Berlin muss ziemlich leer gewesen sein. Vergangene Woche war das halbe Kabinett beim World Economic Forum in Davos. Verteidigung und Verkehr, Gesundheit und Finanzen, Kanzlerin und Vizekanzler. Man hätte denken können, die Deutschen seien die Lieblinge des globalen Wirtschaftstreffens.

Tatsächlich aber wurden sie dort schärfer kritisiert als Russland oder der Iran. Der Grund ist nicht etwa eine Landnahme oder ein Atomwaffenprogramm. Der Grund ist nur die deutsche Euro-Politik. Berlin besteht auf mühseligen Spar- und Reformmaßnahmen der in der Währungsunion vereinigten Staaten. Die Welt aber, angeführt von der seltenen Koalition aus südeuropäischen Politikern sowie amerikanischen Ökonomen und Finanzleuten, ist es leid. Sie will den großen Wurf, das große Geld, die große Geste.

Ein Frontmann der Bewegung ist Larry Summers. Er war Finanzminister der USA und Präsident der Universität Harvard. Er ist ein viel beachteter Wirtschaftsprofessor und ein hoch bezahlter Redner. Seine Worte haben Gewicht, und man merkt es sehr schnell, wenn der Mann mit dem Riesen-IQ etwas für idiotisch hält. Sein langer Körper drückt eine Mischung aus Abwehr und Langeweile aus. Seine dunkle, raue Stimme wird noch dunkler und noch rauer. Erst versucht er seine Haltung in milde Worte zu kleiden, doch am Ende drücken auch sie nur noch eines aus: Verachtung für so viel Dummheit.

So war es auch in Davos. Egal, ob er auf einem Podium den lettischen EU-Kommissar Valdis Dombrovskis herunterputzte oder in einer Diskussion fürs Fernsehen der französischen Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde die Meinung geigte – stets galt seine beißende Kritik eigentlich den engstirnigen Deutschen und ihrer Austeritätspolitik.

Die Botschaft: Unter Führung der uneinsichtigen Berliner Regierung quält sich Europa unnötig lange durch die Krise. Die Deutschen kapieren nicht, dass die Staaten sich noch viel mehr verschulden müssen als jetzt schon, um dem Dauerstillstand zu entkommen. Den Hinweis, dass viele Euro-Länder schon bis zum Anschlag verschuldet sind, wischte Summers ungeduldig beiseite. Vielleicht hätten einzelne Länder die Grenze erreicht, aber Europa als Ganzes noch lange nicht. Mit anderen Worten: Angela Merkel soll endlich ihren kindischen Widerstand gegen Eurobonds, also gemeinsame Anleihen der Euro-Staaten, aufgeben.

Die deutsche Kanzlerin war schon mehrfach der Star von Davos, doch diesmal war ihre Rede verhalten, der Applaus spärlich. Danach sprach der Forumschef Klaus Schwab sie in gewundenen Worten auf ihre angebliche Führungsschwäche an, und ihre irritierte Nachfrage verriet, was sie von dem Pauschalangriff hielt. Gemessen an Wolfgang Schäuble hatte sie noch Glück. Dem wurden nämlich vom Hedgefonds-Milliardär George Soros auf einem Podium die Leviten gelesen. Soros erklärte kurzerhand die deutsche Infrastruktur zum Sanierungsfall. Als Beleg hatte er lediglich einen nicht näher benannten Hafen zu bieten, der selbst ja ganz anständig sei, aber die Straße dorthin sei voller "potholes" – Schlaglöcher.

Der deutsche Finanzminister hatte ruhig zugehört, als der italienische Notenbankchef seine Genugtuung darüber ausdrückte, dass sein Landsmann Mario Draghi Europa mit Geld flutet – wohl wissend, dass Schäuble die Aktion ablehnt. Der deutsche Minister hatte es auch ertragen, dass der britische Moderator ihn wiederholt als letzten Verweigerer moderner Geld- und Fiskalpolitik brandmarken wollte. Doch als Soros dann insinuierte, Schäuble spare die Bundesrepublik kaputt, biss der Attackierte zurück. Der Mann neben ihm sei eben ein großer Experte in deutscher Wirtschafts- und Finanzpolitik, spottete er auf Englisch. Doch die Ironie half ihm nichts, vereinzelter Applaus im Saal zeigte, wie einsam es um die Position seiner Regierung geworden ist.

