Es sind Bilder aus einem Krisengebiet: Menschen stehen in langen Schlangen vor den Bankomaten und wollen ihr Geld abheben. So lange, bis die Bestände erschöpft sind. Das Onlinebanking der großen Geldhäuser bricht unter dem virtuellen Ansturm zusammen. Großbanken unterbrechen den Devisenhandel. Und die Bahn hängt zusätzliche Waggons an ihre Lokomotiven, um die Wirtschaftsflüchtlinge ins Konsumparadies jenseits der Grenze zu kutschieren.

Doch wir sind nicht im gebeutelten Griechenland oder im bankrotten Argentinien der Nullerjahre. Die Szenen spielen in der Schweiz. Das Land erlebt seine Chaostage.

Am vergangenen Donnerstag, dem 15. Januar 2015 um 10.30 Uhr, verlässt ein dürres Communiqué die Schweizerische Nationalbank (SNB): Der seit Herbst 2011 geltende Mindestkurs des Franken zum Euro gilt nicht mehr. Per sofort!

Kurzzeitig notiert ein Euro bei gerade noch 85 Rappen. Auch der Dollar fällt. Auf noch etwas über 70 Rappen. Der Swiss Market Index verliert 13,7 Prozent. Die im Index gelisteten Firmen büßen zwischenzeitlich 140 Milliarden Franken an Wert ein. Am Freitagabend schließt die Schweizer Börse mit dem größten Wochenverlust seit der Krise im Oktober 2008.

Normalerweise fallen Währung und Aktienkurse im Gleichschritt. Dass die Währung im zweistelligen Prozentbereich gegenüber anderen Währungen zulegt und gleichzeitig die Börse um über zehn Prozent sinkt, ist präzedenzlos, wird der Economist später analysieren.

Noch dominiert der Schock. Experten und Politiker widersprechen sich öffentlich diametral, eine Kakofonie von Meinungen überschwemmt die Onlineportale. Swatch-Chef Nick Hayek spricht von einem "Tsunami" der über das Land hinwegfegt. Die Aktie seiner Firma verliert 16 Prozent. SVP-Nationalrat und Exportunternehmer Hansruedi Wandfluh klagt, er habe bereits zwei Aufträge verloren. Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid appelliert an seine Landsleute: "Schweizer, macht Ferien in der Schweiz!" Die Hotels, Bergbahnen und Restaurants wurden auf einen Schlag um 20 Prozent teurer.

Und es ist noch nicht einmal Mittag an diesem historischen Donnerstag. Da warnen Linke und Gewerkschaften bereits vor Arbeitsplatzverlusten und schrumpfenden Löhnen. SP-Ständerat Roberto Zanetti spricht von einem "schwarzen Tag für den Werkplatz Schweiz", Parteikollegin und Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer nennt die Aufgabe des Mindestkurses "brandgefährlich".

Die neuen Rechten in der SVP begrüßen dagegen den Entscheid. "Das ist ein sehr mutiger Schritt der SNB", sagt Nationalrat und Banker Thomas Matter. Sein Parteikollege aus Zug, Thomas Aeschi, doppelt nach: Er sieht den Schritt als Bekenntnis zu einer eigenständigen Währung. Die Unabhängigkeit der Nationalbank, sie ist in den Augen der rechtskonservativen Politiker endlich wiederhergestellt.

13.15 Uhr. Für einen Euro bezahlt man in der Zwischenzeit einen Franken. SNB-Präsident Thomas Jordan tritt vor die versammelte Wirtschaftspresse. Alle hoffen auf Erklärungen. Doch Jordan sagt kaum mehr, als bereits im Pressecommuniqué steht: "Die Unterschiede in der geldpolitischen Ausrichtung der bedeutenden Währungsräume haben sich in letzter Zeit markant verstärkt und dürften sich noch weiter akzentuieren." Vor diesem Hintergrund sei die Nationalbank zum Schluss gekommen, "dass die Durchsetzung und die Aufrechterhaltung des Euro-Franken-Mindestkurses nicht mehr gerechtfertigt" sei. Und die Reaktionen auf den Finanzmärkten? "Sie überschießen", die Kurse würden sich aber wieder einpendeln.

Kaum tritt Jordan aus dem Scheinwerferlicht, wird sein Auftritt sogleich bewertet. Der SRF-Korrespondent findet, der SNB-Präsident sei in die "Verteidigungsrolle" gerutscht. Verschiedene Analysten vermuten, die SNB habe den Mindestkurs aufgehoben, weil alle erwarten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) damit beginnt, Staatsanleihen von Euro-Ländern zu kaufen. Das würde den Druck auf den Schweizer Franken als Fluchtwährung weiter erhöhen. Irritiert sind die Beobachter davon, dass Jordan sagt, die SNB könne auch weiterhin am Markt intervenieren. Wie soll die Nationalbank dies anstellen, wenn sie gerade ihr früher geltendes Bekenntnis zu unbeschränkter Intervention aufgegeben hat? Die Handelszeitung titelt online: Glaubwürdigkeit der SNB steht auf dem Spiel.

Kurz vor 15 Uhr im Interregio nach Zürich. "Häsch ghört wägem Mindestkurs?", spricht eine Frau ins Telefon. "Nüt ghört? Nüt ghört wägem Euro?" Sie blickt aus dem Fenster, der Zug rauscht, als ob nichts wäre, durch das hochneblige Limmattal, vorbei an unspektakulären Siedlungen und durch den Bahnhof Killwangen-Spreitenbach. Die Frau trägt Schwarz und berichtet mit Dramatik in der Stimme, was offenbar die Person am anderen Ende noch nicht erfahren hat: "D’ Nationalbank hät de Mindestkurs ufghobe. Und sofort isch de Euro s’ Loch ab. Jetz choschtet en Euro weniger als en Franke. Krass, oder?"