Ist das irre?! Es ist Januar, gegen Mitternacht, mitten in Hamburg. Man tappt durch die Finsternis heim, man will vor dem Schlafen noch ein letztes Mal aus dem Fenster husten. Man tritt, weil es mal nicht regnet, ungläubig auf den Balkon.

Und dann hört man den Gesang. Manchmal ist es nur ein einzelner Vogel, manchmal ist es ein Ensemble. Sie singen, als ob schon Paarungszeit sei oder bald Sommer, laut, fröhlich, aus Leibeskräften, stundenlang. Aber es ist Winter, auch beim zweiten Blick auf den Kalender. Es ist grau, alle kaufen Schokolade. Selbst Therapeuten gehen zum Therapeuten.

Macht das triste Wetter jetzt auch die Vögel verrückt? Wollen sie uns ärgern, indem sie so tun, als ob längst Frühling sei?

Oder sind massenhaft Nachtigallen zu früh aus Afrika zurückgekehrt, um klarzustellen: Klimawandel, ja, den gibt es.

Es sind nicht die Nachtigallen, es sind die Rotkehlchen. Vielleicht noch ein paar Amseln und Drosseln. Stadtvögel, sagt Jesko Partecke, Ornithologe am Max-Planck-Institut, seien heutzutage ganz anders unterwegs als ihre Vettern vom Lande.Sie sind taffer. Aggressiver. Sexuell aktiver.

Sie machen die Nacht zum Tag.

In Hamburg, beobachtete Marco Sommerfeld, Ornithologe beim Nabu, "singen die Vögel häufig in der Nähe von S-Bahn-Stationen". Nicht weil sie auf jemanden warten, das helle Kunstlicht aktiviert die Tiere.

Manchmal ist es auch der Lärm. Dort, wo es tags besonders laut ist, stellten britische Wissenschaftler fest, verlegen Rotkehlchenmännchen ihre Sangesstunden in die Nacht, um besser gehört zu werden – wenn nicht von schlafenden Weibchen, so zumindest von schlaflosen Menschen. Ob es ohne die Vogelfrauen auf Dauer mit der Fortpflanzung klappt, ist allerdings fraglich.

Dennoch: Normalerweise werden selbst die unermüdlichsten Partymacher unter den heimischen Vögeln erst später im Jahr aktiv. Ach, sagen Sie nun, der Januar ist auch nicht mehr das, was er mal war.

Stimmt natürlich. Aber vor allem sind dort, wo die singenden Rotkehlchen herkommen, Temperaturen von etwas über null Grad wie gerade schon reichlich frühlingshaft: Die meisten der jubilierenden Tiere, sagt Ornithologe Sommerfeld, stammten nämlich aus dem kalten Skandinavien – und verbrächten im warmen Süden, also in Hamburg (!), gewissermaßen ihren Winterurlaub. Während die Hamburger Rotkehlchen ihren Urlaub ebenfalls im Süden verbringen. Am warmen Mittelmeer nämlich. In der Sonne.

Oh doch, es stimmt. Die Vögel, sie wollen uns ärgern.