Mit der Sicherung ihrer Dokumente hielten sich die Philosophen im alten Rom nicht lange auf. Ihre Gedanken schrieben sie auf Papyrus, die Schriftrolle kam dann in die Bibliothek – ohne Sicherungskopie. Dieser Umstand wurde der Sammlung des römischen Staatsmanns Calpurnius Piso Caesonius – der hatte in seiner Villa in Herkulaneum eine beachtliche Bibliothek eingerichtet – zum Verhängnis.

Im Jahr 79 nach Christus formatierte der Vesuv seine komplette Datensammlung auf besondere Weise. Beim Ausbruch des Vulkans verschmolz 320 Grad Celsius heißes Gas die Schriftrollen zu einer beinahe homogenen Masse, zusätzlich wurden sie von Lava bedeckt. Wie Bratwürste, die zu lange auf dem Grill gelegen haben, sahen einige Exemplare aus, als sie 1752 bei Ausgrabungen entdeckt wurden.

Einer Gruppe von Forschern ist es nun trotzdem gelungen, in den Dokumenten zu lesen. Mithilfe einer Methode namens Phasenkontrast-Röntgen-Computertomografie haben sie Teile der Schriften entziffert – ohne sie auszurollen. Erste Buchstaben lassen sich auf den Röntgenbildern erahnen: "APN" und "HEY", schemenhaft daneben "KI".

Schon länger hatten Forscher die Papyri mit Röntgenstrahlen bearbeitet. Bloß besitzen Tinte und diese Papyri die gleiche Dichte. Der Grund: Die Schreibflüssigkeit basiert auf Kohle, und der Untergrund ist verkohlt. Zudem absorbieren beide Stoffe die Strahlen gleich stark. Daran lag es, dass konventionelle Röntgengeräte und Computertomografen bislang scheiterten. Die Wissenschaftler machten sich eine Besonderheit zunutze: Im Gegensatz zu modernem Papier saugt Papyrus die Tinte nicht auf – weshalb die Buchstaben mindestens hundert Mikrometer hervorstehen. Dies führt zu Unterschieden im Brechungsindex, welche die besagte Phasenkontrast-Röntgen-Computertomografie sichtbar macht.

Die Forscher hoffen nun, mit der neuen Methode weitere Teile der Schriftrollen Stück für Stück entziffern zu können und so einen neuen Einblick in die griechisch-römische Kultur zu gewinnen. Denn die Bibliothek von Herkulaneum gilt als die einzige, die die Jahrtausende mitsamt ihrem Inhalt überdauerte. Der Vesuv hat die Datensammlung unter der Schutzschicht aus Vulkangestein konserviert – eine Art antiker Datensicherung, im Boden statt in der Cloud.

Nicht alle Schriften sind gleich gut erhalten. Anfangs hatten Wissenschaftler versucht, die Papyri auszurollen, später zerlegten sie einige Schriften in kleine Stücke, um sie flach wieder zusammenzusetzen. Ein Großteil des Schatzes wurde auf diese Weise zerstört, bis ein umfassendes Ausroll- und Zerpflückverbot ausgesprochen wurde. Schließlich kam die neue Technik zum Einsatz. Manchmal dauert es eben ein paar Jahrhunderte, bis Datenretter das richtige Instrument zur Hand haben.