es interessiert sie nicht einmal.

ZEIT: Aber sie interessieren sich für die Wiedergeburt des lateinischen Imperiums. In Ihrem Roman verfolgt der islamische Präsident Ben Abbes dieses geopolitische Projekt, indem er die arabischen Mittelmeerländer in die Europäische Union holt. Die Mittelmeer-Union, von der auch Sarkozy begeistert war, ist eine alte imperiale französische Idee.

Houellebecq: Sie gefällt den Franzosen wirklich, sie müssten nicht mehr Englisch sprechen, was sie verabscheuen.

ZEIT: Was spricht gegen die Brüsseler Europa-Idee?

Houellebecq: Sie hat kein klares Konzept. Das heißt, den Deutschen ist es vielleicht klar, aber den Franzosen nicht. Die wissen nicht einmal, welche Länder eigentlich dazugehören. Sie wissen nicht, was sie vom Euro haben.

ZEIT: Deutschland ist in Frankreich nicht gerade beliebt?

Houellebecq: Ich kann Sie beruhigen. Es gibt keine ausgeprägte antideutsche Stimmung in Frankreich, man kann in Frankreich noch Urlaub machen. Aber die Franzosen glauben, dass die Deutschen alles besser machen als sie selbst. Sie haben einen wunderbaren öffentlichen Dialog, sie haben keine Arbeitslosigkeit, sie bauen bessere Autos und spielen besser Fußball als wir.

ZEIT: Wie gefällt Ihnen Deutschland?

Houellebecq: Ich weiß nicht. Es gibt große Unterschiede: die Geburtenrate, das europäische Gefühl, das Fehlen eines Front National, Pegida scheint mir nichts dagegen. Das ist schon viel.

ZEIT: In Deutschland nennt man Sie inzwischen den neuen Sartre. Wie finden Sie das?

Houellebecq: Ich halte Sartre für keinen guten Schriftsteller.

ZEIT: Er war am Nerv der Zeit, der Autor seiner Epoche.

Houellebecq: Das Kompliment nehme ich an. Aber anders als Sartre sage ich niemandem, was er machen soll.