Der Diskurs um die Zukunft Europas entgleist gerade. Wie weit der Norden und der Süden auseinanderliegen, machte Schäuble klar, als er stolz erklärte, sein Land wolle als sparsames Land die Euro-Verträge einhalten – und deshalb die Gesamtschulden des Staates wieder auf den vorgeschriebenen Anteil von 60 Prozent an der Wirtschaftsleistung reduzieren. Dagegen haben zum Beispiel die Italiener mehr als doppelt so viel Schulden. Dennoch wollen sie große Investitionsprogramme auflegen. Diese Haltung erzürnt dann wieder deutsche Kommentatoren, die ihrerseits Öl ins Feuer der Debatte gießen. So schimpfte die Frankfurter Allgemeine Zeitung Ende vergangener Woche auf den "zynischen Pragmatismus italienischer Tagespolitik", der den deutschen Glauben an Verträge zerstöre. Südlich der Alpen interessiere sich eben niemand für die Sorgen deutscher Sparer.

Die Deutschen verdächtigen die Krisenländer, dass sie sich beim Reformieren ihrer Wirtschaft nicht anstrengen wollen. Und die Krisenländer werfen den Deutschen vor, dass sie aus Angst, sie müssten etwas bezahlen, Europa drangsalieren. Beides trifft zu, doch bisher war dazwischen Platz für eine Politik der schrittweisen Kompromisse. Jetzt aber, das zeigte Davos, sieht die große Koalition des leichten Geldes die Gelegenheit gekommen, den deutschen Widerstand zu brechen.

Dahinter stehen handfeste Motive: Politiker, die sparen, werden leicht abgewählt. Und Ökonomen, die der Wall Street nahestehen, wollen, dass sich das Rad des Finanzkapitalismus schnell weiterdreht. Aber dahinter stehen auch Argumente, und die Frage ist: Sind sie wirklich so überlegen, wie die Gegner der angeblichen deutschen "Austerität" gerade tun? Oder anders gesagt: Was muss man alles glauben, damit man sich so wie Larry Summers wünscht, die Zentralbank solle möglichst viel zusätzliches Geld drucken, und Europa solle sich für ein gigantisches Investitionsprogramm in neue Schulden stürzen?

Der US-Ökonom glaubt, dass die westliche Wirtschaft dauerhaft stagniert, wenn der Staat nicht mit allem, was er hat, nachhilft. Die Unternehmen investieren demnach nicht, die Verbraucher sind bescheiden, keiner will etwas riskieren. Weitere Jobs könnten ja verloren gehen, die Preise könnten sinken. In einer solchen Welt würde es nur schaden, wenn Staaten sparten, und es hülfe kaum, wenn ihre Reformer die Arbeitsmärkte flexibilisierten.

Aber die deutsche Erfahrung ist eine ganz andere. Sparsamkeit und Reformen haben das Land aus dem wirtschaftlichen Stillstand vor zehn Jahren befreit und zu einer Rekordbeschäftigung geführt. Mag sein, meinte Summers, aber Berlin unterliege dem Trugschluss der Verallgemeinerung: Deutschland allein konnte sich gesundsparen, weil andere Volkswirtschaften seinen Exporteuren die Waren abnahmen. Doch wehe, das würde zum Modell für alle in Europa. Dann investiere gar niemand mehr, die Nachfrage fehle, und alles stagniere.

Bloß erleben auch andere Länder, die unter dem Druck Europas reformiert und gespart haben, gerade einen ersten Aufschwung. Die reformfreudige irische Volkswirtschaft, die besonders tief in der Finanzkrise steckte, wächst, und die Ratingagenturen stufen die Bonität des Insellandes herauf. Die Spanier widerlegen pauschale Urteile über Mittelmeerländer. Jahrelang haben sie trotz wachsender Proteste ihr Land reformiert und soziale Entbehrungen ertragen – und erwarten jetzt ein höheres Wachstum als die Bundesrepublik.

Ja, sagt Summers, aber ein, zwei Wachstumsjahre zählten nicht viel angesichts des Einbruchs zuvor. Der Wohlstand nehme auf lange Sicht nicht zu, wenn man dem deutschen Diktat folge.

Tatsächlich währt der deutsche Aufschwung schon lange, und das Wachstum könnte sich auch in Spanien oder Irland, in Portugal oder Griechenland selbst speisen. In einem hat Summers aber recht: Jeder Aufschwung ist derzeit fragil. Weil die Finanzkrise immer noch schwelt, weil Banken noch mit ausfallgefährdeten Krediten kämpfen und viele Menschen verunsichert sind, kann es jederzeit zum Konjunktureinbruch kommen.