Die globale Geldelite wird immer reicher. Schon in zwei Jahren wird das wohlhabendste eine Prozent der Weltbevölkerung mehr Vermögen besitzen als die übrigen 99. Das prognostiziert die Hilfsorganisation Oxfam in einem Bericht, den sie Anfang der Woche veröffentlicht hat. Schon heute, heißt es darin, besäßen die 80 reichsten Menschen des Planeten so viel wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. 80 Leute haben also so viel wie 3,5 Milliarden Menschen.

Diese Ungleichheit ist unvorstellbar. Sie erscheint geradezu surreal. Obszön.

Dass die zugrunde liegenden Daten unscharf sind – es handelt sich um eine Reichenliste des US-Magazins Forbes und um eine Vermögenserhebung der Bank Credit Suisse –, ändert wenig an der generellen Aussage. Sehr viel Reichtum konzentriert sich offenbar in sehr wenigen Händen.

Doch es ist einfacher, diese Ungleichheit aufzuzeigen und sich zu empören, als einen Weg zu finden, diese Kluft zu schließen. Schon bei der Frage nach den Ursachen wird es schwierig.

Die Politik der Deregulierung sei schuld, die einst US-Präsident Ronald Reagan begonnen habe, so lautete es Anfang der Woche auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung. Globalisierungskritiker machen die ungehemmte Vernetzung der Märkte verantwortlich. Und wieder andere sehen in den Zahlen den endgültigen Beleg dafür, dass der französische Ökonom Thomas Piketty recht hat: Der Kapitalismus macht eben die Reichen automatisch immer reicher.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Wer die von Oxfam zusammengesuchten Zahlen genau anschaut, stellt fest: Die Vermögen sind heute genauso konzentriert wie vor eineinhalb Jahrzehnten. Seit dem Jahr 2000 hat sich unterm Strich überhaupt nichts verändert – obwohl Deregulierung, Globalisierung und der Kapitalismus mit allen ihren Kräften in dieser Zeit heftig gewirkt haben dürften. Kurzum: Es gibt keinen klaren Trend zu einer immer schlimmeren Spaltung. Aber sie existiert.

Die Ultrareichen sind drei Dutzend US-Milliardäre, etwa Bill Gates, Warren Buffett und Mark Zuckerberg, einige Europäer gehören dazu und etliche russische und chinesische Mogule sowie saudische Prinzen. Die Ultraarmen sind namenlose Millionen, die vor allem in Südasien und in Afrika leben, insbesondere südlich der Sahara. Wer also die extreme Vermögenskonzentration verringern will, müsste wohl die Amerikaner dazu bringen, dass sie ihren erfolgreichsten Unternehmern mehr abknöpfen (obwohl Gates, Buffett, Zuckerberg und viele andere Milliardäre sich verpflichtet haben, den Großteil ihrer Vermögen zu spenden), und er müsste in die russische, chinesische und saudische Innenpolitik eingreifen – schwer vorstellbar.

Bei der Armutsbekämpfung wiederum gilt ausgerechnet China als ein geradezu vorbildliches Land. Es kann laut Weltbank die größten Erfolge gegen die extreme Not vorweisen. In kaum einem anderen Land sind in den vergangenen Jahrzehnten mehr Menschen der Armut entflohen als im staatskapitalistischen China. Offenbar geht der zunehmende Reichtum einiger weniger also nicht zwangsläufig auf Kosten der vielen Armen.

Viele afrikanische Staaten, in denen die Armut grassiert, leiden schließlich unter Bürgerkriegen, Korruption und instabilen politischen Systemen. Nur wenn sich daran etwas ändert, können ihre Bürger auf etwas Wohlstand hoffen.

Das alles zeigt: Weder gibt es eine simple Erklärung noch eine simple Lösung für die krasse, erschütternde Ungleichheit, auf die Oxfam zu Recht hinweist. Das ist keine Rechtfertigung, untätig zu bleiben. Nötig ist tatsächlich eine globale Anstrengung. Vor 15 Jahren beschloss die Weltgemeinschaft, die extreme Armut zu halbieren, die Versorgung mit Trinkwasser zu verbessern und Jungen und Mädchen den Besuch einer Schule zu ermöglichen. Einige dieser und weiterer Millenniumsziele der Vereinten Nationen wurden bereits lange vor der selbst gesetzten Frist – dem Jahr 2015 – erreicht. Dazu gehört übrigens auch die Halbierung der extremen Armut. Doch die immer noch krassen Gegensätze in der Welt verlangen danach, ein anspruchsvolles neues Programm zu starten – am besten noch in diesem Jahr.